aus meiner Korrespondenz (Pathologisierung)

Aus meiner Korrespondenz (ob sich mein mailpartner hier outen mag, bleibt ihm überlassen):

Ich habe noch einmal (…) (XXXs) Klagen über heteronormative Gewalt nachgelesen. Als Arzt: Empfehle Neuroleptikum. Das ist wahrlich krank. Kommt diese Frau mit wirklich Verfolgten in Kontakt, so würde ein böser Streit darüber entstehen, wer denn nun schlimmer verfolgt worden ist – so schätze ich diese Verrücktheit ein. Das Wahnsystem ist mit einem Vernunftapell nicht zu durchbrechen. Ich bin entsetzt, was heute so alles geglaubt wird. Das ist infantil-magisches Denken. Schlimm.

Ach, ich weiß es ja, Ihr Lieben: Keine Pathologisierung, Pathologisierung anderer Positionen ist von übel, richtig, aber was soll einem da noch einfallen? Vor kurzem las ich, eine Familie – die Eltern ersichtlich heterosexuell – würde, indem sie sich in der Öffentlichkeit freut und diese Freude auch zeigt, ihr heterosexuelles Glück öffentlich zur Schau stellen und dadurch Gewalt gegen Minderheiten ausüben, weil sich so eine Norm verfestige. Und da kommen selbst mir, der ich über gewisse Erfahrungen rund um das Begriffspaar psychisch krank/gesund verfüge und die Anti-Psychiatriebewegung mit deutlicher Sympathie begleite, sehr komische Gedanken…

Ich habe dem Che ja versprochen, mich einmal über das zu äußern, was man das aufgeklärt-fatal-falsche Bewusstsein nennen könnte – jenes Denken, welches von richtigen Beobachtungen ausgeht und dann schlecht-dialektisch umschlägt in den Wahnwitz. „infantil-magisches Denken“ nennt es mein Mailpartner, und dies ist völlig richtig. Peter Schneider schrieb dazu – wir reden hier ja weiß Gott nicht über neue Phänomene – mal einen sehr erhellenden Essay, „Der Sand in Baaders Schuhen“… über den linken Wahnwitz, der die These vom Mord in Stammheim unter allen Umständen aufrecht erhalten muss. Zur Not, indem Sand in Baaders Schuhen erfunden wird, der dann den „Mord“ an Andreas Baader auf skurrile Art „belegen“ soll (weil nämlich Baader von Herold nach Mogadischu ausgeflogen wurde etcetc, die älteren Linken dürften den Blödsinn noch kennen). (Lemma: ich halte die These vom Selbstmord unter staatlicher Aufsicht für zutreffend.) Aber warum in die Nähe schweifen? Schon im formierendsten Ereignis der modernen Geschichte, der französischen Revolution, sind alle Elemente schlecht gewendeten progressiven Denkens aufweisbar. Der hanebüchene Kult der Vernunft, die irrsinnigen, politisch völlig sinnlosen Septembermorde (die Schiller zu Recht so entsetzten), die Logik der stalinistischen Trischta in Form des Tugendterrors…es war alles im Kern bereits da. (Hier opponierten meine konservativen Instinkte immer schon gegen das, was Wagenbach einmal so herrlich den linken Dumpfmuff genannt hat. Hier war der Ort, an dem ich mich, auch als 18, 17, 16jähriger, pro Camus, gegen Sartre, entschied.)

Woher die Attraktivität solchen progressiven Irrsinns seit eh?

So unoriginell meine Antwort sein mag: ich glaube, dass dort tatsächlich einfach eine „schlechte Unendlichkeit“ (Hegel) statt hat, eine schlechte Negation, die die Strukturmomente des Kritisierten klammheimlich/klammoffen übernimmt und sich somit selber in eine Endlosschleife verstrickt: Bürgerliche Töchter und Söhne, die die (zu Recht als solche kenntlich gemachte) verlogene Moral ihrer Mütter und Väter mithilfe einer ebenso verlogenen Moral kritisieren*. Progressive Kritik, die diesen Namen verdient, begibt sich aber nicht auf den Sittenmarkt, um mit anderen Moralen zu konkurrieren, sondern sollte das System Sitte überhaupt kritisieren. Der Inhalt der Moral ist einfach: Verletze niemanden, sondern hilf vielmehr im Rahmen Deiner Möglichkeiten. Alles, was darüber hinaus geht, ist moralisch uninteressant. Ich sehe strukturell tatsächlich keinen Unterschied zwischen dem lodenbemantelten CSU-Jägersmann, der am liebsten die Prügelstrafe wieder einführen möchte, und etwa einer Nadine Lantzsch, die ihren queer-feministischen Rohrstock („Wer Sexist ist, bestimme ich“ herrmangöringt es aus ihr) auf alles niedersausen läßt, was ihr zufällig nicht in den Kram passt. Säkularer Neopietismus in Reinkultur. Ginge es solchen Leuten wirklich um Emanzipation, sie würden auch ihr eigenes Gewaltpotenzial hinterfragen, ein Potenzial, welches bei solchen absurden Anwürfen wie dem gegen jene heterosexuelle Familie ja auf der Hand liegt. Ich werfe ihnen dieses Potenzial gar nicht vor. Diese Gesellschaft, in der Seminare mit dem Titel „So werden Sie zum Sieger“ (wo es Sieger gibt, muss es Verlierer geben) steuerlich absetzbar sind, produziert fortlaufend Gewalt. Nur muss man dann die eigene Gewalt mit im Blick haben, und sie nicht dauernd unter dem erlauchten Deckmantel der Progressivität ausleben.

