„Hannah Arendt“

Ich gestehe offen: Als ich hörte, es werde ein Film gedreht über Hannah Arendt, genauer, über Hannah Arendt in Jerusalem, da dachte ich zunächst: Wunderbar, dann: Kann irgend wer Philosophie im Film zeigen? Es kann ja nur schief gehen. Dann hörte ich: Von Trotta, mit der unvermeidlichen Barbara Sukowa als Hauptdarstellerin, und mir wurde mulmig: Es würde also schief gehen. Der Trailer war auch nicht gerade angetan, meine Bedenken zu zerstreuen.

Heute habe ich ihn gesehen, im Abaton, mit Bettina Stangneth afterwards. Und ich gebe zu: Das hätte ich so nicht erwartet. Natürlich: Man kann kritteln. Neben dem Unvermeidlichen – Textauszüge aus den Elementen („Das Überflüssigmachen des Menschen“) werden per Seminarrede, der Brief an den (unerwähnten) Sholem („ich liebe immer nur meine Freunde“) per Gespräch visualisiert, so muss es ein Film, der Philosophieren visualisieren will, wohl machen – fehlen auch andere Hintergründe: Karl Jaspers taucht im Gegensatz zu Heidegger-Rückblenden gar nicht auf, die Schriftstellerin Mary McCarthy, deren tiefe Freundschaft mit Arendt mit einem handfesten Krach eben über Nazi-Deutschland begann, wird zur cool-dümmlichen, männererfahrenen Beziehungsberaterin degradiert. Aber das sind Bagatellen; mit allem Respekt für Jaspers und McCarthy.

Wirklich groß. Der Versuch, Denken zu zeigen. Und Barbara Sukowa in ihrer bis jetzt besten Filmrolle.

Peter Nowaks Kritik irrt. Mag ja sein, dass einige Arendts Werk und Person zum Anlaß nehmen, sich antisemitisch auszutoben. Aber gerade dieses Problem sollte im Rahmen der Rezeptionsgeschichte von „Eichmann in Jerusalem“ doch geklärt worden sein – mit all ihren bösartig-verletzenden, willentlichen Missverstehereien. Nirgends hat Arendt „das jüdische Volk“ angeklagt (gute Güte, sie hat ja nicht einmal „das deutsche Volk“ angeklagt, obwohl es dazu, im Gegensatz zum jüdischen, wohl einigen Anlaß gegeben hätte), sie hat nirgends die Judenräte zu den eigentlichen Tätern gemacht. Völlig zu Recht hat sie diese Art von Angriff – den ehrbaren Begriff Kritik vermeide ich hier – so charakterisiert:

Daß ich die Verbrechen der Nazis „entschuldigt“ habe, kann niemand behaupten, der mein Buch gelesen hat. Es ist damit ähnlich wie mit dem Hochhuthschen Buch („Der Stellvertreter“, Anm. hf) gegangen. Da Hochhuth die Stellung Pacellis zu Zeiten der Endlösung kritisiert hat, hat man behauptet, er habe damit Hitler und die SS antschuldigt und Pius XII. als den eigentlichen Schuldigen dargestellt. Auf diesen Unsinn (=Pacelli/Pius für den eigentlich Schuldigen zu halten; hf), den niemand behauptet hat und der leicht zu entkräften ist, versucht man die Diskussion festzulegen. Genau so steht es mit einem Teil des Streits um das Eichmann-Buch. Man behauptet, ich hätte Eichmann „entschuldigt“ – und beweist dann Eichmanns Schuld – meist noch mit Zitaten, die aus meinem Buch stammen. Die Meinungsmanipulation in der modernen Welt wird bekanntlich weitgehend durch die Methoden des „image-making“ bewirkt, d.h. dadurch, daß man bestimmte „Bilder“ in die Welt setzt, die nicht nur nichts mit der Realität zu tun haben, sondern häufig nur dazu dienen, bestimmte unangenehme realitäten zu verdecken. (Arendt, Hannah: Gespräch mit Thilo Koch, in: Arendt, Hannah, Ich will verstehen, München1996, Ursula Ludz als Herausgeberin, p. 39)

