„Wir haben verloren“

Die Situation zwingt mich regelrecht zu einem Gestus, der an sich zu Recht als unfein gilt: Zum Gestus des es-immer-schon-besser-gewusst-haben. In meinem Beitrag auf transprivacy, aber auch vorher schon habe ich, haben es übrigens auch andere getrommelt: Hört auf, davon zu träumen, es wäre jetzt ‚alles neu per Netz‘. Jetzt, im Netz (welches opake Subjekt ‚das‘ Netz auch immer sein mag), hätten ‚wir‘ (wer ist wir?) Bürgerbeteiligung, wahre Demokratie, Einfluß, würden ‚wir‘ die Themen selber setzen.

Das war immer unwahr. Und verlogen war diese Art, den eigenen Impetus an „das Netz“ zu delegieren, auch immer schon. Welche Themen setzen ‚wir‘? Wieviel Leute haben im ‚Netz‘ Datenschutz diskutiert – und wieviele Pippa Middletons Hintern! Wollen wir mal zählen? „Das Netz“ ist kein Subjekt einer Handlung und kann keines sein. (Schlimm, wenn es dazu käme! Wollen wir „Das Netz“ mal über die Todesstrafe entscheiden lassen?) „Das Netz“ bildet die Gesellschaft ab, in der es geschaffen wird, mehr nicht.

Verloren? Wir konnten doch gar nicht gewinnen. Ein bißchen offene Netzgemeinde spielen ist erlaubt. Aber wehe, wenn harte Fakten auf den Tisch kommen. Aufschrei# ist okay, da jibbet einmal Jauch zur Belohnung und gutt iss. Aber Eigentum diskutieren? Kriege führen? Welthunger, Sweatshops? Für ‚geheim‘ erklärte Akten öffentlich machen? Dann jibbet aber Ärger! Und wenn Sascha Lobo jetzt allen Ernstes notiert, man habe es verabsäumt, „maßgebliche Unternehmerpersönlichkeiten auf ihre Seite zu ziehen“, dann ist das demaskierender als alles andere. Meine philosophischen Bruchstücke im Transprivacy-Artikel waren reichlich hin-und-her, das hätte ich sauberer ausführen können, aber am Impetus meiner Analyse habe ich nichts zu ändern: Der absurde Glaube, durch das Netz in seiner vorgeblich subjektlosen Zeichenstruktur würde alles neu und fein und überhaupt, reflektiert nur die Fehldiagnosen der Postmoderne, die zuviel Wert auf eine vorgebliche Mikrophysik der Macht legte, aber nicht sehen wollte, wann die Dinge handfest werden. Das Desaster der Netzaktivisten ist das Desaster des postmodernen Traums. Ich werfe niemandem vor, diesen Traum gehabt zu haben, zumal er in gewisser Weise auch meiner war, meiner bleiben wird – der Traum von der Kunst, den Zeichenreihen, durch welche wir zur Freiheit wandern, der Traum von der Kunst als Lebensfest. Aber jetzt noch unkritisch weiterträumen wäre Insolvenzverschleppung. Ich habe unbescheiden angefangen und ende denn auch mal so: O-Ton Hartmut Finkeldey, 1993, vor zwanzig Jahren: „Nichts gegen den doppelten Überschuß von Signifikat und Signifikand, in dem der Kommentar seinen Platz hat. Aber wissen, wer wo wann warum zu welchem Zweck mit welchen Mitteln in welchem Aufsichtsrat sitzt kann auch ganz lecker sein!“

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Kommentare

  • Bersarin  On März 25, 2013 at 22:19

    Mikrophysik der Macht ist handfest. Siehe die Untersuchungen und Aktivitäten von Foucault.

    Der Traum von einer Kunst, durch die hindurch zur Freiheit gewandert würde, scheint mir doch eher ein Schillersches Projekt und nicht die Position der Postmoderne insgesamt. Mal ganz abgesehen vom Unterschied zwischen Postmoderne und Poststrukturalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen. So unterschiedliche Denkrichtungen wie der frühe Baudrillard, Deleuze, Lyotard, Foucault (der sich nie in ein solches Schema einpressen ließ) und Derrida (ebenfalls) propagieren keineswegs die Abwesenheit von Handlungen oder von Tatsachen. Allerdings polen sie teils diese Begriffe um und fragen, wie Foucault bspw., auf welche Weise sich Tatsachen wie Überwachen und Strafen, Wahnsinn und Gesellschaft strukturieren und wie sich die Felder und Diskurse, in denen solche Begriffe möglich sind, erzeugen.

