Die kleine Hexe

Also die kleine Hexe. Ich habe ein dutzend Manuskriptseiten wieder einkassiert, weil mir – auch so etwas dient der Selbstverständigung – der Text wieder und wieder unter den Händen zerrann. Für mich ist die Debatte prototypisch für jenes unproduktive Abtauschen starrer Begriffe, in dem man einfach nur „gewinnen“ will, um jeden Preis, buchstäblich jeden, und in dem der Kontrahent zum Feind erniedrigt wird. Zwischen den aberwitzigen Herrenreitereien eines Jan Fleischhauer oder Peter Hahne und den schamlos lancierten, nichtswürdigen Rassismusvorwürfen – zwischen diesen unguten Alternativen eröffnet sich nichts, bewegt sich nichts. Das sind, hüben wie drüben und jeweils massiv aufeinander angewiesen, Verwechslungen von Ebenen, Perspektiven und Kategorien auf einem Niveau, das jedem Philosophie-Erstsemester peinlich sein müsste.

Ich möchte, für alle Zeiten, mit solchen Diskurszuchtmeistern nichts zu schaffen haben. Mit Fleischhauer nicht, der seine Grotesken zu hehren St-Georgs-Reitereien wider die herbeifantasierte progressive Hetzmeute ummünzt; und auch mit dem Teil der Linken nicht, der einfach nur seine abstrakte, bürgerliche Moralzuchtrute tanzen lassen will und dem es ersichtlich um nichts geht – um Rassismus zu aller Letzt – als nur darum, das eigene klägliche bißchen Identität zu stabilisieren („Alles Rassisten außer mir“). In beiden Fällen merkt man die Absicht und ist verstimmt.

Denken, reflektieren, untersuchen, das bedeutet immer: die ‚festgefrorenen Begriffe auftauen‘ (Arendt), der ‚Arbeit des Begriffs‘ folgen (Hegel), in Bewegung sein. Wer denkt, darf ausprobieren, sich widersprechen, „spinnen“. In diesen Diskursspielchen jedoch, diesen vorhersagbaren Wortdauerschleifen möchte ich mich nicht aufhalten. Gerne äußere ich mich woanders zu Fragen wie jener nach dem authentischen Text (den es, wie ich glaube, nicht gibt). Gerne auch zu Kinderbüchern. (Ich denke, da muss jeder Einzelfall ausgehandelt werden. Ich finde es zum Beispiel richtig, dass es Enid Blytons „Insel der Abenteuer“ heute nur noch ohne den „bösen schwarzen Mann Jo-Jo“ gibt. Sollte sie überhaupt wieder aufgelegt werden?) Über all das können wir uns sehr angeregt austauschen. Aber in diesem Rahmen? So zwischen Dummheit und Gegendummheit? Ich denke nicht daran.

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • summacumlaude  On Januar 25, 2013 at 05:49

    Ja, es ist das Austauschen von Sprechblasen mit jeweils moralisch begründetem Vernichtungsdrang dem bösen anderen gegenüber. Die konditionale Verknüpfung von Argument und Werturteil, also eine Ebenenverwechslung. Wenn du dieseroderjener Meinung bist, dann bist du ein (Nazi, Dummkopf Gutmensch – passendes bitte ankreuzen).
    Die Typen der Sortierung Fleischhauer sind seit ca. 20 Jahren im vermehrt Geschäft:
    Ihr Antrieb speist sich aus der verrückten Vorstellung, ein böses moralisches Gesellschaftsüberich hat ein Joch des namen political correctness erschaffen. Und dieses Joch unterdrückt nun alle freien Geister bei der Meunungsäußerung. Aber Gott sei Dank hat die allgöttliche Vorsehung I H N – Jan Fleischhauer – dazu auserkoren, dieses Joch abzustreifen. Danke Jan möchte man ihm zurufen, möchte Blumen werfen, aber da ist er auf der Suche nach weiteren Drachen schon weitergeritten und wehmütig winkt man dem tapferen Helden nach….
    Ach Jan, du Bicycle repairman!