Nun weiß ich natürlich, dass solche Verdrehungen, Fälschungen, Verleumdungen bis heute handelsüblich sind; im Zweifelsfall auch durch PR-Agenturen. Aber dass man heute noch warnen muss vor solcher Art falschem Denken, darf ich ja wohl mal trübe finden. Nowak notiert:

Ein dramatischer Höhepunkt des Films ist erreicht, als Arendt am Bett des schwerkranken Verwandten sitzt, der ihr demonstrativ den Rücken zukehrt, nachdem er ihr vorgeworfen hat: „Du liebst die Juden nicht.“ Ihre Gegenfrage im Film hört sich fast programmatisch an. „Warum soll ich die Juden lieben, wo ich doch keine Völker liebe? Ich liebe Menschen.“

So würden auch viele linke Israelkritiker heute antworten, wenn ihnen jüdischer Selbsthass oder Feindschaft zu Israel vorgeworfen wird.

Und merkt nicht, dass es genau darum geht. Die Antwort auf Kollektivvorwürfe (hier: Gegen die „bösen“ Zionisten aka Juden) kann nicht darin bestehen, dieses Kollektiv bzw genauer: die Akteure, die in ihm agieren, nunmehr gegen jede Kritik zu immunisieren. Das wäre schlechte Dialektik, und allein darum, die abzuweisen, ging es Arendt. Das intellektuell nicht satisfaktionsfähige Gerede von der „jüdischen Selbsthasserin Arendt“ muss jeder unanständig finden, der auch nur zwei Sätze von ihr gelesen hat. Übrigens meinte Arendt niemals „ich liebe die Menschen“, sondern eben „Menschen“, konkrete Menschen, nämlich ihre Freunde. Freundschaft war Arendt wesentlich; und eine ihrer m.E. großartigsten Einsichten über das Wesen des Totalitarismus war diese: Totalitarismus zerstört Vertrauen, Treue, Freundschaft, indem er die ehernen Grundsätze der „Bewegung“ über persönliche Loyalität stellt.

Viel interessanter finde ich persönlich Bettina Stangneths Ergebnisse über „Eichmann vor Jerusalem“. Eichmann, so kann man Stangneths Position zusammenfassen, sei mitnichten jene mediokre Erscheinung, die so gut wie alle Korrespondenten (nicht nur Arendt) damals beim Prozess in ihm gesehen haben. (Exemplarisch etwa Harry Mulisch in „Strafsache 40/61“; Arendt lobt Mulisch ja ausdrücklich, wobei man anmerken muss, dass Mulisch es schon etwas anders exponiert und seine Sicht auf Eichmann derjenigen Stangneths nach meinem Empfinden näher steht als Arendts.) Eichmann habe nicht nur genau gewusst, was er getan hat – das hat auch Arendt letztlich nie bestritten -, sondern er sei selbst in Jerusalem noch ganz bewusst im Sinne des von ihm aktiv verfolgten Konzepts vorgegangen. Auch Arendt sei auf Eichmanns Methode, den dummen August zu spielen, letztlich herein gefallen. Damit rehabilitiert Stangneth sowohl Staatsanwalt Hausner als auch die „Elemente-Arendt“ gegen die „Eichmann-in-Jerusalem-Arendt“. Arendt zeigte sich bekanntlich erstaunt darüber, dass Eichmann viel weniger von Ideologie geprägt sei, als sie (in den Elementen) angenommen habe. Interessanterweise ist Karl Jaspers zumindest zeitweilig auf der in Stangneths Sinn richtigen Spur gewesen. An Hannah Arendt, 8.6.61 (Hannah Arendt / Karl Jaspers, Briefwechsel 1926 – 1969, Herausgeber: Lotte Köhler und Hans Saner, München 2001, 476):

Eichmann hat inzwischen noch andere Aspekte gezeigt, auch persönlich brutale. Schließlich kann ein solcher Funktionär des bürokratischen Mordens doch auch nicht persönlich ohne unmenschliche Eigenschaften sein, die unter solchen Umständen in Erscheinung treten, während er unter „normalen Bedingungen kein Verbrecher geworden wäre.

