Als ich beinahe einmal Wagner inszenierte…

Natürlich unterstütze ich Aloni und Tiran in ihrem Protest; das Absetzen einer Wagner-Inszenierung, die, inhaltlich treffend, Wagner mit Nazi-Deutschland verknüpft, ist absurd. Die medizinische Begründung überschreitet sogar die Grenze zur Burleske. ‚Mussten sich in Behandlung begeben’…und niemand lacht schallend los. Höbel hat völlig recht:

Mindestens zehn Premierenbesucher, so wird in Düsseldorf berichtet, hätten sich nach der Premiere in ärztliche Betreuung begeben müssen. Das hat für die Absetzung gereicht. Die Deutschen haben in ihrer jüngeren Geschichte sechs Millionen Juden umgebracht, aber wenn sie im Jahr 2013 auf einer Opernbühne daran erinnert werden, rufen sie nach dem Onkel Doktor.

So weit, so banal. Das Wagner-Gesindel, das Siegfried am Liebsten immer noch im Flügelhelm sähe, braucht uns wirklich nicht groß zu interessieren. Hat jedoch, mit allem Respekt, Yakov Hadas-Handelman überhaupt zur Kenntnis genommen, worum es Kosminski ging? Ich habe den Eindruck, das ihn irgend wer einfach angespitzt hat – „Du, die spielen Wagner mit Hakenkreuz“ -, und er dann, weiß Gott nachvollziehbar, gar nicht mehr genau hinschaute. Im Tannhäuser, grob gesagt, geht es, wie immer bei Wagner, um Schuld, Vergebung, Erlösung durch die Liebe. Erlösende Liebe ist Unschuld. „Was wären wir ohne diese Schuld?“ frug Syberberg. Worauf Lettau kühl und zutreffend: Auf diese Frage sei eine Antwort möglich. Ohne diese Schuld wären wir unschuldig. Es gibt diesen Zustand der Unschuld nicht – vielleicht nirgends, in jedem Fall nicht in Deutschland. Das zu zeigen, scheint Kosminskis Ansatz gewesen zu sein – und wenn es denn so war (da die Inszenierung abgesetzt wurde, kann das derzeit keiner mehr überprüfen), was wäre dagegen zu sagen? Der zum Schluß im Tod erlöste Tannhäuser, dieser Wahrheits- und identitätssucher ein schlichter Mörder…vorzüglich!

Wo „darf“ man Nazi-Symbolik künstlerisch „einsetzen“? herrje, überall natürlich. Ob das künstlerisch angemessen erfolgt ist, darüber befindet allein die öffentliche Debatte über Kunst, die nach meinem Werkverständnis immer als Teil des Werks selber angesehen werden sollte. Aber einfach verbieten ist, erstens, Zensur und also sowieso und allemal falsch (das würde als Argument gegen das Absetzen der Inszenierung völlig genügen). Zum zweiten ist diese speziell deutsche, verquaste Art des Umgangs mit Nazi-Symbolik einfach nur beklemmend. Am Kurt-Huber (!!!)-Gymnasium – Huber war bekanntlich hingerichteter Widerstandskämpfer, und selbst als solcher nicht frei von antisemitischer Borniertheit – führte die Theatertruppe 1981 Ariane Mnouchkines Mephisto-Adaption auf. Im ursprünglichen Plakat gab es, huch, wie schrecklich, ein Hakenkreuz. das wurde vom Direktor selbstredend zensiert, da es ja verfassungsfeindliche Symbole enthielt. Eberhard Spangenberg summiert in seinem noch heute lesenswerten Buch über Klaus Manns Mephisto (Spangenberg, Eberhard, Karriere eines Romans, Mephisto, Klaus Mann und Gustav Gründgens, Reinbek 1986, p. 286, ursprünglich München, 1982, dort auch die heute ggfls verbotene Darstellung nicht nur des zensierten, sondern auch des unzensierten Theaterplakats) etwas zu optimistisch: „In diesem Fall wachte nicht die Staatsanwaltschaft, sondern ein gesetzesfester Oberstudiendirektor (…)
So aber sind diese hoffentlich letzten (sic!), in ihrer Wirkung belanglosen Eingriffe Zeichen der Unsicherheit der staatlichen „Obrigkeit“ gegenüber ihren Kritikern (…)“ Schön wärs. 32 Jahre später wird eine Oper abgesetzt, weil in ihr, historisch zutreffend, eine Gaskammer dargestellt wird…

