Ennui, Baudelaire

Ennui – 1. Langeweile, 2. Überdruß, 3. Verdruß, Sorge; Ärger (veraltet: tiefer Kummer) (Sachs-Villatte von 1902)

Ennui, eine der zentralen Begriffe des ersten modernen Gedichtzyklus.

II en est un plus laid, plus méchant, plus immonde!
Quoiqu’il ne pousse ni grands gestes ni grands cris,
Il ferait volontiers de la terre un débris
Et dans un bâillement avalerait le monde;

C’est l’Ennui! L’oeil chargé d’un pleur involontaire,
II rêve d’échafauds en fumant son houka.
Tu le connais, lecteur, ce monstre délicat,
— Hypocrite lecteur, — mon semblable, — mon frère!
(siehe hier, dort auch mehrere englische Übersetzungen)

Wie wird er jeweils übersetzt?

Monika Fahrenbach-Wachendorff (deren Übersetzung mir die beste scheint):

(Doch unter allen Ungeheuern)

Ist eins vor allen häßlich und gemein!
Zwar schreit es nicht und scheint sich kaum zu regen.
Doch würd es gern die Welt in Trümmer legen
Und schlänge gähnend sie in sich hinein:

Die Langeweile ist’s! – das Auge tränenreich
raucht sie die Wasserpfeife, träumt vom Blutgericht.
kennst Du das heikle Ungeheuer nicht
– Scheinheiliger Leser – Bruder, der mir gleich!
(Baudelaire, Charles, Die Blumen des Bösen, Stuttgart 1992, p. 6)

Der Übersetzer Stefan George hat sich dem Text verweigert; er gehörte wohl zu den „abschreckenden und widrigen bilder(n) die den meister eine zeit lang verlockten“, „Segen“ sei das legitime Einleitungsgedicht (George, Stefan, Werke IV, München 1984, p. 233). Stefan George konnte auch als Übersetzer ziemlich herrisch sein.

In meinen Augen teils hochproblematisch, teils interessant ist Walter Benjamins sehr freie Annäherung:

Bleibt ein gemeinstes ärgstes zu erwähnen!
Wenn es auch nicht auf Lärm und Mimik hält!
Wünscht er den Erdball sich als Trümmerfeld
Und gern verschläng es eine Welt im Gähnen;

Der Spleen! (sic!) – Er raucht die Pfeife, tränend zählt er
Schaffot und Galgen in der Phantasie
mein Freund, Du kennst das diffizile Vieh
Freund – Hypokrit – mein Leser – mein Erwählter!
(Benjamin, Walter, Gesammelte Schriften IV – I, Frankfurt/Main, 1991, p. 68)

„Spleen“, ein weiterer wichtiger Begriff innerhalb der Blumen des Bösen („Spleen und Ideal“), hierher zu setzen ist zumindest kühn; vielleicht aber doch überkühn, wie so manche zu freien Übersetzungen Benjamins.

Carlo Schmid sagt „Verdrossenheit“:

Ist eins noch wüster, böser noch im Raffen!
ist leise auch sein Schrei und träg sein Flug –
Es lockert noch der Erde festen Fug
Und schluckt das All in eines Gähnens Klaffen:

Verdrossenheit! – Im Aug erzwungenes Weinen
Träumt es vom Block und saugt am Pfeifenrohr.
Du kennst es, Leser, mache Dir nichts vor,
Du Heuchler, o mein Bruder vor den Peinen!
(Baudelaire, Charles, Die Blumen des Bösen, Frankfurt/Main und Leipzig, 1976 u.ö., hier 2006, p. 10)

Alles wesentliche übersetzt, aber doch etwas zu ‚poetisch‘. „pleur involontaire“ ist kein „erzwungenes Weinen“…

Auch Kemps Prosaübersetzung (die übrigens belegt, dass Fahrenbach-Wachendorff bei weitem am Präzisesten gearbeitet hat) sagt „Langeweile“:

Ist eines häßlicher, und böser noch, und schmutziger! Ob
es auch keine großen Glieder reckt, noch laute Schreie
ausstößt, zertrümmerte es gerne die ganze Erde, und gäh-
nend schluckte es die Welt ein.

