Meine Zaubertexte

Habe wieder einen meiner Zaubertexte in der Mache.

Denn woher diese noch so allgemeine Herrschaft der Vorurteile und diese Verfinsterung der Köpfe bei allem Licht, das Philosophie und Erfahrung aufsteckten? Das Zeitalter ist aufgeklärt, das heißt, die Kenntnisse sind gebunden und öffentlich preisgegeben, welche hinreichen würden, wenigstens unsre praktischen Grundsätze zu berichtigen. Der Geist der freien Untersuchung hat die Wahnbegriffe zerstreut, welche lange Zeit den Zugang zu der Wahrheit verwehrten, und den Grund unterwühlt, auf welchem Fanatismus und Betrug ihren Thron erbauten. Die Vernunft hat sich von den Täuschungen der Sinne und von einer betrüglichen Sophistik gereinigt, und die Philosophie selbst, welche uns zuerst von ihr abtrünnig machte, ruft uns laut und dringend in den Schoß der Natur zurück – woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?

Es muß also, weil es nicht in den Dingen liegt, in den Gemütern der Menschen etwas vorhanden sein, was der Aufnahme der Wahrheit, auch wenn sie noch so hell leuchtete, und der Annahme derselben, auch wenn sie noch so lebendig überzeugte, im Wege steht. Ein alter Weiser hat es empfunden, und es liegt in dem vielbedeutenden Ausdrucke versteckt: sapere aude.

Erkühne dich, weise zu sein. Energie des Muts gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen.

Da möcht wohl Wahres dran sein. Allerdings: An dieser Stelle wird Schiller sich von Kant entfernen. Schillers Versicherung, es könne der Mensch, durch eine gleichsam glückhafte Konstitution seiner Triebe (Formtrieb, Stofftrieb), letztlich doch seine Einheit (wieder)gewinnen, ist haltlos, aber schön. Fast möchte ich sagen: Zu schön, um wahr zu sein. Kant hat, nicht zuletzt in seiner Religionsschrift, die ich, peinlich genug, erst jetzt wirklich kennen lerne, darauf hingewiesen, dass es in der Konstitution des Menschen kein Präjudiz – nicht zum Guten, nicht zum Bösen – gibt und keines geben kann. Das hätte Schiller so zwar auch unterschrieben – aber seine Versicherung, es sei die Schönheit, durch welche man zur Freiheit wandere, trägt so etwas wie eine versteckte Naturalisierung der Moral mit sich; so empfinde ich es wenigstens. Das macht aber nichts. Sein philosophisches Konzept bleibt für mich eines der schönsten, die
kenne, und wie jeder ausgewuchtete philosophische Ansatz ist er widersprüchlich und an den Rändern unklar. Dies betrifft insbesondere den 11ten, von Körner zu Unrecht als zu abstrakt gescholtenen Brief – eine der Kerntexte des sog. „deutschen Idealismus“. Dazu, und zu den Bezügen zu Kant, demnächst mehr in diesem Theater.

PS: Weiß jemand eine preiswerte Bezugsquelle für Cassirers Kant-Werk?

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Kommentare

  • DSB & PimPH  On März 18, 2013 at 18:33

    Zum gesuchten Buch: ZVAB hast Du schon durchsucht? (http://www.zvab.de)

    • hf99  On März 18, 2013 at 18:38

      ehrlich gesagt ja. Ich dachte so an wenige Euros…Muss nicht morgen sein.

      • DSB & PimPH  On März 18, 2013 at 23:00

        Dann wird wohl nur noch eine öffentliche Bibliothek bleiben … Vorerst.

        Viel Glück beim Weitersuchen.

  • eb  On März 18, 2013 at 19:42

    Wenn die Abstraktion so hoch, als sie immer kann, hinaufsteigt, so gelangt sie zu zwei letzten Begriffen, bei denen sie stille stehen und ihre Grenzen bekennen muß.

    Damit habe auch ich Schwierigkeiten. Abstraktion ist überwertet. Sie lässt die Menschen hinter sich zurück, – und nimmt sie nicht mit. Die Schere hat zu viele Gesichter, – und vergisst was sie schneidet.

    (Das mit deiner Buchsuche, scheint ein echtes Problem zu sein. Zumindest mal unter 70 Eurix 😉

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