Critical Whiteness, some remarks

Immer und immer wieder möchte ich zum Thema endgültiges formulieren; und es geht mir nicht von der Hand. Dass mir ein long essay dazu nicht gelingen mag, ist ein Zeichen. Denn seit Jahrzehnten kenne ich diesen Diskurs mit seinen ewig gleichen Gesetzlichkeiten, seit Jahrzehnten bin ich über das, was mir „nicht dabei hilft, ich selbst zu sein“ (Thomas Mann) informiert, seit Jahrzehnten schüttel ich ratlos den Kopf über soviel…Dummheit? Gemeinheit? Vermutlich beides… Die Anläße für die industriell hergestellte Empörung mögen wechseln, die Grundstrukturen bleiben sich gleich: Wenn, so erzählt che absolut glaubhaft, eine Band X ihren Übungsraum verliert, weil es der konkurrierenden Band Y gelungen ist, X einen haltlosen Sexismusvorwurf reinzusemmeln, dann haben wir hier ein Problem, und dieses Problem ist nicht nebensächlich! Wer jetzt anrückt und erklärt, „angesichts des Problems Sexismus“ sei dieser Vorgang egal, ist schon in die Falle gegangen!

Hier meine neuesten Notizen. Bruchstücke. Als Vorgriff auf einen long-Essay, der wohl nie geschrieben wird. Manches wiederholt sich, manches muss miteinander abgeklärt werden…nun gut.

Es tut mir leid, aber ich bin nicht bereit, mich zerknirscht zu geben wegen irgend welcher Eigenschaften, die mir zukommen qua Geburt oder aus sonstigen von mir nicht zu vertretenden Gründen. Grundmetapher dieser Haltung, deren tiefe Verlogenheit mit allen Händen greifbar ist: Du bist schuldig, weil Du bist!

Ich glaube, dass die eindeutige Täter-Opfer-Zuschreibung, die hier im Hintgergrund natürlich formierende Kraft ausübt, einfach idiotisch genannt werden muss. (Täter-Opfer, die Dialektik der Dummen! Wer ist Täter, wer Opfer?)

Sucht nach Eindeutigkeit – bijektive Abbildung. Der Spießer bei der Arbeit. Wo die Postmoderne Recht hat, hat sie Recht… Es gibt keine Eindeutigkeit jenseits der Schulbücher.

Ich fand den billigen Gestus des „ich-sage-wieder-Neger-weil-das-die-political-correctness-Spießer-so-ärgert“ immer zum Kotzen (Nietzsche für verkommene Kleinbürger sozusagen!); fast genau so schlimm aber sind die, die das Wort „Neger“, das nun einmal zu unserer Sprachgeschichte gehört, unter Nennungsverbot stellen – selbst dann, wenn der Gebrauch in kritischer Absicht erfolgt. Übrigens hat „Neger“ eine andere Wortgeschichte aufzuweisen als „Nigger“, „Bimbo“ oder „Kaffer“. Letztere waren immer schon eindeutig rassistisch. „Neger“ indessen war lange Zeit auch die innerhalb der Gruppe akzeptierte Zuschreibung. Nicht nur zum Beispiel Böll, Frisch und Arendt – auch etwa Martin Luther King selber sprach so. Dass das Wort per heute auszufallen hat wegen iss nich, ist schon klar – aber woher dieses Hyperventilieren? Ich soll doch hoffentlich nicht den Verdacht haben (ich habe ihn natürlich!), dass der Kampf gegen das sog. N-Wort als Moralersatz fungiert? Bildungsprivilegiert aufgewachsene Bürgerskinder – in spätestens 5 Jahren werden sie meine Vorgesetzten sein – mimen kostengünstig Moral. „Und damals habe ich gegen das N-Wort mit demonstriert, ich kann ja gar kein/e Rassist/in sein!“ wird der/die stellvertretende Leiter/in der Arbeitsagentur in Bottrop 2019 lallen…und schickt Benjamin Etoo aus Kamerun eiskalt in die Sanktion. – „Der wollte wirklich nicht arbeiten!“ – Schwarz-grün wird kommen. Innerlich ist das Land längst schwarz-grün. Faustregel (qua eigener Erfahrung dutzendfach bestätigt!): Die, die vorderhand moralisch besonders hart und mit viel Teremtemtem argumentieren, haben längst ihre Prämien für die Rückversicherung entrichtet.

Die critical whiteness als neueste Form progressiver Dummheit und Dumpfheit. Neopietistische Selbstzerknirschung; mit schlecht angelesenen postmodernen Textheorien notdürftig aufgepeppt.

Natürlich ist der schmierige Kleinbürger, der davon faselt, dass die „faulen Griechen uns die Haare vom Kopp fressen“, restlos entfremdet. Aber der talkshow-kompatible Handlungsreisende in Sachen Empörung, selber Privilegien nutzend, ist es eben genauso.

Woher die offenbare Lust am moralischen Haberfeldtreiben? Trischta – Kritik und Selbstkritik. Fehlen nur noch säkulare Klöster…

Wäre ja alles egal. Aber das so to speak offenkundig Richtige so offenkundig falsch zu bestreiben, das schmerzt. Und es verweist auf etwas. Auf was?

Adornosch gesprochen: Es gilt, das Moment des Wahren in der konservativen Totalitarismusthese aufzufinden. Dass die Linke sich beharrlich weigert, sich einmal mit Arendts Argumentation in den ‚Elementen‘ auseinander zu setzen, bleibt ein Unglück. Die Totalitarismusthese wird politisch vernutzt – klar, weiß ich, ich bin ja nicht blöde. Aber ist sie deswegen falsch?

Das Schlimmste: Wenn solcherart falsches Denken auf Menschen trifft, die es ehrlich meinen, die aufrichtig an einer substanziellen Veränderung interessiert sind, die es, deutlich gesagt, ankotzt, in einem Land zu leben, welches eine der führendsten Waffenschmieden dieser Welt ist.

Moraldiskurs: moralistisch sei das Gegenteil von Moral, gab Thomas Mann seinem Bruder mal zu bedenken, und er hatte und hat Recht. Wer, anstatt mal über Waffenhandel und dessen Rolle beim Generieren ‚unseres‘ Wohlstands nachzudenken (meiner ist es nicht; schön wärs!), lieber beim N-Wort moralisch hyperventiliert, den nehme ich nicht Ernst!

Das eigentliche Problem: Die marktkonform hergestellte Empörung empört sich über Dinge, über die zu empören wahrlich aller Anlaß da ist! Nur ist per Markt die Empörung sozusagen schon wieder gehegt, eingenordet (oder – südet; egal), ist alles schon wieder Teil des Spiels „Moral“ (instead of Moral ohne Tüttel-Tüttel). Empörung ist teil des Spiels, ihrer hat man sich per Talk-Show zu entledigen. Der Rechtshegelianer Luhmann hätte ja sogar Recht, wenn er nur eine Lücke in seiner Analyse gelassen hätte! (Aber dann wäre er kein Rechtshegelianer mehr gewesen – ach, muss nicht alles so sein? Nein, es muss nicht alles so sein…!) Kierkegaards, nein, Kants erste Wahl, die Wahl, überhaupt zu wählen… Das radikale Böse (hier weiterlesen! Kants Religionsschrift – wichtig!)

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Kommentare

  • neumondschein  On April 29, 2013 at 18:01

    Nebenbei gesagt: Kaffern gibt es wirklich, genau wie Hottentotten, Vandalen, Fidschis und Kanaken. Das sind alles Bezeichnungen für ethnische Gruppen, meistens aber nicht die Gruppen, die die Beschimpfenden im Sinn haben.

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