Adorno über Okkultismus

Nachdem ich hier mit einem schlechthin ekelhaften Kommentar belästigt wurde – es ging um Schamanismus als Gegenentwurf zum kapitalistisch-bolschewistischen-christlich-muslimischen Zersetzungs-Juden; ich habe sowohl den Kommentar als auch mein ursprüngliches Posting gelöscht; auch ich darf mal an meinen Magen und meine Nerven denken -, schlug ich noch einmal die einschlägige Passage bei Adorno nach:

„Okkultismus ist eine Reflexbewegung auf die Subjektivierung allen Sinnes, das Komplement zur Verdinglichung (meine Hervorhebung, hf). Wenn die objektive Realität den Lebendigen taub erscheint wie nie zuvor, so suchen sie ihr mit Abrakadabra Sinn zu entlocken. Wahllos wird er dem nächsten Schlechten zugemutet: die Vernünftigkeit des Wirklichen, mit der es nicht mehr recht stimmt, durch hüpfende Tische und Strahlen vom Erdhaufen ersetzt.
(…)
Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle.
(…)
Das zetert über den Materialismus. Aber den Astralleib wollen sie wiegen.“ (Adorno, Theodor W., Minima Moralia, Frankfurt/Main 1951, Auflage 1988, p.313, 315, 317)

Das ist das bis heute Klügste, was je über den ganzen Eso-Mist gesagt wurde, es gilt, was Adorno natürlich klar war, letztlich auch für jeden vulgär-irrationalistischen Faschismus, wobei es dem Faschismus nicht um Tante Ednas Botschaften aus dem Jenseits geht, sondern zB um „Bevölkerungspolitik“ – was sich als identisch erweisen kann. „Komplement zur Verdinglichung“ – einfach großartig. Meine erste nähere Bekanntschaft mit solcherart Denken – wenn der Begriff Denken hier denn statt haben kann – hatte ich auf eine meiner ersten Studentenpartys, woselbst mir ein schwungvoller Vertreter der – ich weiß gar nicht mehr, war es die „transzendentale Meditation“ (TM)? – erklärte, jeder habe sein Schicksal zuinnerst gewählt, auch KZ-Insassen hätten sich zuinnerst für diesen Weg entschieden. Ich hatte damals nicht die Traute, ihm den Rotwein in seine dumme Fresse zu kippen…

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Kommentare

  • altautonomer  On Juni 11, 2013 at 07:45

    Das Adorno-Zitat kannte ich bereits aus Minima Moralia. Stimme mit Deiner Einschätzung überein und erlaube mir, einige Literaturhinweise zu geben:

    1. Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus
    Hamburg: Konkret Literatur 2003 (3. unveränderte Auflage; 1. Aufl. 1997)

    2. Die Psychoszene (Colin Goldner) und das Beste ist

    3. Die Psychofalle (Karl-Heinz Joepen)
    „Zitat: Wer, wie Sartre, die Illusionen, seien sie nun aufklärerischer, wissenschaftlicher, psxchologischer oder ideologischer Art, wegräumt, macht Angst, weil plötzlich nichts mehr da ist, was die beunruhigende Realität verschleiern hilft.“

    Esoterik, der Okkultismus der Intellektuellen, lebt von der Schuldverschiebung der äußeren Bedingungen und Strukturen in das Individuum. Und findet man bei Papi und Mami keine Ursachen, wird direkt bis zur Placenta durchgestartet. Nun hör ich aber auf, sonst bekomme ich zu viel negative Energien.

  • che2001  On Juni 11, 2013 at 09:18

    Stimme da sehr zu, war bei mir ja auch schon einige Male Thema.

  • summacumlaude  On Juni 11, 2013 at 14:59

    „Wer war Ellen Brand?“
    (Vom Anschwellen des Okkultismus in Krisenzeiten wußte schon Th. Mann und vor ihm so viele.)

  • Dirk  On Juni 11, 2013 at 19:10

    Okkultismus ist subjektivierte Vernunft in Reinform. Es ist immer wieder bemerkenswert, wie gut dieser ganze Eso-Kram zum neoliberalen Zeitgeist passt. Dies dürfte einer Gründe dafür sein, aus dem dieser Kram vor allem bei den gebildeten Mittelschichten auf Zuspruch stößt.

  • ziggev  On Juni 13, 2013 at 23:05

    ja, das versuchte ich auch immer meinen Eso-Klienten (ich durfte für den Ullstein Verlag ein umfangreicheres Werk aus dem Bereich ins Deutsche übertragen) klarzumachen, dass das Eso-Ding früher einfach Okkultismus hieß und schon immer faschistioden Ideen nahestand. Natürlich Fehlanzeige. Bei allen erhellenden Momenten, die mir Adorno mit seiner Minima Moralia bescherte, sind mir allerdings die Ausführungen zum Okkultismus dortselbst eher verworren und undeutlich. Adorno kannte natürlich nicht die Esoterikmanie heutiger Zeit.

    Wichtig für uns Heutige allerdings die Gleichsetzung Okkultismus=Esoterik, mit ihren faschistioden Tendenzen oder diesbetreffenden Anfälligkeiten.

    Vielleicht sollten wir in der Tat wieder mit Adorno an dieser Stelle ansetzen, auch wenn es etwas hochgegriffen ist und Adorno sich in seiner Minima Moralia etwas verhaspelt – auch wenn wir die Lektion spätestens seit Th. Mann gelernt haben sollten.

    Wenn ich aber das Verlagsprogramm der Eso-Abteilung vom Verlag so durchschaue, habe ich eher den Eindruck, dass sich „Eso“ von seiner intellektuell geprägten Kundschaft so ziemlich verabschiedet hat. Es handelt sich dabei mittlerweile um offenbar hocheffiziente Weichspülmittel des Bewusstseins. Bei der Autorin, die ich übersetzte, handelte es sich wenigstens noch um eine südamerikanische Kommunistin, die sich um die Welt, von Kontinent zu Kontinent fickte, damit auch noch eine Eso-Botschaft (Tantra) verband und die davon schonungslos berichtet. Da ging es schon so manches Mal recht konkret zu. Was aber verkauft wird, ist „die Botschaft der Engel“ u. dergl.

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