Unsere Mütter, unsere Väter

Vorab: Der Titel lügt. Im Jahre des Christenherrn 2013 sollte es „Unsere (Ur)großmütter, unsere (Ur)großväter“ heißen. Und es ist bezeichnend, dass bereits dieser Lug und Trug, der, schon im Titel, auf der schieren Faktenebene statt hat, so gut wie keinen Kommentar Wert war. (Ich habe keinen gefunden. Links erbeten.)

Der Film selber lügt auch. Sicher: Ein Film, jeder Film, jede Fiction kann hier nur lügen. Denn der Film tritt an, um in terms of people Allgemeinaussagen zu treffen, und das kann er nicht. Das persönliche Erleben und die allgemeinen Strukturen sind nie deckungsgleich. Es mag die erzählte Geschichte sogar wahr sein (sie ist es nicht, sie ist erfunden) – Folgerungen aus Einzelfällen, angewandt auf andere Einzelfälle, fälschen immer.

„Hilfspolizei, Ukrainer“ heißt es, historisch übrigens partiell sogar zutreffend (da haben wir das Problem!), als die erste Mordaktion gegen Juden geschildert wird. Tatsächlich haben sich, in der Ukraine, vor allem aber auch in den Baltenländern – Ukraine ist derzeit allerdings politisch opportuner -, triste Typen als Laufbursch‘ des deutschen Völkermords anwerben lassen. Nur wird die Befehlskette, also die Verantwortung verschleiert, wenn ich die Geschichte so erzähle. Wenige Augenblicke später wird einem denn auch speiübel: Als wenn der es zu gut mit den Deutschen meinende Emigrant Frank Wisbar („Hunde, wollt ihr ewig leben?“ / „Nacht fiel über Gotenhafen“) auferstanden ist, stellt sich ein „deutscher Offizier“ dem „SS-Obersturmbannführer“ (der natürlich kein „deutscher SS-Obersturmbannführer“ sein darf, obwohl er einer war) entgegen, der, eben mit Hilfe des „ukrainischen Mobs“, Juden zu ermorden sich anschickt. SS-Obersturmbannführer (Nationalität unklar) zusamt ukrainischem Mob mordeten, erst hinterher („ruinieren Sie nicht Ihre Karriere“) sind wir so mit reingerutscht…das ist die perfide Botschaft dieses Films.

Kurzum: Das alte Suppe-Suppe-Suppe-Spiel. Irgendwie waren alle so irgendwie unschuldig und irgendwie schuldig zugleich und überhaupt und so weiter. Wo alle schuldig sind, ist es, wie Hannah Arendt es einmal in einer großartigen Passage notierte, natürlich niemand.

So dient dieser Film in seiner Halbaufrichtigkeit – das Halbwahre ist immer das ganz und gar Unwahre – bloß ein weiteres Mal der deutschen Entschuldung. Ich sehe keinen Unterschied zu Wisbars „Nacht fiel über Gotenhafen“, gar keinen. Das Getue um dieses „Fernsehereignis“ bleibt mir verschlossen.

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Kommentare

  • Unschland  On März 20, 2013 at 02:38

    „Das hat Methode“
    http://www.jungewelt.de/2013/03-19/049.php

    „Es sind weniger »unsere Väter und Mütter«, von denen der Film handelt. Erzählt wird von Omas und Opas.“
    (Du müsstest Dich beeilen, bevor das im kostenpflichtigen Archiv landet.)

  • altautonomer  On März 20, 2013 at 07:37

    Die heutige Großelterngeneration (ich, 66, zwei Enkelkinder 5/11)) dürfte so um die 70 Jahre alt sein. Sie war also bei Kriegsende zumindest noch im grundschulpflichtigen Alter soweit sie um 1939 geboren wurden. Tatsächlich waren es sogar die wenigen heute noch lebenden Urgroßeltern, die als Zeitzeugen noch über dieses Kapitel der deutschen Geschichte berichten könnten, also die Generation meiner Eltern.

    In einer Plasberg-Sendung meinte der als Gast anwesende und als Dampfplauderer in die TV-Geschichte eingehende Helmut Karasek, dass er bei einem Vortrag vor 14-jährigen Schülerinnen und Schülern feststellen mußte, dass keiner von denen wußte, dass Deutschland einmal geteilt war. Bei einer derartigen Interessens- und Informationslage dürften die Urenkel der Tätergeneration ebenfalls als Zielgruppe dieses Landserepos (Guido Knopp trifft Steven Spielberg) ausscheiden.