In diesem Sinne pathologisiere ich in der Tat solcher Art scheinprogressiven Denkens, aber nur deswegen, weil es seine pathologische Struktur vom scheinbar Kritisierten unbewusst übernimmt. Wer definiert, wer Begriffe setzt, der herrscht – soviel sollte per 2013 doch wohl klar sein. Progressives Denken wird solange scheitern, und leider eben auch zu Recht scheitern, solange es das Machtspiel einfach nur mitmacht, anstatt es grundlegend zu kritisieren. Ihr versteht: Ich meine, dass wir nicht neue Herren brauchen, sondern keine.

* edit: Inzwischen gibt es die bürgerlichen Enkel – Modellfall: Fleischhauer -, die ihre bürgerlichen scheinprogressiven Eltern von „rechts“ ‚kritisieren‘. Da haben wir die Endlosschleife, live und in Farbe.

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Kommentare

  • summacumlaude  On April 13, 2013 at 05:58

    Man wird sicherlich von gehemmt-aggressiver Gewalt sprechen dürfen. Welches Ziel hat die Aggression, wenn die Hemmung wegfällt?

    Das Pathologisierungsverbot merkwürdiger gesellschaftlicher Phänomene ist zunächst sicherlich richtig – Pathologisierung darf Analyse nicht ersetzen – findet seine Grenzen aber dann, wenn eine gesellschaftliche Bewegung offenkundig in den Wahn hineintaumelt und Flurschäden setzt. Der historischen Beispiele sind viele. Hierbei gibt es auch vormoderne Bewegungen: Ich nenne die Kreuzzüge, Savonarola, Hexenjagd, mittelalterliche Judenpogrome.
    Das nur damit niemand auf den Ratzingertrichter verfällt und sagt, die böse, gottlose Moderne hat uns solche Phänomene eingebrockt.
    Humane Konstante?

    • hf99  On April 14, 2013 at 23:37

      Selbstzitat 8aus einem Kommentar von mir bei Che http://che2001.blogger.de/stories/2237304/#2240493 )

      @che wg „Das ist ja überhaupt so ein Phänomen, dass Leute aus der neuesten Generation der Queer-Aktiven plötzlich
      Moralvorstellungen entwickeln (auch hinsichtlich Zensur bzw. Ausdrücken und nicht Ausdrücken von Meinungen, Sprachregelungen usw.) die mit denen von Rechtsevangelikalen durchaus Ähnlichkeit haben, nur mit diametral entgegengesetzter Begründung.“

      Ja, nur ist das eben an old hat. Ich sehe derzeit kein Argument, welches meiner Diagnose („schlechte Unendlichkeit“, schlechte Dialektik, bürgerliche Kinder etcetc) widerspricht. Du kannst das alles wirklich bereits in der franz Revolution nachweisen. Die alte, religiös konnotierte Redeweise vom Teufel, der mit dem Beelzebub ausgetrieben werden soll, passt mit Gründen voll hier rein.

      Lantzsch hätte ja sogar recht , wenn sie zum Beispiel die Werbeinszenierungen kritisieren würde, in welchen mit unschöner Regelmäßigkeit die heterosexuelle Bessrerbürgerfamilie als Leitbild angedient wird. Das nervt mich genau so wie Lantzsch. Aber konkreten, lebenden Menschen ihre je konkrete Lebensentscheidung vorzuwerfen – das ist nicht nur selber Gewalt per Moral (Herr Nietzsche, übernehmen Sie!), sondern vor allem eben auch ein category mistake. Eine Ebenenverwechslung.

      PS: bei der Gutbürgersfamilie der Werbewelt, die, na klar, im Eigenheim lebt und dessen „Glück“ als maßgebend beschrieben wird, wird nicht nur gegen andere Lebensentwürfe mit anderen sexuellen Präferenzen gehetzt, sondern zB auch gegen die ggfls sogar alleinerziehende Aldikassiererin, die sich kein Eigenheim leisten kann, keinen neuen Family Van, keinen Tauchurlaub auf den Malediven.

  • summacumlaude  On April 15, 2013 at 03:55

    Das Gefährliche an Lantzsch ist nicht die Stoßrichtung Familie, die ja auch eine mafiöse Kompenente respektive Mutterkreuzkomponente haben kann, sondern ihre Unterstellung, bloße Präsenz sei Gewaltausübung. Man existiert und ist allein deswegen schon aggressiv. Da kommt es auf das tatsächliche Verhalten gar nicht mehr an, da ja soziologische Daten alleine hinreichend die Schuld „beweisen“.
    Das ist natürlich proto-religiös, das ist natürlich die Erbsünde und deswegen ist Hartmuts Hinweis auf die Evangelikalen völlig richtig. Wenn die Existenz alleine schon Aggression darstellt, dann wissen Frau Schlau und Herr Clever vom Genderstammtisch übrigens sogleich, wie man solch eine Aggression beenden kann…
    Man muß wissen: Mit solchen „Begründungen“ werden Lebensrechte in Abrede gestellt.

    • hf99  On April 15, 2013 at 06:56

      Ja, vorzüglich zusammengefasst – wenn die pure Existenz bereits Schuld bedeutet.

      Deswegen habe ich mit jeder Form – wohlgemerkt jeder Form – von sog. critical whiteness und anverwandtem auch so meine Schwierigkeiten. Niemand ist schuldig, oder ist etwas schuldig (mit Ausnahme der moralischen Standards natürlich) allein deswegen, weil er weiß, männlich, mit zwei Beinen, bei leidlicher physischer und psychischer Gesundheit und heterosexuell geboren wurde. Zu unterstellen, solche Geburtsvoraussetzungen würden einen sozusagen des Teufels machen, hier wäre sozusagen eine teufelsaustreibung vonnöten, wäre auch schon wieder jenes magische Denken, von denen mein Mailpartner sprach.

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