    Das Dumme daran ist nur, Hartmut, daß es doch so einige „Linke“ gibt, die nichts Dringlicheres zu tun haben, als Herrn Fleischhauers verrücktes Weltbild zu bestätigen. Genau hier transformiert sich die Diskussion zum Betonblock. Deswegen habe ich bei Bersarin geschrieben, dass Diskussionen, die sich so entwickeln, von mir verlassen werden. Zu untersuchen wäre, warum sich gerade so viele Diskussionen in diese Richtung transformieren!

  • hf99  On Januar 25, 2013 at 07:48

    Und Fleischhauer hat nichts dringenderes zu tun, als denen den verifikator zu mimen – beide Seiten sind tief aufeinander angewiesen, sie kommen nicht los voneinander, ich habs im text nochmal verdeutlicht. Eine regelrechte Schicksalsgemeinschaft; ich nenne solch ungute Verschränkung seit Jahrzehnten die „sich gegenseitig stabilisierenden Lügen“. Was ist die Inquisition ohne Teufel? Eben! In solchen Unterredungen ist das Grauen zuhaus.

  • altautonomer  On Januar 25, 2013 at 08:09

    wenn die änderung von rassistsichen, sexistischen begriffen die handlung oder geschichte so trübt, dass manche sie als unlesbar empfinden, dann war sie vorher schon nix mehr wert. wenn sprache die wirklichkeit abbilden soll und damot ihre semantische funktion erfüllt, dann war es bereeits früher falsch, stets „die Russen“ zu sagen, wenn von der UdssR die rede war.

    heute erzählt mir jemand, dass er ein jahr in amerika gelebt hat. eine auch unter sogenannten intellektuellen beliebte redewendung „ich war in amerika“, wenn er/sie in den USA weilte. dann frage ich stets zurück „ach ja? in alaska, Chile oder nicaragua? wage einmal jemand, einen kubaner als amerikaner zu bezeichnen, obwohl doch Key West nur 14o km entfernt liegt..

    die aktuelle, auch von linken benutzte bezeichnung für n..er ist im neusprech übrigens der asylant (demonstrant, simulant, bummelant, sympathisant, – mit jeweils negative diktion).

  • flatter  On Januar 25, 2013 at 12:29

    Bah, hier wütet doch nur die Attitüde der Unabhängigkeit. Als seien die Texte von Reaktion und Gegenreaktion, hie des geläuterte Rassisten, dort des Reizwortfachexperten und Semantikers aus Leidenschaft, zufällig. Nein, sie sind auf den Punkt gegart, zumindest die, die durchkommen. Es gilt eine Quote zu erfüllen, eine Auflage zu halten. Man erkennt den Amateur schon daran, dass er einen Kontext konstruiert, wo keiner hingehört. Das kauft ihm doch keiner ab!

  • summacumlaude  On Januar 25, 2013 at 19:01

    Klar, der Fleischhauer müßte den Gutmenschen erfinden und eben umgekehrt, der Gutmensch den Fleischhauer; gäbe es sie nicht. Es gibt sie aber – hier hat Reflektion anzusetzen.

    • hf99  On Januar 25, 2013 at 20:01

      Ja, das Moment des Wahren, das in beiden Ansätzen aufgefunden werden kann, mal stärker, mal weniger stark ausgeprägt, aber vorhanden – jede Ideologie muss irgendwie, und sei es noch so schwach, in der Wirklichkeit verankert sein.

  • genova68  On Januar 28, 2013 at 10:58

    Naja, Hartmut,

    was du hier machst, ist auch recht simpel. Da wird einfach mal ein Feindbild zusammengezimmert und nicht näher benannt: „der Teil der Linken“. Wer sind denn diese Linken? Erfährt man nicht, statt dessen stellst du dich drüber und sagst zum Thema gar nichts.

    Das Problem ist wohl, das diese Debatte sehr unstrukturiert verläuft. Das einzige, was ich ernsthaft mitbekommen habe, war die Aussage von Schröder und die unsägliche Reaktion aus der Union. Und dann kommen Leute und stimmen in den Chor der Kritiker ein mit dem Argument, die Bilder von Newton werden verboten, wenn man jetzt den „Neger“ ersetzt.

    Das, was du über die Arbeit am Begriff schreibst, ist ja richtig, aber ich habe das Gefühl, dass die Lage hier eine andere ist. Plötzlich finden alle möglichen Leute den „Neger“ in Ordnung und begründen diese intellektuell, kommen mit Zensur etc. Summacumlaude wittert dann gleich Entwürdigung, aber nicht die der Schwarzen, Gott bewahre, sondern die etablierter Weißer.

