Aus meiner Korrespondenz

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betreff: mein Kopf, zu viele Löcher

Der Fall Genoud,den Du erwähntest. Ich versuche, solche Dinge – etwa auch das Oktoberfestattentat, Gladio, Fall Vera Brühne etcetc – los zu werden, weil ich dort in einen Abgrund blicke, den ich nicht ertrage. Ich möchte beim Baudelaire-Lesen nicht gestört werden, lüge also. Dass wir im Zweifelsfall von Verbrechern regiert werden, weiß ich im Grunde, seit ich 16 war und an erste veröffentlichte Dokumente zum Komplex internationaler Waffenhandel, an den Fall Peter Urbach (in „Cheschahshit – die 60er Jahre“) sowie an den Komplex alte Nazis in der BRD/Globke/Orga Gehlen/Rattenlinie geriet (letzteres wohl im Dunstkreis des Barbie-Prozesses). Ein solches Wissen (oder Ahnen, aber letztlich wissen wir es alle doch ganz genau) ist beim sog. gegenwärtigen Stand der sog. gesellschaftlichen Entwicklung völlig unproduktiv. Du wirst da einfach nur zum Provinz-Hamlet. Und die Herrschaften machen selbstverständlich fröhlich weiter. Du kennst Arendts Brief an Jaspers vom 24.11.1963 über die Kennedy-Ermordung natürlich auch*. Wie lebt man in einem solchen Umfeld? Die berühmte alte Frage – sozusagen die 6-Millionen-Dollar-Frage der politischen Philosophie -, was sich denn zuerst ändern müsse, der Mensch oder die Verhältnisse, ist längst beantwortet: Beides im Wechselspiel, und dieses Wechselspiel will und will nicht eröffnet werden. Ich kann es den Menschen, eingepresst in lauter Vollzüge, nicht einmal verübeln. Auch ich werde jetzt gleich in meinem Job weitermachen. Gehen wir also angeln.

edit: Wiki-Artikel des Tages heute: Staatspolizeileitstelle Hamburg. Man möchte alles kurz und klein schlagen.

edit 2: * da vielleicht nicht jeder den Briefwechsel auf die Schnelle zur Verfügung hat: „ich schreibe noch ganz unter dem Entsetzen über die Ermordung Kennedys. Seit Tagen sitzt man am Radio und hört die Nachrichten, die nicht nur furchtbar, sondern vor allem auch ganz undurchsichtig sind. Die zweite Ermordung des Verdächtigen – bei dem man ja gar nicht umhin konnte, Verdacht zu schöpfen, daß er einfach auf gut Glück oder, schlimmer, nicht auf gut Glück festgenommen war – durch diesen Unterweltcharakter, von dem man eben durchs Radio gibt – wie nebenbei -, daß er mit der Polizei in Dallas gut bekannt war (auf bestem Fuß stand?), hat alles noch viel schlimmer gemacht. (…) Sie (Mary McCarthy, hf) flog gerade nach New York zurück, weil sie noch versuchen will, dort einen Ausschuß unparteiischer Menschen zu gründen, die auf einer wirklichen Investigation der Tatbestände bestehen. Texas hat bereits gemeldet, daß für sie der Fall bereits erledigt sei; und das, ohne daß irgendwelche wirklich schlagenden Schuldbeweise je je an die Öffentlichkeit gekommen sind (…)
(…) Die Texasgeschichte selbst mit dem doppelten Mord und den offenbaren versuchen, die Öffentlichkeit nicht zu informieren, klingt wie ein Vorkommnis aus einem Polizeistaat.“ Brief Arendt vom 24.11.1963
„Hinzu kommt – kaum je erwähnt -, daß ja der Kennedy-Mord nie aufgeklärt worden ist. das einzige, was festzustehen scheint, ist, daß Oswald es nicht hat gewesen sein können. Aber der Warren-Report wird natürlich das Gegenteil behaupten.“ Brief Arendt vom 23.07.1964 (Köhler, Lotte/Saner,Hans (Herausgeber): Hannah Arendt Karl Jaspers Briefwechsel 1926-1969, München2001, p.569-570 sowie p. 594)

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Kommentare

  • R@iner  On März 6, 2013 at 11:48

    Ach, wenn man kotzen will, dann kann man sich auch z.B. mit MKULTRA beschäftigen. Eine arte-Doku von 2002 findet man auf youtube: „Das Gehirnwäsche-Programm der CIA (Doku) Deckname Artischocke
    Ehemalige KZ-Ärzte, Drogenexperimente an beliebigen Menschen – zum Teil auch in D-land durchgeführt -, die zum Tode oder in die Psychiatrie führ(t)en.
    Schaue ich mir alleine an, was da passiert(e), dann kommen mir meine Kommentare auf politischer oder ökonomischer Ebene für „eine bessere Welt“ immer lächerlicher vor. Wie will man gegen eine derart tiefgreifende und verabscheuungswürdige Bösartigkeit überhaupt noch anstinken?
    Wo ist meine rosafarbene Brille? Ich habe sie verlegt und kann sie nirgends mehr finden.

    • hf99  On März 6, 2013 at 13:31

      das fatale an solchen sachverhalten (es handelt sich ja nicht um die Paranoia eines Verschwörungsirren, sondern, etwa bei Peter Urbach, um gut verbürgte Sachverhalte) ist, dass sie alles Vertrauen und damit alles Sprechen zerstören. (Zerstören sollen? Zumindest wird der Effekt im Rahmen des teile und herrsche gerne mitgenommen)

  • summacumlaude  On März 7, 2013 at 05:38

    Was macht die Wirklichkeit, wenn der paranoide Irre recht behält?
    – Sie macht weiter….
    (und überlässt den Irren dem psychiatrischen Notdienst)

  • ziggev  On März 7, 2013 at 15:35

    kurze Randbemerkung zur literarischen Verarbeitung

    Im üblichen Plauderton des New Yorkers ein etwas längerer Text zum Thema.

    http://www.newyorker.com/reporting/2012/12/17/121217fa_fact_khatchadourian?currentPage=all

    Das mit den KZ-Ärzten war mir neu.

    Bei Th. Pynchon („Vineland“) dann mehr eine selbst für einen Nichtmuttersprachler (im Grunde hoffnungslos überfordert) kaum mehr zu überhörende Trauer, eine „Jereminade“ (Wicki). Pynchon schien mir teilweise diesen typischen amerikanischen Sechzigerjahre-FBI-Paranoia literarisch zu verarbeiten. Mit dem Versprechen eines „paradiesischen“ Amerikas war es wohl doch nicht ganz so gewesen.

    Zu Pynchons literarischem Schaffen, „Vineland“ gelte als sein zugänglichstes Werk, „konventionell verfasst “ (Wicki). Ich war geschockt. Wie es dann mit seinen anderen Werken bestellt ist, will ich nicht mehr wissen (eigentlich schon). Jedoch wie es mit Übersetzungen aussieht, steht auf einem anderen Blatt („Gegen den Tag“).

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