    Ja, das Internet wurde euphorisch bejubelt und dabei zugleich gewaltig überschätzt. Der Komplexität eines solchen Mediums gerecht zu werden: das ist sicherlich schwierig. Am schlimmsten dort sind solche Flachorgelpfeifen wie Lobo et al. Die Liste derer ist lang.

    Wieweit das Leistungsschutzrecht ein Verlust sein soll, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich sehe das doch ein wenig anders, insbesondere da, wo es darum geht, daß Texte, die jemand schrieb, mal eben von anderen für lau und nichts benutzt werden. Interessant aber zu beobachten, wie sich die Prediger der vermeintlichen Internetfreiheit an solche Konzerne wie Goggle und damit einher Youtube heranschmeißen.

    • hf99  On März 25, 2013 at 22:34

      „Mikrophysik der Macht ist handfest.“ – da gibts von mir ein schwungvolles Jein. Natürlich ist es angemessen, Machtausübung bis in die feinsten Verästelungen nachzuweisen – die PM hat das übrigens mitnichten erfunden (Freud, Nietzsche, Montaigne, Sophisten). Es k a n n eine solche Mikrophysik der Macht aber auch zu dem führen, was ich den Selbstzerknirschungsdiskurs des Polit-Neopietismus nannte.

      „scheint mir doch eher ein Schillersches Projekt und nicht die Position der Postmoderne insgesamt“ wiederum Jein. natürlich ist das Schiller, expressis verbis (was ich Dir nicht verklickern muss 😉 ). Nur ist Nietzsches Geburt der Tragödie ja unter anderem auch ein grandioser Schiller-Kommentar, und Schillers Bestimmung der Zweckfreiheit als Kern des Menschen ja eine grandiose, moderne Utopie. Dass Schiller im Rahmen seiner Rezeption dann tatsächlich zum Moraltrompeter von Säckingen herabgewürdigt wurde, ist richtig – aber dafür kann Schiller nichts. (Motto: Arbeite, und abends als Hobby dann die Kunst! Eine Kunst als Hobby wäre besser nicht-existent… da dürften wir einig sein.)

      „propagieren keineswegs die Abwesenheit von Handlungen oder von Tatsachen. “ – sorry, aber genau das tun sie. Zumindest in einer nicht unplausiblen und sehr wirkungsmächtigen Lesart. Hintenrum, wenn man per Mikroanalyse moralisch zugeschrieben hat (ich habe X mit Butler als Schwulenfeind/Frauenfeind/suchdirwasaus dekonstruiert), wird dann die Dinglichkeit natürlich desto lautstärker eingefordert. Noch einmal: ich bin gar nicht ausdrücklich gegen „die PM“, aber meine Kritik an der PM bezog sich immer schon auf Arendt: Es ist fatal, so notierte sie mehrfach, mit Tatsachen so umzugehen, als seien das bloß Meinungen. Und dieses Tatsachenhinundher, diese, nun ja, Verlogenheit der PM – einerseits ist Repräsentation/Humanismus Machtausübung (vergl Vattimo, das Ende der Moderne, Dir natürlich bekannt) und sei zu dekonstruieren, andererseits wird nach der Dekonstruktion desto schwungvoller ein-eindeutig zugeschrieben – hat mir, ich sags mal kneipenkompatibel, immer schon gestunken.

  • Bersarin  On März 26, 2013 at 20:20

    Sicherlich: Gegen Mißbrauch durch Adepten, denen Denken und Text fremd sind, gegen Nicht- und Halblesen mag wohl keine Theorie gefeit sein, und es sind die, welche Foucault, Butler, Adorno oder wen auch immer (Freud gehört ebenfalls in diese Reihe: die Psychologisierung von allem und jedem war eine zeitlang ebenfalls beliebt) unkritisch und dogmatisch gebrauchen, auf einem Holzweg, werden zu Dogmatikern und verfehlen damit sowohl die Sache als auch den Text. Die Entlarvungsdiskurese des Gegenübers sind Legion, und es eröffnet sich da ein feines Absurdistan – insbesondere gegenwärtig im Feld des sog. Critical Whiteness und des Gender, was vielleicht auch daran liegen mag, daß es sich zumindest bei CW um ein relativ neue Forschungsfelder handelt, wo es darum geht, Diskurse und insbesondere Lehrstühle zu besetzen. Es ist in solchen Zusammenhängen dann der größte Unsinn möglich: das gilt für Adorno als auch für Butler. Nur: das spricht nicht gegen die originäre Theorie samt ihren Texten. Mich interessieren Adorno und Foucault, nicht aber ihre Jünger. Mich interessieren Politik- oder Gender-Diskurse, die im Wahn solipsistischen Narzißmusses daherkommen, nicht im geringsten. Ausgenommen vielleicht, um diese zu analysieren. Die Texte der Postmoderne oder besser: des Poststrukturalismus – ich nehme mal wesentlich Derrida und Foucault – können nichts dafür, wenn sie in einer dogmatischen und entstellenden Weise gelesen werden. Mögen sie eine solche Lektüre nun nahelegen oder nicht.