    Sehr merkwürdige Konstellationen.

    Es ging doch einzig darum, Kinderbücher davon zu befreien, alles andere ist ein Popanz, der aufgebaut wird, um die gesamte Sache zu diskreditieren. So habe ich das zumindest gesehen.

    Ich würde das critical-whiteness-Ding ja nicht wirklich vertreten, weil da zu viele Deppen bzw. Egozentriker unterwegs sind, Lantzsch und Sow etc., aber die selbstverliebte Haltung so mancher Intellektueller hier ist ebenso übel und zeigt, dass ein adäquater selbstkritischer Ansatz nach wie vor der Entwicklung harrt.

    Wenn du mit „Diskurszuchtmeister“ Momorulez und andere Knallköppe meinst, auch in Bezug auf die gemachten Erfahrungen: ja, sicher, das unterschreibe ich. Bei dem ist das ja offensichtlich. Aber bitte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Im vorliegenden Fall, das ist zumindest mein Eindruck, ist die Phalanx der „Neger“-Verteidiger erschreckend.

    • garfield080  On Januar 28, 2013 at 18:44

      @genova
      >>Entwürdigung, aber nicht die der Schwarzen, Gott bewahre<<

      trifft es auf den Punkt…
      schon ziemlich interessant manche Reaktionen, aber die Texte der meisten "linken" Blogger gingen auch in die Richtung.

      Viele Leute, die sich ansonsten betont "links" und unrassistisch geben, halten es scheinbar für selbstverständlich, daß Bücher in "ihrer" Sprache allein für ihresgleichen geschrieben werden… auf die Idee, mal die Betroffenen zu fragen, ob & was sie als Beleidigung empfinden, bzw. wie die sich beim Lesen solcher Texte (Schule z.B.) fühlen, kamen die meisten wohl gar nicht.

      Man kann nicht alles über einen Kamm scheren, ob ein Austausch Sinn macht ist natürlich von Fall zu Fall verschieden.
      Für historische Zeitzeugnisse, die Beurteilung ob ein Autor Rassist war oder nicht; sind Archive und Historiker zuständig, keine Neu-Auflagen.

      @Hartmut Finkeldey
      >>bürgerliche Moralzuchtrute tanzen lassen will und dem es ersichtlich um nichts geht – um Rassismus zu aller Letzt – als nur darum, das eigene klägliche bißchen Identität zu stabilisieren (“Alles Rassisten außer mir”)<<

      wenn ich an den Mali-Artikel denke, kommt mir dieser Satz aber auch seltsam bekannt vor

      • genova68  On Januar 29, 2013 at 10:41

        Ja, die Perspektive der Betroffenen (und ich meine jetzt nicht die Eltern, die vorlesen) kommt mal wieder zu kurz, dabei ist die doch die interessanteste.

  • Bersarin  On Januar 28, 2013 at 20:50

    Genova, ich erinnere mich sehr gut an Proteste und Aktionen gegen Newton-Ausstellungen. Diese Proteste wurden mit denselben Argumenten geführt. Und diese Menschen hätten, wenn sie Macht besäßen, diese Photographien verboten. Ich erinnere mich an Situationen, wo man bestimmte Menschen am Sprechen und Vortragen hinderte: so zum Beispiel Katharina Rutschky oder den (hochproblematische) Peter Singer. Also komm mir hier nicht mit Absurdistan!

    Und es geht in dieser Diskussion eben nicht nur darum, Kinderbücher von diesem Wort zu befreien. Wo die Probleme liegen, einmal so geschriebene Literatur abzuändern, habe ich in meinen Beiträgen bei mir dargelegt. Das schließt nicht aus, auch die Perspektive derer, die da betroffen sind, einzunehmen und daß diese Menschen sich äußern, wie etwa in dem bei mir von Dir verlinkten Tagesspiegel-Artikel.

  • genova68  On Januar 29, 2013 at 10:40

    Diese Menschen HÄTTEN verboten, wenn sie Macht besäßen, sehr richtig. Hin und wieder rotten sich Leute zusammen und hindern andere am reden, ja. Aber das ist doch kein ernsthaftes Problem hierzulande, oder?