Was mich betrifft: ich übe da vorerst feige epoché. Bettina Stangneths Material ist überaus überzeugend – sie erweist sich dort fast als Kriminologin und Forensikerin, auch, wenn Psychologie erklärtermaßen nicht zu ihren Ansätzen gehört. Eichmann doch kein Bürospießer („Es lag Befehl vor“)? Ich weiß es noch nicht. Es dürfte in der Tat auf zwei wichtige Begriffe hinaus laufen: Den der Lüge und den des radikal Bösen. Log Eichmann in Jerusalem der Weltöffentlichkeit einfach die Hucke voll? War er radikal böse? Was wäre das radikal Böse? Kant kennt drei Stadien des Bösen: Gebrechlichkeit, Unlauterkeit, Bösartigkeit. Für den Hausgebrauch übersetzt (bitte nie im Kant-Seminar verwenden!): 1. Kleine menschliche Schwächen (für viele, nicht für Kant!, entschuldbar), 2. Vermengung moralischer Prinzipien mit dem Eigennutz, 3. Bösartigkeit, Verderbtheit des menschlichen Herzen – vorsätzliche Negierung des Sittengesetzes. Jaspers folgt Kant, wenn ich es recht sehe (ich bin kein Jaspers-Kenner und berufe mich im wesentlichen auf seine Radiovorträge) Die Deutschen haben ihre – das Wort verweist bereits auf das Problem! – Verführbarkeit zwischen 33 und 45 post hoc bekantlich überwiegend unter 1 subsummiert. Bedauerliche menschliche Schwächen, über die zu reden nicht mehr groß lohnt – eine offenkundige Schutzbehauptung.

Für die vor-Jerusalem-Arendt war das radikal Böse aufs Engste mit dem bereits erwähnten „Überflüssigmachen des Menschen“ verknüpft (Briefwechsel mit Jaspers, aaO, p. 202). Aus den Elementen:

Bis jetzt scheint der totalitäre Glaube, daß alles möglich ist, nur (sic!) bewiesen zu haben, daß alles zerstörbar ist, auch das Wesen des Menschen. Aber in ihrem Bestreben, unter Beweis zu stellen, dass alles möglich ist, hat die totale Herrschaft, ohne es eigentlich zu wollen, entdeckt, dass es ein radikal Böses wirklich gibt und daß es es in dem besteht, was Menschen weder bestrafen noch vergeben können. Als das Unmögliche möglich wurde, stellte es sich heraus, dass es identisch ist mit dem unbestrafbaren, unverzeihlichen radikal Bösen, das man weder verstehen noch erklären kann durch die Motive von Eigennutz, Habgier, Neid, Machtgier, Ressentiment, Feigheit oder was es sonst noch geben mag und dem gegenüber daher alle menschlichen Reaktionen gleich machtlos sind; dies konnte kein Zorn rächen, keine Liebe ertragen, keine Freundschaft verzeihen, kein Gesetz bestrafen. (…)
So haben wir eigentlich nichts, worauf wir zurückfallen können, um das zu begreifen, womit wir doch in einer ungeheuerlichen, alle Maßstäbe zerbrechenden Wirklichkeit konfrontiert sind. Nur eines scheint sich hier abzuzeichnen; wir können immerhin feststellen, daß dieses radikal Böse im Zusammenhang eines Systems aufgetreten ist, in dem alle Menschen gleichermaßen überflüsig werden. Die totalen Machthaber sind von ihrer eigenen Überflüssigkeit genauso überzeugt wie von der aller anderen, und die totalitären Henker sind so gefährlich, weil es ihnen offenbar einerlei ist, nicht nur, ob sie leben oder sterben, sondern ob sie je geboren wurden oder niemals das Licht der Welt erblickten. (Arendt, Hannah, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1986, p. 941-942)