    Die „Geburt der Tragödie“ ist (teils) ein Kommentar zu Schiller: aber bei Nietzsche besitzt dieses Spiel (sowie die Kategorie des Scheins) einen ganz anderen Charakter. Siehe z.B. die drei Verwandlungen des Geistes im Zarathustra: am Schluß dann tritt das unschuldig spielende Kind auf, jene Figur, die bereits bei Heraklit und auch bei Novalis ihren Platz hat. Einen Begriff wie den der Freiheit würde Nietzsche wohl nicht in den Mund nehmen. Kunst als Weg zur Freiheit ist insofern schon eine sehr idealistische Wendung, die selbst Adorno so nicht vornimmt. Deshalb sein Vorbehalt gegen die platte engagierte Kunst, gegen das Klampfengejammere von Joan Baez als auch gegen den apodiktischen univoken Polit-Gestus eines Sartre oder Brecht.

    Der Begriff der sogenannten Tatsache ist zu komplex um ihn in zwei Sätzen abzuhandeln, zumal zwischen verschiedenen Formen von „Tatsachen“ unterschieden werden muß. Was der eine als Tatsache behauptet, ist dem anderen eine ganz andere Tatsache. Schon auf dieser Ebene der Interpretationswelten wird es schwierig. Und da mag in diesen Politreinigungswahndiskursen sicherlich auch eines der Probleme liegen: wenn plötzlich moralisch geurteilt wird, wo es im Grunde gar nicht um Moral, sondern um Analyse geht.

    • hf99  On März 26, 2013 at 21:48

      Über jene Bloggerin, die Du sicherlich im Sinn hattest, werden wir problemlos einig; da ist nicht mal mehr Fremdschämpotenzial vorhanden, da habe ich einfach nur noch Erbarmen. Ich scheue mich da inzwischen auch nicht mehr, versuchsweise psychopathologische Begriffe zu verwenden. Ich wünsche ihr von Herzen, dass sie mit ihren offenkundig sehr schweren Problemen irgendwann klarkommt. Wer den puren visuellen Eindruck einer glücklichen Familie als heteronormative Gewalt gegen Minderheiten deutet, ist entweder brillante/r Satiriker/in, oder er oder sie hat einfach einen an der Marmel. Weitere inhaltliche Diskussionen dazu führe ich nicht; um meine intellektuelle Zahlungsfähigkeit klarzustellen, habe ich es nicht nötig, meine Zeit in die nächste Pfütze zu schmeißen. Wie Du richtig sagst, ist solch ein Phänomen aber als Objekt der Analyse wichtig. Denn dergleichen Polit-Moral-Irrsinn ist ja mitnichten ein neues Phänomen. Die Linke hat sich mithilfe solcher (versteckt vehement gewaltbereiten) Zerknirschungsdiskurse („Wer Fascho ist, bestimme ich“ herrmangöringt es aus ihnen) wieder und wieder selbst zerstört. Anderes Thema… Habe dem che versprochen, dazu noch mal etwas zu schreiben. Faustregel: Es gibt kein richtiges Denken im Falschen.

      Mir ging es schon darum – wie schlecht auch immer diese Theorieversatzstücke verstanden wurden -, dass es jahrelang unstreitig so etwas wie die Hoffnung gab, die subjektfreien Zeichen im Netz würden es per „Schwarmintelligenz“ (oder wie sich das schrieb) schon richten. Uns helfen aber kein Kaiser, Signifikat oder Tribun, das müssen schon noch wir selber tun. Da sehe ich die Notwendigkeit der Rehabilitierung des Subjektbegriffs. Ackere gerade Manfred Franks „Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis“ durch – ganz baruchbares Dingchen -, und dazu natürlich §16 ff. (k ö n n e n, herrje, Kant schreibt „können“, er ermächtigt nirgends das Subjekt; Kant spricht auch deutlich von der Synthesis als einer ‚blinden Funktion der Seele‘. ) Na, dazu dann mehr in meinem Laienkommentar zum 11ten Brief Schillers. ich bin aber erst bei Aristoteles Met. 😉 geht mir immer so.