Ich selber, ein bißchen Größenwahn schadet nie, habe mir mal überlegt, wie ich den Ring inszenieren würde. Weit gekommen bin ich nicht (was macht man mit Loge?). Allemal aber hätte ich die Rheintöchter in BDM-Uniform gesteckt und sie auf dem Rhönrad (dem ‚deutschesten‘ aller Turngeräte) turnen lassen: Keine Unschuld in Deutschland, nirgends. Im weiteren Verlauf hätte ich mich von Manns Wagneraufsatz von 33 (ja, genau der!) inspirieren lassen. Mann rehabilitiert Wagner, indem er ihn partiell als Parodie seiner selbst deutet – die Parodie als Nachromantik oder kritische Romantik, man erinnere sich an Heinrich Heine und auch an Wagners widerwärtiges Verdikt über ihn: „Dies Deutschtum (Wagners, hf) also, so wahr und mächtig es sei, ist modern gebrochen und zersetzt (sic!), dekorativ (doppel-sic! Natürlich hat Mann recht! hf), analytisch, intellektuell, und seine Faszinationskraft, seine eingeborene Fähigkeit zu kosmopolitischer, zu planetarischer Wirkung kommt daher. Wagners Kunst ist die sensationellste Selbstdarstellung und Selbstkritik deutschen Wesens, die sich erdenken läßt (…)“ (Mann, Thomas, Leiden und Größe Richard Wagners, zitiert nach: Mann, Thomas, Essays, Band 3: Musik und Philosophie, herausgegeben von Herrmann Kurzke, Frankfurt/Main 1978/82, p. 111). Wäre ich Antisemit und nähme ich daraufhin Manns Beschreibung Wagners Ernst (letzteres tue ich sogar), ich erklärte Wagner zum Juden. (Interessanterweise sah das Gustav Freytag nicht anders!) Der Selbsthaß des modernen Intellektuellen (warum, ach, warum ist mir die naive Lebensfreude und Hingabe nicht gegeben?) ist bei Wagner sicherlich ein wesentlicher Faktor. Er dürfte, ich hau mal einen raus, bei nicht wenigen Rechtsintellektuellen, wenn nicht bei allen – Modellfall: Spengler – eine Rolle spielen. Die Sehnsucht nach der Unschuld = wahrer Liebe als Movens… Allerdings darf auch er nicht zu einer dann versteckten, also besonders niederträchtigen Entschuldungsstrategie führen. Haß geht nicht, Mord geht nicht, Haß und Mord fallen aus wegen iss nich, und das zu begreifen sollte so schwer nicht fallen, wenn man denn schon Intellektuelle/r ist. Alle Intellektualität in Ehren, und alle „Nachtgeweihte“ (Novalis/Wagner, vergl Mann, aaO p. 93), aller Rausch…es gibt Dinge jenseits aller Kunst, die ja nicht umsonst ein enges begriffliches Verhältnis mit der Künstlichkeit pflegt, die denn doch wichtiger sind. Vielleicht muss man auf dem Venusberg gewesen sein…vielleicht. War ich da? Waren Sie da? Oder holt Wagner sich seine Attraktivität nicht doch durch die Suggestion, er sei in Regionen zuhause, die Ihnen wie mir fremd sind?

Zurück zum Anlaß: Wer Wagner nur goutieren will, um sich als Mitglied der happy few zu fühlen, war bei Kosminskis Inszenierung zweifellos fehl am Platze. (Gut so!) Was tun? (frug mal einer und ging fürchterlich fehl in seiner Antwort) Ich schlage vor: Die Inszenierung wieder aufnehmen, und auf 3sat und/oder arte, besser noch ard/zdf/iba live senden. Dass aka ob die Inszenierung unbrauchbar ist – das sollte das Publikum selber feststellen (können). Ohne laienmedizinisches Gutachten vorab. In Kosminskis Inszenierung wird dargestellt, wie Menschen vergast werden. Präziser: Wie Menschen andere Menschen vergasen. Noch präziser: Wie jüdische Menschen durch deutsche Menschen vergast werden. Es wird also die Wahrheit dargestellt. Da man die gar nicht präzise genug darstellen kann, sage ich: Her mit der Sendung!