Soweit, so klar? Nichts scheint mir klar. Denn Eichmann, und sogar Hitler selber, haben ihren mörderischen Angriff auf die Juden in ihrem realitätsvergessenen Irrsinn als Defensivakt gedeutet. „Der Jude“ organisiere eine Verschwörung – ihr sei entgegen zu treten. „Der Jude“ will uns vernichten, also müssen wir ihm zuvorkommen. Es handelt sich da um einen fürchterlichen Vorgang, um eine mörderische Phantasie schadhafter Subjekte (Thomas Mann sinngemäß über Hitler), denn diese Ideologie war ja nicht nur falsch, sie war vor allem so offenkundig falsch, so offenkundig irre. Und ich bin mir nicht sicher, wie ich das alles deuten kann. Eben doch ein „Oberflächenphänomen“? Psychisch deformierte Typen, denen von einer von allen guten Geistern verlassenen Bevölkerung die Macht eingeräumt wurde, ihre kläglichen Träume zu verwirklichen? Hat am Ende Alice Miller Recht? Psychisch erheblich deformierte Täter, die, selber mit massiver Gewalterfahrung aufgewachsen, in einer per gewaltsamer Sozialisation erheblich deformierten gesellschaft agierten? Es gibt in vielen Studien nachgewiesene, eindeutige Korrelationen zwischen persönlicher Gewalterfahrung in der Kindheit und späterer Gewaltbereitschaft, und nichts wäre dümmer, als diesen Ansatz als Abwiegelungsstrategie zu denunzieren. Ich weiß nur, dass wir hier nichts von vorneherein ausschließen können. Alles steht seither zur Disposition.

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Kommentare

  • KL  On Februar 26, 2013 at 12:09

    Eine sehr anregende Meditation, mit einem schönen Mut zur Ambivalenz.

    Meine Vermutungen gingen bisher immer eher dahin, daß Arendt Eichmann wohl ganz gut eingeschätzt haben wird. Die Monstrosität, daß ein beflissen-infantiler, subalterner Bürokrat ein effektiver kleiner Motor in einem Terror- und Mordkartell war, ist aber wohl derart, daß wir immer wieder daran zweifeln. Ich habe den Untertitel immer schon so verstanden, daß er „Das Böse als Banalität“ meint (wie sie in einem Brief wohl auch mal erläuterte) und nie verstanden, warum das sogar wohlwollende Rezensenten mißdeuten konnten. Ich bin weit eher geneigt, an eben diesen Konnex zu glauben, es ist zu realistisch.

    Etwas Wolkiges wie „Verderbtheit des Herzens“ anzunehmen, liegt mir ferner – denn diese Erklärung ist kaum mehr als eine Benennung, die das Rätsel nur vergrößert. Ich bin noch nicht dazu gekommen, Honneths umfangreichen Text zum „Kampf um Anerkennung“ durchzuarbeiten, erhoffe mir aber von ihm Unterstützung einer Vermutung, die mir das ‚Radikal Böse‘ eher begreifbar macht. Wenn eines unserer zentralen, geradezu animalisch gegründeten Lebensbedürfnisse die Anerkennung ist, dann ist es nicht mehr so sehr abwegig, die böse Tat, auch die demonstrativ böse Tat als Erzwingen von Anerkennung zu verstehen – bis zum Paroxysmus und Selbstopfer, z. B. Amokläufe. Daß die beschädigten Subjekte es sind, die so vorgehen, ist dann nachgerade tautologisch: ihre Beschädigung ist Resultat gescheiterter Anerkennungsverhältnisse, sie laufen innerlich halbzerstört der Elementarsehnsucht nach, endlich angenommen, anerkannt, als respektable Mitglieder der Gesellschaft aufgenommen zu werden. Goebbels, der bös-schlaue Kerl, hat so etwas hie und da angedeutet und sein schauerlicher Ausruf „Wenn wir abtreten, soll der Erdkreis erzittern!“ ist mir nachgerade ein Schlüssel. Zum Radikal Bösen greifen Menschen, die nicht mehr glauben, daß sie mit ‚Gutsein‘ zu der Anerkennung kommen, die sie dringend brauchen – wie der Süchtige seinen Stoff. Das heißt, sie ‚greifen‘ auch nicht eigentlich danach, sie lassen sich überwältigen.