    Aber egal, ich habe deinen Punkt verstanden und wir sind uns ja auch einigermaßen einig, wohl bis auf die Bewertung der Schlagkraft zensurwütiger Kreise.

    Aber vielleicht unterschätze ich diese Gruppen auch und es kommt beispielsweise keine Newton-Ausstellung mehr, weil sich keiner die Finger verbrennen will und deshalb gar nichts mehr in diese Richtung plant.

  • che2001  On Januar 29, 2013 at 13:02

    Ich finde im Großen und Ganzen die die behutsame Umschreibung richtig, wobei das weder Zensur noch komplettes Umschreiben, sondern ein gleichsam chirurgischer Ausdruck einzelner Wörter ist. Die Art und Weise wie die Debatte geführt wird ist aber hochgradig hysterisch. Nun wird schon eine linke kurdischstämmige Antirassistin wie Mely Kiyak als ins Lager des Feindes gehörig dargestellt vund außerdem als dumm, weil sie der Meinung ist, Pippi Langstrumpf sei nicht ohne die Sprache denkbar, in der das Buch geschrieben ist.

    @Hätten verboten, wenn sie Macht besäßen:Ich erinnere mich da an Mahnwachen vor Droste-Lesungen (ich gehörte selbst zu den Droste-Kritikern, um da Missverständnisse zu vermeiden und habe selbst dafür gesorgt, dass der Hinweis auf dessen sexistische Texte in die Wikipdia kam), an Gruppenausschlüsse und Hausverbote für unbewiesen des Pornokonsums Verdächtigte und den instrumentellen Gebrauch von Vergewaltigungsvorwürfen, um Bands aus Proberäumen rauszubekommen und diese für die eigene Band zu bekommen. Dieses Machtpotenzial innerhalb bestimmter Szenen ist nicht zu unterschätzen.

  • che2001  On Januar 29, 2013 at 15:28

    chirurgischer Austausch, nicht Auszug

  • genova68  On Januar 29, 2013 at 19:13

    Das erinnert mich ein wenig an die Autonomen von Alfeld 😉

    Ob Leute vor einer Droste-Lesung sitzen oder nicht, ist eigentlich schnuppe. Die Gruppenausschlüsse und Hausverbote sind ja nur wirksam, wenn man mit solchen Leuten Kontakte pflegt. Wenn ich mit denen in einer WG wohne und die mich rausschmeißen, dann ist das für mich eine erhebliche Folge, stimmt. Wenn ich dort nicht wohne, ist es egal. Wie du schreibst: innerhalb bestimmter Szenen. Aber so ist das nunmal. Wenn ich in der Szene Schäferhundeverein mit einem Dackel ankomme und mitmachen will, kriege ich auch Probleme. Alle anderen zucken die Schultern.

    Mely Kiyak würde ich nach dem beurteilen, was sie in der FR geschrieben hat, nicht nach ihrer Herkunft. Und ihren FR-Beitrag finde ich ziemlich problematisch: „Ein Südseekönig ist kein Negerkönig.“ Soso. Sie soll das schreiben, wenn sie das so meint, aber dann kommt eben Kritik, und da hilft ihr ihr linkes Kurdensein nicht weiter. Sicher ist es daneben, sie deshalb als Feindin zu betrachten und die üblichen Verdächtigen machen das vielleicht, gut möglich. Aber werden die nicht überschätzt?

    Wo sind denn bitte konkret die von solchen Leuten verhinderten Ausstellungen? Die verhinderten Vorträge? Das lässt sich doch an den Fingern einer Hand abzählen, oder? Vor ein paar Jahren haben irgendwelche Leute (Antideutsche?) eine Filmvorführung in Hamburg verhindert, wenn ich mich recht entsinne. Ja, mein Gott, das wars auch schon. Ok, die Auseinandersetzungen in dem Flüchtlingscamp in Köln, da haben Knallköppe offenbar mit wenig Einsatz viel kaputt gemacht. Aber ich bin in solchen Szenen nicht drin und es ist zumindest kein bedeutendes gesellschaftliches Phänomen.

    Interessanter wäre die Schere im Kopf, wie gesagt.

    Behutsame Umschreibung, ja, das ist ja offenbar Konsens.