    Der Produzent Nico Hoffman hat bereits andre TV-Blockbuster abgedreht: „Dresden“, „Die Flucht“, „Der Tunnel“, „Das Wunder von Berlin“, „Rommel“ und „Schicksalsjahre“, mit Maria Furtwängler als sorgende Gutsherrrin usw. In diese Kette der historisch unscharfen, teilweise geschichtsrevisionistischen Eventmovies reiht sich der aktuelle Dreiteiler als subtiler TV-Beitrag zum „Opferdiskurs“ ein.

    Eine sehr gute Kritik an diesem Medialen Opferdiskurs fand ich seinerzeit unter dem Titel „Viele kleine Schindlers“ in der Jungle World:
    http://jungle-world.com/artikel/2011/06/42620.html

    Zum Film selbst ein weitere Link:

    http://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/betreutes-epos-unsere-muetter-unsere-vaeter

  • Nobs  On März 20, 2013 at 07:52

    Gestern bei Lanz ging es um diesen hochgelobten und vieldiskutierten Dreiteiler. Zu Gast waren Historiker Prof. Arnulf Baring, Schauspielerin Christiane Paul, Politikerin Marina Weisband und Moderator Dirk Stermann und Journalist Claus Strunz.
    Irgendwann fällt Baring, neben Weisband sitzend und ihr zugeneigt, das Urteil, es geben kein Tätervolk, Deutsche und Juden seien gleichermaßen Täter und Opfervölker gewesen.
    Die Stelle mit dem genauen Wortlaut konnte ich heute morgen noch nicht auffinden.

  • altautonomer  On März 20, 2013 at 08:23

    Nobs: Baring sagte vor einigen Monaten in der Münchner Runde auf BR, dass die Nationalsozialisten eine linke Partei waren. Der wird doch nur noch als Ulknudel oder Krawallschachtel in Talkshows eingeladen, damit es nicht langweilig wird.

    • Nobs  On März 20, 2013 at 10:00

      Das genaue Zitat wollte ich noch nachreichen, weil ich es doch nicht fassen kann, das ein solcher Vergleich im deutschen Fernsehen nahezu unkommentiert durchgehen kann. Lediglich Claus Strunz war das „ein Ticken zu vehement“.

      Baring (~26:30): „Die Botschaft des Films ist: Die Täter sind auch Opfer und die Opfer sind auch auch Täter. Die Männer die da nach vielen Jahren rauskamen, waren doch im Grunde genommen, alte Männer, auch wenn sie erst Mitte 20 waren. Was diese Schauspieler wunderbar gemacht haben, wie die sich in wenigen Jahren rein optisch verändern.
      Diese Unterscheidung, die Deutschen sind ein Tätervolk, die Juden sind Opfer, nein, viele Juden haben auch, das kann man in dem Film auch sehen, haben andere verraten, um ihre Haut zu retten. Es ist viel komplizierter.
      Aber Wir werden in den nächsten Jahrzehnten sehen: Natürlich hat sich Hitler für die Verbrechen und den ANgriffskrieg zu verantworten, das ist schlimm genug. Aber auch die anderen haben furchtbare Dinge getan. Ich habe mal in Dresden, bei der 50-Jahrfeier des Untergangs ein Mitglied des englischen Königshauses erlebt, der gesagt hat: der 2. Weltkrieg hat uns alle entmenscht, alle, nicht nur die Deutschen.“

      • garfield080  On März 23, 2013 at 05:17

        ich denke im Krieg ist es wirklich komplizierter, aber das ist wieder ne andere Baustelle.
        Zu dem Film speziell kann ich nichts sagen, aber diese Tendenz „die anderen waren eh viel schlimmer“ gabs vorm TV ja schon ganz „offiziell“ mit dem Demjanjuk-Prozess – der mit seiner Haft in Israel (in der Todeszelle) schon mehr Jahre als z.T. seine direkten Vorgesetzten verbüßt hat.

        Die „Aufarbeitung“ vorher war aber auch nicht viel besser. Da wurde einfach in ein „gutes“ und „böses“ Lager unterteilt, das sich nicht zuletzt an der Nationalität festmacht.
        Und wenn man schon Deutscher sein muß, dann wenigstens kein Nazi, sondern diesmal im „richtigen Lager“. Unterm Strich aber genau dasselbe Denken wie vorher, nur umgedreht. Das Böse sind immer die andern.