  • Bersarin  On März 26, 2013 at 20:22

    Dialogische Theorie des Kommunikativen Handelns:

    „Hallo Spamfilter!“

    „Hallo Bersarin!“

  • summacumlaude  On März 27, 2013 at 05:09

    Dass eine Diagnose eben auch eine Machtausübung darstellt, weiß ich durchaus von Foucault und ich habe seine Analyse immer auch als Antwort auf die von Bersarin schon beschriebene Laienpsychologisierung gelesen. Denn mit solcher massenhaft betriebenen Laienpsychologisierung – der unterstellenden Diagnose – wurde und wird ja massiv Macht ausgeübt.

    Ich habe Foucault so verstanden, dass er die Diagnose AUCH als eine Machtausübung sieht (und hat damit natürlich Recht), seine Adepten hingegen verstanden, dass sie es IMMER ist. Hierdurch die Mißverständnisse. Äquivalent bei Freud: Freud wollte EINIGE Phänomene psychodynamisch erklären, seine Adepten erklärten dann schlanker Hand ALLE Phänomen so.

    Wieso kluges Denken das Durchschalten durch dumme Köpfe nicht überlebt, das ist in der Tat hoch interessant.

  • summacumlaude  On März 27, 2013 at 07:05

    Wo ist mein anderer Kommentar geblieben? Seis drum…
    Unheimlich wird der mediale Optimismus übrigens, wenn damit deutsche Geschichte wider besseres Wissen revidiert wird. Ich las einst, das aufklärende Internet hätte den 30. Januar verhindert, hätte es das damals schon gegeben (sic!)

    Meine Güte: Der damals medial geschickteste Politiker war ein Jesuitenschüler aus Rheydt, wie hätte der das Internet genutzt….

  • Bersarin  On März 27, 2013 at 17:29

    @ summacumlaude
    „Denn mit solcher massenhaft betriebenen Laienpsychologisierung – der unterstellenden Diagnose – wurde und wird ja massiv Macht ausgeübt.“ und auch die übrigen Stellen Deines Kommentars: So sehe ich es ebenfalls. Das Problem sind genau diese Adepten.

    • hf99  On März 27, 2013 at 18:53

      so sieht es jede und jeder Vernünftige, so sieht es mein wie Dein Blog seit Jahren. Wie gesagt: „Wer Fascho-Täter ist, bestimme ich“, hermangöringt es aus einer bestimmten, absolut unbekömmlichen Spielart ‚progressiven, linken‘ Denkens. Ich sehe in solchen polit-religiösen Moraldiskursen eher ganz viel verklemmtes Bürgertum am Werke: eine schlechte Unendlichkeit sozusagen, eine schlechte Negation der eigenen Herkunft. Denen ist Emanzipation so egal wie nur irgendwas. Denen geht es nur um die eigene innere Reinheit. (Und woher weiß ich das? Weil mir dieser Mist jahrzehntelang meterweise vorgesetzt wurde und ich meine Papenheimer so langsam kenne…) Nichts ist fürchterlicher als jene Polit-Sauberkeitserziehung, die sich als Beitrag zur Emanzipation andient.

      edit: mein eigentliches Thema war hier aber der Glaube daran, das Netz werde es schon richten. Lass uns erst mal 100 % Alphabetisierung haben, lass uns erst mal Bibnliotheken für alle haben, lass uns erst mal Bildung für alle haben, lass uns erst mal web 2.0 (3.0, 4.0) für alle haben… Und dann?

      • summacumlaude  On März 28, 2013 at 05:26

        Ich hatte in meinem zweiten Kommentar ja darauf schon abgehoben. Dieses Beispiel des dummen, retrograden Medienoptimismuses stammt – so meine ich – von dem medial omnipräsenten Herrn v. Hirschhausen. Aber genau das quatschten (quatschen?) so viele. Das Internet hätte Hitler verhindert….. Das nennt man ja wohl magisches Denken.

  • Bersarin  On März 27, 2013 at 22:54

    Dem Internet traue ich soviel zu wie der Automobilindustrie: Es gibt formschöne Modelle, es gibt Spaß am Fahren, ästhetisch ansprechende Autos. Aber nur wenigen Menschen gelingt es, die sinnlichen Genüsse eines flotten Fahrzeugs mit einem Ansatz emanzipatorischen Denkens zusammenzubringen und im Tauschwert den Gebrauchswert zu realisieren. Insofern – um auf die Moralphilosophie hinüberzuspringen – mein Plädoyer für individualistische Ethik (zumindest als Korrektiv), für Schopenhauers Ethik (mit Abstrichen und Umpolungen versteht sich) und für Adornos Begriffe wie Takt und Impuls.