  • willy56  On Januar 29, 2013 at 20:41

    genova, du warst doch mal in Paraguay. sagt dir das Wort „Curepa“ was? Das ist die Bezeichnung der indianischen Paraguayer (Guaraníes) für die weißen Argentinier, die überwiegend von Europäern abstammen. Bedeutet soviel wie „Schweinehaut“, und ist ja auch nicht falsch, unsere Hautfarbe gleicht ja der von Schweinen. Wirklich übler Rassismus.

    http://riie.com.ar/?a=21927

    ich weiß nicht, wie die Schwarzen uns nennen, „Whitey“ ist mir ein Begriff, ist aber wohl relativ neutral; es gibt sicher noch andere Namen. In Mexico z.B. nennt man die Amis nicht „Gringos“, das ist eher ein nettes Wort, sondern „Gabachos“. Es wollte mir niemand sagen, was das wirklich bedeutet, aber es ist sicher nichts gutes.

    ich will nur sagen: Da kommen solche Figuren wie momorulez oder Noah Sow und wollen mit gewaltiger moralischer Emphase anderen vorschreiben, welche Worte sie zu benutzen haben und welche nicht. Ist schon ziemlich lachhaft.

    • genova68  On Januar 31, 2013 at 10:46

      Williwilli, du bist mir einer.

    • garfield080  On Januar 31, 2013 at 18:14

      @Willy56

      und damit willst du uns was genau sagen?

      Weil es anderswo auf der Welt auch Rassismus gibt (son Ding!), und Weiße irgendwo, irgendwann & von irgendwem mal als „Schweinehäute“ bezeichnet werden, sollen wir es mit Schwarzen, Latinos, etc. ebenso machen?

      • David  On Februar 1, 2013 at 08:36

        Ja, wahrscheinlich das. Und irgendwas mit Evolution.

  • summacumlaude  On Januar 30, 2013 at 10:53

    Es ging hier nicht wie bei Bersarin um das Thema Herumdoktoren an alten Texten – die Argumente für und wieder sind auf Spruchbandlänge verkürzt alle dort nachzulesen – sondern um die Struktur solcher Diskussionen, die immer gleich ablaufen. Nichts bereitet offenbar mehr Lust, als den jeweils eine andere Meinung vertretenden zum Unhold zu erklären. Einen humanistischen Impetus kann ich in dieser Lust nicht erkennen.

  • che2001  On Januar 30, 2013 at 11:00

    Richtig, und ich fürchte, wenn solche Leute reale gesellschaftliche Macht hätten gäbe es auch reale übelste Repression. Bei der Droste-Lesung damals war die Stimmung dermaßen aufgeheizt, dass die BesucherInnen, als Fotos gemacht wurden automatisch davon ausgingen, hier würden jetzt die Gäste für eine SexistInnen-Datei abgelichtet. Was Unsinn war, aber das Klima zeigt, in dem sich so etwas abspielt. @Ausstellung verhindert:

    http://schreibenfuerdiewelt.blogsport.de/2012/07/09/angriffe-auf-tatort-stadion-2/

  • Bersarin  On Januar 31, 2013 at 09:38

    @ El Mocho
    Da muß ich Dir recht geben. Und kennst Du auch die Kolonialgeschichte der indianischen Paraguayer? Das ist der nächste Punkt, da gehen Leute wie Sow und Momorulez regelmäßig und mit Nonchalance drüber hinweg. Kein Wort davon als im März 1492 an der Küste Italiens 200 Schiffe in Ostia landeten und plündernd die Heiligtümer Roms schändeten, Rohstoffe erbeuteten und ehrbare Italienerinnen und Italiener metzelten und versklavten.

    Dieses schlimme Schicksal der Italiener wurde z.B. in einem der bekanntesten italienischen Volkslieder aus dem 15. Jhd. festgehalten:

    Und indianische Paraguayer kolonisierten nicht nur dort, sondern sie verschleppten Weiße aus ganz Europa, um auf ihrem Kontinent die gewaltigen Pyramiden von Plocoklocopetl und andere Prachtmonumente zu erbauen – aus puren europäischen Gold, nackte oder nur mit einem Lendenschurz bekleidete blonde Brandenburger und Mecklenburg-Vorpommersche Frauen mußten erniedrigt und gedemütigt zur Freude der indianischen Paraguayer posieren. Brandenburg und Vorpommern z.B. erholte sich bis heute nicht von der Entvölkerung, ach was sag ich: von der Entrassung durch kolonialistische Indianer Mittelamerikas. Aber diesen Teil der Geschichte will niemand wahrhaben. Schon gar nicht Leute wie genova, Hartmut, che oder andere.