    Die atomisierende Konkurrenzorganisation der kapitalistischen Gesellschaft ist dabei sicher Öl in ein Feuer, das bei der Auflösung etablierter Sozialordnungen zu brennen beginnt. Wie oft stehen sich die Individuen (wir?) dabei selbst im Weg. Ich werde eben durch Mitscherlichs „Vaterlose Gesellschaft“ daran erinnert, daß die Erziehung in Mustern älterer Sozialformationen Menschen entließ, die habituell behindert in der modernen Industrie-, Konkurrenz- und Massengesellschaft standen. Dadurch werden beständig Versagungserfahrungen produziert und tiefsitzende Frustriertheit kann in den Charakter einwachsen. Daß sich das austobt, wenn es erlaubt wird, ist nicht so überraschend. Zum verschwiemelten Charakter von Eichmann paßte für mich durchaus, daß er im Schutz seiner Subalternheit auch ein paar sadistischen Trieben die Zügel schießen ließ. Aber das war nicht die Hauptsache, meine ich noch immer – ich sollte mich wundern, wenn die Aufdeckung der sadistischen Persönlichkeitsstruktur Eichmanns mich hier umstimmte. Ich sehe eher die – auf schreckliche Weise ehrliche – Haltung von Rudolf Höß als typisch: mit zusammengebissenen Zähnen das Fürchterliche vollbringen, weil man den Auftrag hat, und von der Autorität seines Vorgesetzten überzeugt, dessen Glauben folgt. Ich glaube Höß aufs Wort, daß der ‚Verrat‘ seines Chefs, nämlich Himmlers Selbstmord, ihn schwer getroffen hat: All das Schlimme habe ich getan, weil mein Vorgesetzter, an den ich glaubte, es für richtig hielt und anwies – und nun stiehlt der sich aus der Verantwortung, die er doch mit uns gemeinsam zu tragen versprochen hatte !

    Dazu scheint mir eine (ehemals?) spezifisch deutsche Eigentümlichkeit zur Erklärung beizutragen: der quasi-militärische Härtekultus im zivilen Alltag. Der kommt wohl, worin ich Norbert Elias folge, aus der (geschichtlich aberwitzigen) Imitation des Habitus eines imaginierten Schwertadels durch das deutsche Bürgertum nach 1871. Elias hat für mich überzeugend dargestellt, daß das Bürgertum, gewissermaßen zweimal geschichtlich gedemütigt, durch seine eigene Niederlage 1848 und durch das Geschenk des ersehnte Einheitsstaats aus den Händen seiner einstigen Besieger 1871 jedes Selbstvertrauen in die eigenen Überzeugungen und Haltungen aufgegeben hat und darum begann, eine Imago adligen Habitus zu imitieren. Da dies jedoch keinen echten Sitz im Leben hatte, folgere ich dann weiter, wurde es als ein einem modern kapitalistischen, latent demokratischen Gemeinwesen eigentlich unangemessener Habitus in einer gewissen Fremdheit neben alltäglich-praktisch gewachsenen Haltungen inkorporiert und bleib in beständigem unausgeglichenem Konflikt mit den pragmatischen Intuitionen, die wir alle ausbilden, um den Aufgaben im sozialen Raum gerecht werden zu können (Berufsbilder, Laufbahnidee, Karriereideale, Haltungsvorbilder in Spannung mit Gepflogenheiten der Intimität, des ‚Benehmens‘ und ‚Geschmacks‘ und vor allem: gewachsenen Gespürs für das, ‚was sich schickt‘ und ‚was man nicht tut‘, also des Humus‘ des Gewissens). Wegen dieser seltsamen Verquertheit der Habitusbildung war dann ein Potential vorhanden, sogar noch das Niedertreten des besseren Gewissens als Leistung der Selbstüberwindung (Besiegen des ‚inneren Schweinehundes‘) mißzudeuten – halb willig, halb bewußtslos. Die Handwerker des Mordkartells unter Himmler haben das hie und da ausgesprochen, außer Höß etwa Nebe oder v. d. Bach-Zelewski, auch Himmler selbst hat solche Konflikte angedeutet (aufschlußreiche Schilderungen bei dem soliden alten Text von Heinz Höhne, Orden unter dem Totenkopf).