    Demokratische Partizipation, Abstimmungen, ob im Internet oder anderwo, setzen ein aufgeklärtes, ein wissendes Publikum, und nicht nur ein Publikum, sondern auch Teilnehmer von Diskursen voraus. Wer nichts weiß, kann auch über Entscheidungen nicht abstimmen.

  • ziggev  On März 28, 2013 at 17:00

    Ganz bestimmt scheint alles im Netz neu, wenn fast alles, was „nicht Netz“ ist, ausgeblendet wird.

    Deinen Artikel bei Transprivacy fand ich übrigends ja gerade deshalb ganz gut, weil die philosophischen „Bruchstücke“ so recht „reichlich hin-und-her“, wie Du es sagst, waren – ich würde sagen, in den Scharnieren und verbindenden Gelenken etwas gelockert, dafür Einbuße an Stringenz in Kauf nehmend, was Du hinterher etwas bedauertest, wenn ich Dich richtig verstand. Lockerungsübunden bringen aber den Kreislauf in Gang und vermutlich vermehrt Frischluftzufuhr im Gehirn.

    Kurz vielleicht etwas zum Artikel: Google hat meine Erinnerung bestätigt: In Das postmoderne Wissen behandelt Lyotard (1979) auch Informationsmaschinen, die – es sei vernünfig, dies anzunehen – „die Zirkulation der Erkenntnisse ebenso betrifft und betreffen werde“ (PW 22). Ich meine auch, mich zu erinnern, dass auch das Auftauchen von Computern an Schulen kurz thematisiert wird. Wollte dies nur anmerken. Vage Andeutungen, welche Linien sich da womöglich bis heute fortspinnen, sind aber viellecht erkennbar. Anstelle aus dem Netz herauszuspringen, also Politik machen, springen sie wieder ins Netz hinein.

    Kann es nicht leisten, hier Lytard zu diskutieren, etwas verwundert hat es mich allerdings schon, dass in Sachen „Internetphilosophie“ mir nie ein Verweis auf Lyotards Buch zu Ohren oder unter die Augen gekommen ist.

    Eine kleine Geschichte zum Tatsachenbegriff bzw. zu – bestehenden – Sachverhalten (Was der Fall ist, die Tasache, (…)). Ein Altenpfleger, der für einen ambulanten Pflegedienst arbeitete, hatte einen Patienten in dessen Wohnung tot aufgefunden. Aus irgendwelchen Gründen oder weil dies in solchen Fällen so geregelt ist, traf auch irgendwann die Polizei in der Wohung des Verstorbenen ein. Der Pfleger wurde gefragt, ob er zuerst die Polizei oder den Pflegedienst (oder Notarzt, oder Krankenhaus …) angerufen habe.

    Er hätte zuerst die Polizei anrufen müssen. In der Verhandlung glaubte ihm aber niemand mehr. Er hatte gesagt, „ja, und dann habe ich zuerst mal ‚die Kollegen‘ angerufen“. Mit ‚Kollegen‘ wollte er aber nun ‚die von der Polizei‘ gemeint haben.

    Im Prozess, in dem es möglicherweise um irgendwelche Versicherungsfragen ging, konnte er so treuherzig behaupten, er hätte sonst mit Sicherheit ‚Pflegeleitung‘ gesagt, wie es nur ging, und versuchen plausibel zu machen, was seine Worte bedeutet hätten, sei eben dies gewesen, dass, wenn Berufsgruppen an einem Ort zusammenträfen, wo etwas geschehen ist, und wenn dann eine andere hinzustieß, man auch manchmal so sage, ‚die Kollegen‘ seinen dort, dabei aber ‚von der Polizei‘, ‚von der Feuerwehr‘, die ‚vom Technischen Hilfswerk‘ usf., was man meine, weglasse.

    Die Exekutive aber, die er mit ‚Kollegen‘ zu bezeichnen vermeint hatte, die Stadtsanwaltschaft und Richterstand zeigten sich als ziemlich radikale Interpreten, vertraten jedenfalls eine ziemlich radikale Bedeutungstheorie und hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Die Polizisten behaupteten steif und fest, sie hätten es auch damals am Ort des Geschehens genau so nicht aufgefasst. Der Pfleger konnte es einfach nicht verstehen, so wird berichtet, und die Welt schien ihm aus den Fugen zu geraten. Es war und war aber nichts mehr zu machen: Er hatte ‚Kollegen‘ gesagt. Mit oder ohne ‚die‘.

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