        Statt z.B. das Fazit zu ziehn, sich selbst und seine Rolle kritisch zu hinterfragen, war die Lektion daraus doch bloß, daß man auf der „richtigen Seite“ zu stehn hat – dann ist aber alles erlaubt…
        so läßt sich dann auch perfekt Auschwitz betrauern und gleichzeitig über Guantanamo etc hinwegsehn.
        Daß man mit Theorien von deutscher „Erbschuld“ hauptsächlich Trotz erzeugt hat, und die Leute irgendwann die Schnauze voll hatten, kommt noch dazu (vllt sind die heutigen Filme ja auch ein Ergebnis dieser Zeit)

        die Chance wurde halt verpasst.

  • altautonomer  On März 20, 2013 at 08:44

    Waren doch schon 1943 alle im Widerstand:

    Ich vermisste die Einbindung derartiger Dokus in den Dreiteiler. Stell ich mir aber die Frage, welche Emotionen der Film bei den Zuschauern hervorrufen soll, vom Verstehen über das Verständnis zum Mitleid mit den Tätern, dann wird mir klar, warum dieser Hintergrund nicht gezeigt wird.

    • rainer  On März 20, 2013 at 10:44

      …sass da in diesem „Publikum“ nicht auch ein gewisser „Schmidt, Helmut“ aus Hamburg?…

  • altautonomer  On März 20, 2013 at 09:31

    Wer wirklich etwas Authentisches über die Täter und ihre Moral erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch „Soldaten“, Fischer-Verlag 2011:

    Sönke Neitzel und Harald Welzer präsentieren darin Gespräche von deutschen Soldaten, die Briten und Amerikaner zwischen 1940 und 1945 in den Kriegsgefangenenlagern abhörten. Und die sich von ihrer ungeschminkten Seite als ziemlich mordlüstern erweisen. Mit einigem Entsetzen erfährt der Leser, wie wenig Unrechtsbewusstsein unter den Soldaten herrschte, wenn sie sich über ihre Mordtaten unterhielten, wie sie mit den von ihnen verübten Massakern prahlten und übelsten Gewalttätigkeiten zu Witzgeschichten präsentierten: „Die Sache hat mir einen Mordsspaß gemacht.“ Auch das Töten von Zivilisten, das Morden von Kindern, die Vergewaltigungen von jüdischen Frauen entlockte den deutschen Soldaten kein Wort des Mitgefühls, der Scham oder des Zweifels. Für Wette bestätigt sich einmal mehr: Je mehr man die Wehrmacht erforscht, desto düsterer wird das Bild.

    Leidenschaft beim Morden, Vergewaltigen und Brandschatzen statt Befehlsnotstand.

  • hANNES wURST  On März 20, 2013 at 10:50

    Wieso, der Titel stimmt schon, denn die Serie wurde eindeutig für die ab 80 Jährigen produziert. Und es ist doch ein wirklich schönes „Best of WWII“. Zwei Herren, zwei Damen und ein Jud erleben so einiges – in einer Zeit, in der es nicht einmal World-of-Warcraft gab und die Menschen den größten Teil des Winters unter der Daunenbettdecke verbrachten, wenn sie nicht gerade gen Moskau marschieren mussten. Ich hatte zu jeder Zeit den Eindruck, dass jemand im zweiten Weltkrieg genau das hätte erleben können, was die Protagonisten der ersten beiden Folgen dieser Familienserie erlebt haben. In der Tradition der „Schwarzwaldklinik“, die übrigens nach „Dallas“ der erste deutschsprachige Tabubruch der Sendeanstalten war, wird hier gezeigt, was theoretisch möglich ist. Ein Potpourri der Kriegstümeleien. Man lernt auch so manches. Einiges hat man schon geahnt, zum Beispiel den Ostblock als Hort von Abscheulichkeiten, die noch größere Schweine als die Nazis waren. Dabei waren die Damen dort meist gutaussehend und stoisch, eine wunderbare Kombination. Fehlte nur, dass Sie sich den Busen bei der Erschießung bar machen. Das war alles sehr viel weniger frustrierend und deprimierend als die Anfangsszene von „Der Soldat James Ryan“ oder der doch melancholisch stimmende Comic „Maus“ und gerade deswegen so gut bekömmlich. Hier sind Menschen nicht einfach irgendwelche Viecher sondern deutsche Fräulein und Herren – ach ja, und ein Jud. Und wie die da durchs dritte Reich stolpern, aber wird schon schiefgehen.