    Und sicher dürfen wir die allgemeine Auflösung der Zivilisation in den beiden großen Kriegen nicht vergessen – sie färbt den gesamten Hintergrund des Panoramas, von dem moralisch schwammigen Charaktere nur am intensivsten Farbe aufgenommen haben. Die Taten der Japaner zwischen 1937 und 1945 sind uns wahrscheinlich nur nicht präsent genug; sie führen auf ein Allgemeineres.

    (Pardon für die Länge.)

    • hf99  On Februar 26, 2013 at 12:53

      Danke für diese subtilen Überlegungen. Auf die Schnelle nur dreierlei:

      a) Zum Schlussatz: absolut ja! Die entsetzlichen Menschenabdeckereien des mit den Nazis verbündeten kaiserlichen japans – menschenversuche Biowaffen inklusive – müssen stärker in den Blick gerückt werden.

      b) „Verderbtheit des Herzens“: ist zunächst einmal nur ein Phänomen, und als solches offenkundig. Es bedarf natürlich der Erklärung. Alice Miller hat immerhin eine gegeben, und auch, wenn ihre Erklärung ggfls zu kurz greift (auch Angst vor der Moderne, Sehnsucht nach ordnung etcetc mögen eine Rolle gespielt haben) – ich finde es unfair, wenn Miller darauf reduziert wird, sie habe Auschwitz ‚mit ein paar versohlten Hosenböden erklären‘ wollen. Dieser Einwand gegen Miller ist mir zu billig. Miller erklärt ihren Ansatz konzise. Und er hat schon mit der auch von Dir zu Recht dargetanen „Härte im Alltag“ zu tun, mit den beschädigten Subjekten.

      c) kampf um Anerkennung: ja, unbedingt. ich habe es mir mal angetan, Hitlers Rede – natürlich von einem Neonazi auf youtube eingestellt, inzwischen gelöscht – vom 08.11.1942 (die berüchtigte wir-haben-Stalingrad-ja-schon-Rede) in voller Länge anzuhören. Bitte nicht missverstehen – aber ich hätte fast, natürlich nur fast, Mitleid bekommen mit diesem Menschen… Eine so klägliche Jammerkapaune, um Liebe winselnd, neiderfüllt („parfümierter Bengel wie der Eden“) – ausgestattet mit grenzenloser Macht. Aber das wußte ja Tucho auch schon. Sowas hätt beinah mal die Welt regiert…

  • ziggev  On Februar 26, 2013 at 20:12

    Auch Arendt sei auf Eichmanns Methode, den dummen August zu spielen, letztlich herein gefallen.

    Das ist die große Frage. Ich erinnere mich an die Sendung „Essay und Diskurs“, dlf; 24.02.2013, 09:30, „Grenzen der kollektiven Erinnerung, Teil 3: Jan Philipp Reemtsma“

    Download: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/02/17/dlf_20130217_0930_af5faf4f.mp3

    Reemtsma paraphrasiert Avner W. Less, der Eichmann zu verhören hatte und in seinen Erinnerungen geschildert habe, Eichmann habe sich während eines stundenlangen Verhörs über Details eines europäweit organsisierten Massenmordprogramms mit einem Satz geäußert: „die Juden haben doch in Wien immer versucht, an uns vorbei noch ein paar Vermögensgegenstände auf die Seite zu bringen und haben immer versucht uns übers Ohr zu hauen“ und Eichmann sei ganz empört gewesen.

    Weiter Reemtsmas Paraphrase, Avner habe sich gefragt: „da ist der jetzt empört, was ist dass denn jetzt?“.

    Reemtsma spricht von einer nicht nur moralischen sondern auch von einer kognitiven Überforderung.