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Kommentare

  • hANNES wURST  On Mai 31, 2013 at 09:31

    Vielen Dank, dass Sie sich des Themas annehmen. Zwei Dinge sind es, die mir wie Vorboten eines weiteren deutschen Verspießungsschubs – hier insbesondere in NRW – vorkommen: das totale Kneipenrauchverbot (wollt Ihr das?) und die Absetzung dieser Inszenierung. Ich musste auch daran denken, dass so etwas bisher nur innerhalb bestimmter Sphären möglich war, in der Schule, in der Kaserne zum Beispiel. Undenkbar, dass Prof. Christoph Meyer einen derart kulturlosen Akt vollzieht – und überlebt! Wahrscheinlich bereitet er seinen Posten im Aufsichtsrat eines deutschen Konzerns vor (Rheinmetall würde passen).

  • genova68  On Mai 31, 2013 at 09:39

    Die Absetzung nach exakt einer Aufführung hat was. Gab es sowas in Deutschland schon einmal? Es zeigt auch die katastrophale Geistessituation von Düsseldorf. Die Stadt ist eigentlich am Ende.

    Dazu:

    http://exportabel.wordpress.com/2013/05/29/huther-mag-heine-historisch-betrachtet-siegt-die-luge/

  • hANNES wURST  On Mai 31, 2013 at 10:05

    Es ist richtig, dass Düsseldorf am Boden liegt, der geistig-moralische Verfall des Rheinlands wurde jedoch von der Berliner Republik vorangetrieben, nachdem die eigene Hauptstadt bereits entkernt und erfolgreich von Schäubles Schwabengeschwader eingenommen wurde. Die Hauptstadt steht somit Modell für die Verdrängung des individuellen Lebensstils durch eine ökonomisierte, leicht regierbare, für die Ziele der Eliten gut nutzbare Menschenmasse.

  • Bersarin  On Mai 31, 2013 at 10:32

    @ Hartmut
    So ist es. Die, welche diese Inszenierung verbieten und die zum Arzt rennen mußten, benötigten keinen Arzt, wenn fast 70 Jahre nach Auschwitz und Deutschem Gas und Deutschen Wärtern in Vernichtungslagern diese nun ermittelt werden, während in der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ in Ludwigsburg, die eigentlich zur Ermittlung angehalten sein sollte, die Akten dazu seit Jahrzehnten schlummern.

    Das Grauen als Grauen darzustellen, und zwar inmitten einer der arriviertesten und konventionellsten Formen des Kunstbetriebes, nämlich der Oper, scheint mir mehr als angemessen. Ob das nun ästhetisch und von der Inszenierung her gelungen ist? Dies sollte das Publikum wohl selber feststellen können. Und wer vor dem Dreck von 33 bis 45 und vor so etwas wie der NSU und den darin involvierten staatlichen Organen nicht kotzen und zum Arzt rennen muß, der sollte es anderswo ebenfalls besser unterlassen. Verlogene Doppelmoral und amusisches Denken in einem.

  • NoerglerNörgler  On Juni 4, 2013 at 08:30

    @ „Rheinmetall würde passen“
    Da fiel mir spontan ein: „Rheinmetalltöchter“.
    Auch in diese Richtung könnte inszeniert werden.

    • hf99  On Juni 4, 2013 at 08:35

      Und das Rhönrad hart wie Kruppstahl…

      • summacumlaude  On Juni 4, 2013 at 09:01

        Und Rheintochter! War das nicht eine Nazi-Rakete?

        • summacumlaude  On Juni 4, 2013 at 09:13

          Müttergebet

          Das Wissen kraucht
          von Hand zu Hand
          Reine Töchter braucht
          das Vaterland

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