Die langeweile ists! – das Auge schwer von willenloser
Träne, träumt sie von Blutgerüsten, ihre Wasserpfeife
schmauchend; Du kennst es, Leser, dieses zarte Scheusal –
scheinheiliger Leser, – Meinesgleichen – Mein Bruder.
(Baudelaire, Charles, les Fleurs Du Mal /Die Blumen des Bösen, Frankfurt/Main 1962, p. 9)

Wilhelm Richard Bergers unverdient nicht ganz so bekannt gewordene Variante: „Überdruß“

ist eins noch häßlicher, noch böser und gemein!
Mag es die Drohgebärde und den Schrei verschmähn,
Es würde gern die ganze Welt in Trümmern sehn
Und schlänge sie mit einem Gähnen gern hinein:

Der Überdruß! Mit Augen, drein sich Tränen schleichen,
Die Wasserpfeife schmauchend, träumt er vom Blutgericht.
Du kennst es, Leser, dieses Scheusal ausgepicht,
Scheinheiliger Leser, du – mein Bruder – meinesgleichen!
(Baudelaire, Charles, Die Blumen des Bösen, München 1982, p.13)

Von der problematischen Behandlung des Metrums abgesehen ziemlich gut.

Therese Robinson hat sich damals schon für „Überdruß“ entschieden:

Das schlimmste, schmutzigste von allen Dingen,
Die Qual, die nicht gebärde hat noch Schrei,
Und doch die Erde macht zur Wüstenei
Und gähnend wird dereinst die Welt verschlingen:

Der Überdruß! – Tränen im Blick, dem bleichen,
Träumt vom Schaffot er bei der Pfeife Rauch.
Du, Leser, kennst das holde Untier auch,
heuchelnder Leser – Bruder – meinesgleichen.
(Baudelaire, Charles, Werke VI, Kösel, Kempten, oJ, p. (IV))

Was so natürlich zu ungenau ist („wird dereinst“ – nein, das steht da nicht!)

Soviel mal zu Übersetzungen von Gedichten.

Und dann dieses. Ennui, Die Langeweile, der Überdruß, der Intellektuelle, dem so „fad iss“ und der deswegen ungeheuerliche Dinge träumt, der „Dämon, des Name Stumpfsinn ist“ (Zauberberg)…, Entfremdung als Kernproblem – allein schon mit diesem Topos katapultierte Baudelaire sich in die Moderne. Was dann kommt, sind in der Tat auch „abschreckende und widrige bilder“. Und, Dialektik des Teufels, Georges Versuch, gegen diese Bilder anzuerziehen (ich nenne Baudelaire einen Realisten), führte dann über einige Umwege zum „Mann“ und seiner „Tat“*. Die Frage, ob George Hitler hat herbei schreiben wollen, ist müßig; moralische Fragen stehen hier nicht im Vordergrund. An ihren Wirkungen dürft ihr sie erkennen! Dass George Hitlern so „nicht gewollt“ hat, nehme ich ihm sofort ab. das ist aber unerheblich. Denn selbstverständlich ist er genau so gelesen worden, nicht zuletzt durch die Stauffenberg-Brüder.

Ansonsten verkrieche ich mich wieder einmal in diesen – hier stimmt es – Jahrtausendtext und verfluche mein miserables französisch… „Der Spleen“ (LXXV) die Übersetzung Robinson ist nicht sonderlich gelungen, das Original hier – Pikdame und Herzbube – man könnte dabei vergehen, so schrecklich schön spricht er von der Liebe und ihrer Vergänglichkeit. Übrigens (Romanisten an die Front!): Pluviose – ist das nicht einfach mit Pluviose (= Regenmonat im französischen Revolutionskalender) zu übersetzen?

___

*Der mann! die Tat! so lechzen volk und hoher rat
Hofft nicht auf einen der an euren tischen ass!
Vielleicht wer jahrlang unter euren mördern sass
In euren zellen schlief : steht auf und tut die tat.
(George, Stefan, Jahrhundertspruch, Ein dritter, in: Werke 2, München 1984, p. 119)

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