    Spricht das nun nicht gerade das für das „radikal Böse“ i.S. Kants, demzufolge der kategorische Imperativ (…) nun gerade das Gebot [sei], aus objektiven Gründen zu handeln (cut ´n´ paste, wicki), Denn: Nur wenn der Mensch dem moralischen Gesetz folge leistet, ist er nach Kant autonom, d. h. er wird seinem Wesen als Mensch gerecht. (wieder cu ´n´ paste, wicki) ?

    In Deinem Zitat scheint mir dagegen Ahrend (auch) vom Phänomen des radikal Bösen zu sprechen: „dass es ein radikal Böses wirklich gibt und daß es es in dem besteht, was Menschen weder bestrafen noch vergeben können.“ Wobei ich bezweifle, dass entdeckt wurde, dass es es wirklich gibt. Obwohl es sämtliche Grundsätze und Maximen korrumpiert („den Grund aller Maximen verdirbt“), ist es dennoch zurechenbar.

    Ich glaube daher weniger, und lese bei Dir da auch keine Relativierung hinein oder heraus, dass es sich um ein „Oberflächenphänomen“ handelte. Mir schwebt da immer ‚Irrationalität in iterierter Potenz‘ vor. Etwas Irrationales kann nur durch eine noch irrationalere Irrationalität „rationalisiert“ werden. Nun habe ich bereits B (die Irrationalität erster Stufe) gesagt; wer aber A sagt, muss auch B sagen. Wenn ich nun also A sage (Irrationalität 2. Potenz), ist damit B gesagt zu haben „rationalisiert. Und immer so weiter fort. Es ist eine paranoide Struktur. (Bei Sekten, das wäre meine These, z.B., bei denen solche Prozesse bedauerlicherweise immer wieder zum kollenktiven Selbstmord geführt haben. Wo hier der Ausgangspunkt liegt, ist dann beinahe unerheblich, obwohl es ihn sicherlich gegeben hat. Selbsthass ist hier nur eine Station auf dem Wege.

    Das „radikal Böse“, wie Ahrend es für totale Herrschaft beschreibt, stellt hier möglw. eine Art Endpunkt dar. Etwas, das wir auch kognitiv nicht mehr begreifen können. Eine Irrationalität, die jede noch so große Verirrung „rationalisieren kann. Ob diese nun „entdeckt“ und dann istrumentalisiert wurde, wage ich, wie gesagt, zu bezweifeln. Ich sehe aber auch nicht ganz deutlich, worin oder wo ein Widerspruch zwischen dem „radikal Bösen“ i.S. Kants oder der Charakterisierung Ahrends, der Zuschreibungsfähigkeit und dem Pathologischen liegt, oder wie die Frage hier genau gemeint ist.

    PS Zum Mitleid mit dem SS-Mann auch eine interessante Passage im Interview. Es geht um eine Passage bei Ladislaus Szücs („Zähapell“). ebenfalls gegen Ende des Gesprächs.

    • hf99  On Februar 26, 2013 at 21:28

      Danke, interessante Hinweise. Zu kant: Moralität (erleben) ist Erkenntnisgrund für Freiheit, Freiheit Seinsgrund für Moralität – weil wir die Möglichkeit zur Freiheit zumindest in folgendem Sinn in uns haben, nämlich uns unter der Idee der Freiheit stehend beschreiben und verstehen k ö n n e n, sei sie wirklich, und somit folge aus ihr die Sittlichkeit. Wer sich wirklich als frei verstehe, müsse sich folgerichtig als moralisch verstehen. Ich habe mir diesen Gedanken immer so klarzumachen versucht: to do as if, so zun, als seien wir wirklich frei, weil wir uns frei verstehen können. Es sei, so Kant in der KrV, 3te Antinomie, immer noch möglich, dass ein Dämon uns täusche, uns Freiheit vorgaukle – das sei aber jenseits all dessen, was wir verstehen können. Wenn ich jetzt aufstehen und helfen oder sitzenbleiben und wegschauen kann, und es mir präsent ist, dass ich beides tun kann, so genüge das, um meiner Freiheit Wirklichkeit zu verleihen. Zum Dämon vergl Ginets deterministische Achterbahnmetapher als Gegenargument zu Kant.

