Fall Bence Toth III (NSU-Prozess)

Ich hatte noch Zweifel; aber die sind jetzt so gut wie verflogen. Siehe hier:

Im August 2008 war Benedikt T. vom Schwurgericht zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt worden. Die Strafrichter erklärten damals: Für sie stehe zweifelsfrei fest, dass Benedikt T. seine Tante aus Habgier und aus Angst, sie könne ihn enterben, erschlagen habe. In der Urteilsbegründung führte die Strafkammer unter anderem aus, T. habe ein Motiv gehabt. Er habe damit rechnen müssen, dass seine Lebenslüge auffliege. Jahrelang habe er seiner Familie und Freunden vorgegaukelt, er studiere erfolgreich Jura.

Benedikt T. hingegen sagt, er habe sich seiner Tante längst offenbart gehabt, was Böhringers Steuerberater gestern vor dem Landgericht bestätigte. „Sie hat gesagt, er hat sein Studium beendet und war verärgert darüber“, so der Steuerberater. „Hätte sie geglaubt, er habe das Studium erfolgreich beendet, dann wäre sie wohl kaum verärgert gewesen.“ Dies habe er so auch schon im Strafprozess ausgesagt. Doch die Richter gaben in ihrem Urteil an: Das Wort beenden könne auch auf einen erfolgreichen Abschluss hindeuten. „Ich höre heute zum ersten Mal, dass ich so interpretiert wurde“, so der Steuerberater. „Darüber wundere ich mich schon.“(meine Hervorhebung, hf)

Vorausgesetzt, das stimmte so: Wahnsinn! Damit fiele schon mal das angebliche Motiv des Angeklagten, wie es Anklage und Urteil sich zurecht gebastelt haben, in sich zusammen. Und damit fiele die Anklage in sich zusammen, denn sehr viel mehr hatten sie nicht; alle anderen sog. Indizien sind ’natürlich‘ erklärbar. Ich bin da etwas außer mir. Das darf doch wohl nicht wahr sein… Bisher war es ein Verdacht, jetzt erhärtet er sich: Die hochwohlgeborene Münchner Juristengesellschaft hats wohl einfach einen Außenseiter, einen kleinen Studienabbrecher entgelten lassen. Der soll dem NSU-Prozess vorstehen? Na Dank auch schön… Vermutlich wird Toth die Wiederaufnahme bekommen (und natürlich gewinnen, wenn der Steuerberater bei seiner Aussage bleibt – was er ja wohl tun wird, weil ansonsten eine Straftat vorläge), aber erst nach dem NSU-Prozess, wie?

Ferner, siehe hier:

Am 14. Mai hatten Sasses Mitarbeiter im Auftrag der Verteidigung den Tatort gescannt, fotografiert und gefilmt. Bereits eine Woche später hatten sie die 3 D-Bilder ausgewertet, mit denen sich je nach Spurenlage sogar ein Verbrechen digital nachspielen lassen könnte. 9.500 Schweizer Franken hat die Rekonstruktion gekostet. Das Gericht hatte diese Methode nicht in Auftrag geben wollen, aber immerhin zugestimmt, den Gutachter anzuhören.

Doch bei der Vernehmung wurde der Gutachter dann vom Vorsitzenden Richter Manfred Götzl attackiert. Für Benedikt T.s Anwalt Witting zeigte diese ungewöhnlich raue Behandlung einmal mehr, wie befangen die 1. Strafkammer hier sei. Die Kammer sei nicht bereit, ein Gutachten auch mal hinzunehmen.

Toth ist, wie bekannt, Linkshänder.

Sollte da schnell mal die Münchner Aufklärungsquote hochgejazzt werden? Ich habe bisher vor Josef Wilfling (inzwischen pensionierter Ermittler – „Sogenannte anständige, unbescholtene Bürger bringen mehr Menschen um als alle Berufsverbrecher zusammen“, sagt Wilfling) wirklich Respekt gehabt, kann mir diese fehlerhaften Ermittlungen nicht erklären. Hat Wilfling die Kaufmann-Erfahrung nicht etwas demütiger gemacht? (Und es ist selbstverständlich fehlerhaft, eine solche Aussage des Steuerberaters derart misszuverstehen – wenn denn ein Missverständnis vorlag. Ich denke an Harry Wörz und muss auch schlimmeres als nur ein dann allerdings hanebüchenes Missverständnis für möglich halten.) Jede und jeder, die und der mit Strafrecht befasst ist, muss sich immer vor Augen halten, wie subtil die Wirklichkeit ist, wie schnell Unschuldige sich verstricken können. Strafrechtler müssen innerlich bereit sein, den zweiten, dritten, vierten Blick zu riskieren. „Die einfache Geschichte war unförmig geworden“ (Franz Kafka, Der Proceß) – ich habe Kafkas Jurastudium nie für einen Zufall gehalten.

Richter Götzl wird jetzt also dem NSU-Prozess vorsitzen. Ich sehe nur einen nicht: Den Kurt Tucholsky, der diesem Prozess den angemessenen Prozessbericht schreibt.

Ich bitte die Bloggosphäre, bitte burks, Roberto, feynsinn, die Nachdenkseiten, undundund, bitte alle, die an einer kritischen Untersuchung vermittelter Öffentlichkeit ein Interesse haben, diese unglaublichen Vorgänge rund um Richter Götzl zu thematisieren. Und ich bitte darum – ich selber kanns nicht -, diesen Prozess mit aller Macht kritisch zu begleiten.

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: