Fall Bence Toth

„Das kann mir niemand erzählen“, sagt Peter Witting, „dass sich jemand in nur fünf Tagen in ein derart kompliziertes Prozessgeschehen einarbeiten und sich fundiert mit unseren Argumenten auseinandersetzen kann. Das Recht ist auf der Strecke geblieben. Die Anwaltschaft hat zu Recht schon lange ihr Vertrauen in das Rechtsmittel der Revision verloren.“

Ich bin erst jetzt an den Fall Bence Toth geraten, aber so langsam wird mir da mulmig. Ich möchte es jetzt einfach wissen. Was war da, was ist da? Toth, Jura-Studium (wenn auch abgebrochen) schickt den Anwalt wieder nach Hause? Charlotte Böhringer hatte für die Tatzeit eine unklare Verabredung mit einem bis jetzt Unbekannten? Toth ist eindeutiger Linkshänder, die tödlichen Schläge wurden jedoch mutmaßlich mit rechts geführt?

Manchmal können auch die „Laber-Fächer“, wie zum Beispiel Literaturwissenschaft, den an Präzision orientierten Besseranalytikern einiges beibringen. Gelfert hat in seinem vorzüglichen Bändchen „Wie interpretiere ich ein Gedicht“ einen guten Tip gegeben: man möge über die Sollbruchstelle in ein Gedicht einsteigen. Genau so halte ich es mit Kriminalfällen. Wo passt etwas nicht, wo ist etwas „komisch“, worüber stolpere ich. Meine Sollbruchstellen nannte ich. Es gibt hier weitere. Das Urteil verurteilt nach 211 StGB mit besonderer Schwere der Schuld, obwohl das Tatbild, einmal unterstellt, Toth sei der Täter, eher auf einen Totschlag im Affekt hinweisen würde (sog. „Übertötung“, ein Gewaltexzess). Wieso, wenn schon „schuldig“, diese in meinen Augen auch rechtswidrige Härte des Urteils? 211 wäre schon fragwürdig, aber auch noch besondere Schwere der Schuld? Sollte hier ein Exempel an einem „Looser“ statuiert werden?

Um den Fall beurteilen zu können, müsste ich jetzt genaueres über die Spurenlage am Tatort wissen. Dass eine DNA-Spur Toths auf Charlotte Böhringers Jacket nichts besagt, sollte klar sein – sie kann in einer unverfänglichen Situation entstanden sein; der Auffindesituation zum Beispiel. Entscheidend für meine Bewertung des Falles – ich finde dazu in der Öffentlichkeit leider nichts – sind folgende Fragen:
a) Einmal unterstellt, es gäbe den fremden Unbekannten – welche Spuren hätte er am Tatort hinterlassen müssen?
b) Wurde das Problem a) abgeklärt, oder hat man, nachdem man Toths DNA-Spur fand, einfach „Treffer!“ gedacht und nicht weiter analysiert?
Ich rede jetzt nicht von der obskuren Herrmann-Spur, jedenfalls nicht primär. Die ist zwar auch wichtig, aber in m.E. anderen Zusammenhängen. (Meine Vermutung: Es handelt sich um die DNA-Spur eines LKA-Spezialisten, beigebracht bei der Spurensicherung. Das würde immerhin auf ungeheuer schlampige Tatortarbeit hinweisen.) Am direkten Tatort, dort, wo die Leiche aufgefunden wurde, müsste es Spuren des fremden Unbekannten gegeben haben. Im übrigen muss es viele unverfängliche DNA-Spuren gegeben haben, Charlotte Böhringer hatte ja Sozialkontakte. Sind diese Spuren alle abgeklärt?

Man sollte überhaupt etwas kritischer gegenüber DNA-Spuren sein. Dass dort eine DNA-Spur von mir oder von Dir aufgefunden wurde besagt einfach nur, dass dort eine DNA-Spur von mir oder Dir ist; mehr nicht. Es geht immer um eine Gesamtschau. Wie könnte die Spur dort beigebracht worden sein, wie ist das zu bewerten.

Am fischigsten: dass ihm sein Studienabbruch so negativ ausgelegt wird. Nun, Bence Toth ist Studienabbrecher, richtig. Die Eigenschaft, keine Ausbildung abgeschlossen zu haben, teilt er offenkundig mit mir, Johann Wolfgang Goethe und Thomas Mann. Who cares! Wollte Böhringer Toth wirklich enterben? Ist das nachgewiesen – oder nur eine passende Vermutung? Genau solche Labels („der ist ja Studienabbrecher“) sind immer wieder Ursachen für Fehlurteile; man kann das bereits bei Max Hirschberg nachlesen: „Infolge dieser „freien richterlichen Überzeugung“, die sich weniger auf Tatsachen als auf vage gefühlsmäßige Empfindungen gründet, sind die Gerichte immer wieder in Gefahr, den Scheinbeweisen zu erliegen, während eine exakte Analyse die Scheinbeweise als solche entlarven würden.“ (Hirschberg, Max, Das Fehlurteil im Strafprozeß, Frankfurt/Main 1962, p. 134, vergl. zur Fiktion auch p. 93ff). Nichts ist gefährlicher, als wenn sich ein Staatsanwalt oder gar ein Gericht ein „Bild“ von der Sache gemacht hat und dieses Bild dann unter allen Umständen aufrecht erhalten möchte. Hier etwa: Hüben eine erfolgreiche Frau aus der besseren Gesellschaft, drüben ein Versager, ein Studienabbrecher, dazu noch Jura – passt! Passt es wirklich?

Und wie liefen die Verhöre ab? War da ein „Geständnisspezialist“ am Werke, ein Weichkocher? Jeder Verhörte, auch der Unschuldige und gerade er, verstrickt sich unter dem Druck einer solchen Belastung in Widersprüche (siehe Amanda Knox) – ein solches sich-in-Widersprüche-verwickeln beweist gar nichts.

Ich halte diesen Fall für nicht so eindeutig wie etwa die Fälle Brühne/Fehrbach oder Knox/Sollecito, wo ja der helle Justizwahnsinn am Werk war bzw. noch ist. Aber der Fragen sind viele.

Vielleicht mag jemand, der drin steckt im Fall, hier noch einige Winke geben…

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Kommentare

  • anonym  On Juli 21, 2015 at 18:18

    Sehr guter Bericht von Ihnen. Ich vermisse bei vielen Menschen die notwendige Kritik mit Justiz und Ermittlungsbehörden. Falsche Geständnisse gab es zuhauf in der Rechtsgeschichte , ebenso wie falsche DNA Spuren. Zum Thema DNA sei auf das sogenannte Phantom von Heilbronn verwiesen, bis sich rausstellte dass die DNA Substanz von einer Frau stammt, die in der Wattestäbchen Fabrik arbeitete. In dieser Fabrik wurden DNA Probewattestäbchen hergestellt.

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