      Zu Arendt: She „changed my mind“, nachdem sie die Erfahrung Eichmann machen musste – nur das Gute ist radikal, das Böse könne wie ein Pilz die ganze Welt verwüssten, weil es ein Oberflächenphänomen sei. In Elemente glaubte sie das Böse noch ideologisch bestimmt; bei Eichmann vermeinte sie zu beobachten, dass er ein subalterner Schreibtischtäter gewesen sei. Stangneth führt viele belege an dafür, dass Arendts erste Deutung zutreffender gewesen sei. Bin mir da noch nicht sicher. Arendts Wechsel der Positionen : vergl. Kants „Lauterkeit“ – keine Type wie Eichmann kann lauter sein ??? vergl ihren Aufsatz über Denken und Moral. Alles noch „dunkel, dunkel und harrt der Klärung“ für mich.

      PS: Nicht mit einem SS-Mann, sondern mit Hitler hätte ich fast, natürlich nur fast, Mitleid gehabt. Kleine Anspielung auf Arendt/McCarthy. McCarthy äußerte ähnliches, was Arendt empörend fand: Sie (McCarthy) habe Mitleid mit Hitler, der auf den absurden gedanken verfallen sei, sich nach der Liebe seiner Opfer zu sehnen.

  • ziggev  On Februar 26, 2013 at 22:00

    nun, wenn sich mir die Möglichkeit dazu bietet, mir diese Freiheit zu rauben, ich meine nicht die 2 1/1 Flaschen Vodka, sei es, dass ich in eine Nazisekte eintrete (da fällt mir gerade auf, Du hattest es bereits angesprochen: „das Wort verweist bereits auf das Problem! – Verführbarkeit“), mich sonstwie verführen lasse, um mich in einen moralisch und kognitiv nicht mehr nachvollziehbaren Zustand zu versetzen, einen Zustand des radikal Bösen, wie Arendt ihn in totalitärer Herrschaft beshreibt – dann würde Kant, wie ich es jetzt verstanden habe, mir das nicht abnehmen und mir dennoch meine bösen Taten zurechnen. Eben einen solchen Hang, ihm leidenschaftlich oder banalerweise nachgegeben, würde Kant immer noch als das radikal Böse identifizieren, so z.z. meine Interpretation.

    • hf99  On Februar 26, 2013 at 22:05

      Ja, sicher. Hat das jemand bestritten? Auch nach Arendt – da hat sie ihre Position nie verändert – war Eichmann natürlich verantwortlich für seine Taten.

  • ziggev  On Februar 26, 2013 at 22:22

    … nee, nicht, dass ich wüsste. direkt darauf wollte ich auch nicht hinaus. mir ging es mehr um das Problem der Aufrichtigkeit … Du sprachst ja oben von der Lüge; aber gut, kenne mich für nähere Erörterungen bei Arendt nicht gut genug aus (eigentlich nur Vita Activa) …

  • summacumlaude  On Februar 27, 2013 at 04:54

    Ja die cognitiven Verrücktheiten so vieler Nazis – ich entsinne mich eines Erlebnisberichtes eines in „Schutzhaft“ (sic!) genommenen Juden, dem der aufsehende SS-Mann zu verstehen gab, in der Haft spiegele sich der Sinn der Historie wieder. Das Folteropfer wurde also darüber belehrt, dass sich hier etwas ebenso sinnvolles wie historisch unvermeidbares vollzieht. Als der gefolterte Jude den Sinn dieses „historisch notwendigen Vorgangs“ nicht einsah, schüttelte der SS-Mann den Kopf und war – empört! Wie kann man sich nur gegen das gesetzmäßig Unvermeidbare stellen….
    Diese Kleinbürgerempörung über das Nichtannehmenwollen der Rolle des Gefolterten – sie ist für mich eine Metapher des Nationalsozialismus. Und in der Tat: Ist das banales Kleinbürgertum oder ideologische Dämonie?

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