Alles klebte, schacherte, tauschte (Unser Deutschland)

rewe

Ich habe es getan!

Ich habe es mir besorgt.

Das neue Penny/Rewe/Nahkauf-Sammelalbum „Unser Deutschland – Eine Liebeserklärung in 180 Stickern“. Mit viel Erröten erstand ichs, im Penny meines Vertrauens. Und stammel seither, wenn mich die nette Kassiererin fragt „Sammeln Sie unsere Sticker?“ ein „Ja“. Denn jetzt gilt es: Eifrig sammeln, kleben, schachern, tauschen. Damit es sich schnell füllt.

Und was da nicht alles die Liebe unserer Kinder zu „unserem“ Land befeuern soll!

BMW zum beispiel: „Neben dem erfolgreichen Bau von Flugzeugmotoren…“, jaaa, so kann man das natürlich auch sagen.

Richard Wagner? Nicht nur ein großer Komponist, sonder auch ein bedeutender Schriftsteller.

Graf Zeppelin „tüftelte weiter und verhalf dem Zeppelin zu großer Popularität“. Besonders bei den Londonern

Der Reichstag? Brannte 1933 irgendwie ab. Soll vorkommen.

Auch auf „Relativitätsprofessor Einstein“ (O-Ton der damaligen deutschen Presse) sollen unsere Kinder stolz sein. „Mit seinen genialen Erkenntnissen veränderte Albert Einstein die Welt. Er starb mit 78 Jahren in Princeton/USA“ Sicher ein Scherz der Redaktion.

Unter Fußball lese ich (natürlich findet im Stickeralbum nur Männerfußball statt): „Die besten deutschen Spieler werden mit etwas Glück von Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw in den Kader der Fußball-Nationalmannschaft berufen, um unser Land bei Welt- und Europameisterschaften zu vertreten. Dann heißt es für alle: Daumen drücken!“ Dieses „alle“ ist das heimliche offene erzählerische Zentrum des Werks, darauf treibt der Montageroman zu.

Manches ist einfach nur skurril. Warum der Fußballer Thomas Müller einen eigenen Sticker erhält, weiß er, mit allem Respekt, wohl selber nicht so genau. Und was Honigbienen nun ausgemacht mit Deutschland zu tun haben sollen, erhellt sich weder ihnen noch uns auf Anhieb.

Immerhin: Auch der Rattenfänger von Hameln findet Erwähnung. Ob das ausreicht, ob die Kinder diesen hintersinnigen Hinweis verstehen?

Mir ist jedes Land suspekt, in dem Meinungsführer Patriotismus barsch einfordern – weil mir Patriotismus suspekt war und bleiben wird. Was, wen, wozu, wofür soll ich da „lieben“? Wie „liebt“ man ein „Land“? Unter dem Stichwort „Goethe“ finde ich Antworten: „An den Goethe-Instituten, die es in vielen auf der ganzen Welt gibt, wird nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die Kultur und Politik (meine Hervorhebung, hf) unserer (sic!) Heimat vermittelt.“ Meine Politik wird dort bestimmt nicht vermittelt… Patriotismus, das war, das ist, das wird immer das schäbige, falsche ‚wir‘ bleiben. Es gibt keinen „positiven“ Patriotismus. Patriotismus ist die Lüge selbst.

PS: Ich sehe gerade, dass Hektor Brehl auf vice.com mir da vieles schon von den Lippen genommen hat. Zwei Dumme, ein Gedanke… (Mit interessantem Screenshot von der offiziellen Rewe-Seite. Ayse xxx hatte gefragt, obs wohl auch ein Klebebildchen von Beate Zschäpe gebe (leider nein…), und was ihr der geläuterte, positive, neue deutsche Patriotismus darauf antwortete, mag man bei Hektor Brehl nachlesen…)

PS 2: und da man diesen Jahrhunderttext gar nicht häufig genug zitieren kann: „(…) (ich) habe (…) nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv „geliebt“, weder das deutsche, noch das französische, noch das amerikanische, noch etwa die Arbeiterklasse oder was es sonst noch so gibt. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig.“ (Arendt, Hannah, Brief an Scholem, in: Arendt, Hannah, Ich will verstehen, Selbstauskünfte zu Leben und Werk, herausgegeben von Ursula Ludz, München 1996/97, p. 30-31)

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Kommentare

  • Wolf-Dieter  On April 21, 2013 at 08:48

    Es gibt mindestens 2 (zwei) Gründe, stolz auf Deutschland zu sein:

    1) Düsseldorfer Löwensenf, extrascharf
    2) Leberwurst (ganz allgemein).

    Sind die in den Sammelbildchen vermerkt?

    • hf99  On April 21, 2013 at 09:02

      leider nein. Aber eine gute Anregung für die nächste Auflage.

  • summacumlaude  On April 21, 2013 at 09:46

    Der Düsseldorfer Löwensenf kommt doch von Aldi, oder? Da ist Rewe dann das merkantile Unterhemd doch näher als die patriotische Unterhose.
    Mir fallen so „spontan“ nur noch die Helden von Cordoba ein.

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