    Den dritten Teil kann ich leider aus terminlichen Gründen nicht sehen und ich bin zu faul und zu dumm den Digitalreceiver zu programmieren. Aber ich nehme schon an, dass auch in diesem Teil die Umstände und Befindlichkeiten des ehemaligen deutschen Volkskörpers originalgetreu abgebildet werden. Es ist ja heutzutage gar nicht mehr möglich, den Deutschen von damals wirklich zu verstehen, denn Deutschland wurde nach 45 formatiert und neu installiert. Dennoch würde ich mir für Teil 3 einige fiktionale Elemente wünschen, damit auch aus heutiger Sicht verständlich wird, warum man nur im Notfall ein Volk vernichten sollte. So könnte Hitler im Führerbunker Blutmagie praktizieren und im Bosskampf wird er von einer Elfenarmee mit Pfeil und Bogen besiegt. Aber nein, statt dessen wird es wohl weiterhin hyperrealistisch bleiben, der Jud wird nach Ausschwitz verschifft wo Maximiliam Kolbe ihm das Leben rettet (weshalb er später zum Protestantismus konvertiert und endlich ein anständiges Leben führen kann), die Schlagersängerin stellt sich als Mutter von Udo Lindenberg heraus (sie will erst abtreiben, merkt dann aber wie ungeheuer stark die Nazibrut in ihrem Leib ist) usw. usf.

    • hf99  On März 20, 2013 at 11:23

      einfach wunderbar, hanneswurst, danke. mehr ist zu diesem „Fernsehereignis des jahres“ wirklich nicht zu sagen.

  • altautonomer  On März 20, 2013 at 11:09

    @all: Kenne ein Gegengift, es heißt „Inglorious Basterds“ von Tarantino.

    • hf99  On März 20, 2013 at 11:22

      meines ist 29 jahre alt: „Heimat“ von Reitz.

  • che2001  On März 21, 2013 at 00:16

    Gegenprogramm:

  • Quax  On März 21, 2013 at 02:40

    „http://www.heise.de/tp/autor/hansschmid/default.html“
    Lesenswerte Artikel zum Thema Kino/Film/Fernsehen an sich und im besonderen zu deutschen Filmen vor ’33, ’45 und danach.

  • hf99  On März 21, 2013 at 07:41

    Danke, Ihr Beiden. das Adorno-feature ist wohlbekannt. Natürlich wird auch in solchem Format Komplexität reduziert, aber gut. Zu Schmid: danke für die Erinnerung, habe auch ich mehrfach schon empfohlen, etwa „Scheener herr aus daitschland“ http://www.heise.de/tp/artikel/34/34900/1.html oder sein essay über „ich klage an“ (Euthanasiefilm) http://www.heise.de/tp/artikel/36/36065/1.html seine ganze Nazifilmserie ist großartig

  • El_Mocho  On März 21, 2013 at 09:55

    Könnte die Bereitschaft der Ukrainer zur Zusammenarbeit mit den Nazis evtl. auch damit zu tun haben, dass der unabhängige ukrainische Staat, der 1918 unter deutscher Beihilfe entstanden war, zwangsweise in die Sowjetunion eingegliedert wurde? Und damit, dass die russischen Kommunisten durch die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft drei Millionen Ukrainer umgebracht hatten?

    • hf99  On März 21, 2013 at 10:03

      Die Bereitschaft, die Deutschen als Befreier anzusehen – ja! (Wie in den drei baltenländern auch). Aber die Bereitschaft zum Mord?

  • altautonomer  On März 22, 2013 at 12:16

    Ich empfinde es als eine Heuchelei des öffentl.-rechtl. ZDF, mit dem Film der Wahrheit ein Stück näher kommen zu wollen. Vor 5 Jahren habe ich mehrere Fernsehsender (Bezahlsender) bezüglich der Ausstrahlung des Films „Hofmanns Paradies“ angefragt und nur ausweichende Antworten bekommen. Er wurde bis heute nicht gesendet. Stop! Arte brachte ihn am Sonntagmorgen, 12.08.2012 – an prominenter Stelle um 3.00 Uhr.

    Hier ein Trailer: http://www.youtube.com/watch?NR=1&v=kpV-9hcemdo&feature=endscreen

    Dabei ist die Geschichte der NS-Zeit eine Geschichte der Opfer (Siehe „Das Urteil“ – Dokumentation über den Auschwitzprozess in Frankfurt). Die Täter haben bis auf wenige Ausnahmen hartnäckig geschwiegen, konnten sich aber, wenn es um ihre Entlastung ging, erstaunlicherweise dann doch wieder an viele Details erinnern.

  • SUBART  On März 26, 2013 at 08:06

    Es geht doch nur darum, daß vom Drehbuch bis zum Filmteam und den Schauspielern incl. Sender seine Arbeitsplätze sichert.
    Der Export deutscher Waffen ist bringt Milliarden und eben auch angebliche
    Opfer – wo ist da noch Sinn bzw. haben die „deutschen“ stets eine Doppelmoral.

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