Meese macht den Hitler (mit Edith)

Die Selbstverständlichkeit vorab: jede Kunst, auch schlechte, missglückte, nichtssagende, kann sich aller Materialien bedienen, die sich in der Wirklichkeit vorfinden lassen. Man muss schon sehr borniert oder Staatsanwalt sein, um in Meeses Hitlergruß Rechtsbruch zu sehen – oder wird ab sofort jeder historische Film über Nazideutschland verfolgt, weil in ihm ja auch Hakenkreuze zu sehen sind? Wenn Meeses Anwalt kein Volltrottel ist, wirds ein Freispruch – es sei denn, Meese will zahlen und macht aus seiner Zahlung eine Performance. Vielleicht mit „Erzüberweisung“ verschlagwortet… Edith sagt: das würde mich sogar beeindrucken.

Eine ganz andere, eine ästhetische Frage ist die nach der Qualität von Meeses Werk. Zum ersten Mal wahrgenommen habe ich ihn 1997, als ich Mitveranstalter eines kleinen Literaturfestivals in Hamburg war (Salon 97 nannten wir uns; na schön). Meese zeigte bei uns unten am Hafen eine Performance: im Bobby-Helm aus Plastik als Kinderspielzeug – ich meine, es war ein Bobby-Helm, keine Pickelhaube – kommentierte er Mobby Dick; sie endete mit jenen Bildern aus der Houston-Verfilmung, in denen Ahab (Gregory Peck) uns noch einmal winkt… Meine Güte: Seine Performance war nicht schlecht, aber auf den Gedanken, etwas Einzigartigem beizuwohnen, ist wohl keiner von uns gekommen. Mag sein, dass unbewusst Futterneid mitspielt, aber ich halte den Meese-Hype für albern, und ihn für hoffnungslos „überfeiert“ (eine geniale Wortschöpfung Peter Rühmkorfs) und überschätzt. Ich meine: Mariola Brillowska (die damals ebenfalls bei uns auftrat) war um keinen Deut schlechter; natürlich auch um keinen Deut besser. Ich biete eine Performance an, in der die Rheintöchter im Rhönrad turnen, während der Chor immer „Juden ficken, Ratten ficken, Macht ist Liebe, Liebe Macht“ skandiert… im Hintergrund Dreyfus‘ „ich bin unschuuuldig“ (war es nicht die Kortner-Verfilmung?), nur die Tonspur, und auf der Leinwand läuft ein Stummfilm, am besten Caligari. Links am Rand ein Galgen mit der Inschrift „Ich bin Euer Erlöser“. Nachdem alle experimentellen Messen gelesen sind, und zwar seit Jahrzehnten, wäre meine Performance vermutlich so gut oder so schlecht wie die Meeses, was nicht viel besagte: beide litten an der Unverbindlichkeit, der Beliebigkeit des Arrangements. Solche Bilderarrangements kloppt man doch, wenn kunst- und literaturgeschichtlich halbwegs gebildet, in fünf Minuten runter. Hinterher ist die Welt wie vorher, nämlich schlecht. Meeses Manifest vom 30.05. zeigts auf fast schon unfreiwillig komische Art. Kunst ist also die Erzsumme aller Evolutionen? Na denn… (Edith fragt: oder lacht er klammheimlich über uns? das hätte was…)

Jetzt hat im Jahre des Christenherrn 2012 Meese also ’n Hitlergruß gezeigt: Wie aufregend, wie provozierend! Allein für dieses peinliche Provokatiönchen ausm Kunstbaukasten sollte der Strafbefehl, juristisch unhaltbar, doch durchgehen.

Ich aber beschloß, ein Sonett zu schreiben. Ha, das war ne Provokation, wie?

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