    • genova68  On Februar 1, 2013 at 11:13

      lol. (Ein noch immer zeitgemäßer Internetausdruck, finde ich. Aber wahrscheinlich nur ich.)

      Hartmut, gute Besserung.

  • che2001  On Januar 31, 2013 at 15:19

    Ich wiederhole mich zwar, aber diese ganzen Diskursmuster, ob RS, Mädchenmannschaft oder Shehadistan kommen mir aus meiner Studienzeit und den Jahren unmittelbar danach sehr vertraut vor. Das war im studentischen Teil der Autonomenszene genau SO (und im eher migrantisch oder sozialhilfe-und jobberszenemäßig geprägten eben nicht). Da ging es zwar nicht um critical whiteness, aber alle Diskussionen rund um Sexismus, Rassismus, Lebensstil (Veganismus u.ä.) waren von genau dieser moralinsauren Überspanntheit und Formulierungsfixiertheit, die dort vorherrscht. Und das hat auch seinen Grund: Diese Leute sind überwiegend U 25. In dem Alter haben sich, wie Netbitch das mal auf den Punkt brachte, noch nicht bei allen stabile Erwachsenen-Ichs ausgebildet. Hinzu kommen die Gruppendynamiken innerhalb einer bestimmten Szene. Ich würde die verbissene, stark moralisierende und Andersdenkende fertigmachende Art, wie dort diskutiert wird, also eher als ein Postbubertäts- bzw. Adoleszenz-Problem ansehen als mit feministischer oder queerer Theorie logischerweise verbunden. Das nur zur Ehrenrettung der Theorieansätze, die nichts für ihren Mißbrauch können.

  • Bersarin  On Januar 31, 2013 at 16:18

    Ich hänge im Spamfilter! Beim @ muß es übrigens willy56 heißen nicht El_Mocho. Ich verwechsele beide immer. Wie war das noch mit Sinn und Bedeutung, Abendstern, Morgenstern?

    • hf99  On Januar 31, 2013 at 20:04

      ich pfeife mir gerade, bei 40,5 Grad Fieber, Tamiflu rein… Sorry, kann aber erst nächste Woche wieder so richtig eingreifen… fever:

  • ziggev  On Februar 1, 2013 at 15:27

    Drüben bei Bersarin hat Genova ein für mich verwirrenden Argument gebracht, aber Genova ließt hier ja mit, also hallo Genova, ich kann da nichts Absurdes dran finden, es hieß in etwa: „Wenn jetzt 30 km/h-Zonen eingerichtet werden, dann wird es in der Konsequenz irgendwann keine Autobahnen mehr geben.“ Sonst werde ein solches Argument immer (auf solche Weise) ins Lächerliche gezogen, nicht aber, wenn es im Falle des Oetinger-Verlages um den „Untergang des Abendlandes“ gehe. Bekanntlich sterben jährlich soundsoviele Leute auf Autobahnen.

    Solche Argumente kann man ja immer bringen. „Wenn aber auf 30 km/h-Zonen verzichtet würde, könnten wir auch gleich auf Straßenschilder jeglicher Art verzichten, keine Autobahnpolizei, warum überhaupt Baustellenwarnungen oder Geschwindigkeitsbegrenzungen? Also ehrlich, wenn nicht einmal die kleine Hexe, Pippi Langstrumpf „korrigiert“ werden darf, warum gibt es überhaupt noch Lieferbeschränkungen für „Mein Kampf“? – Ließe sich ja drüber diskutieren. Das ist das Argument der „Form“: Wenn das alle tun würden! Oder halt: „Handele immer nach der Maxime, von der Du wollen kannst, dass sie zu einer allemeinen Gesetzgebung erhoben werde“ – So in etwa hieß es doch bei Kant (?), oder, Hervorhebung vom Autor. Also die Kant-Sache. Der Experte an meiner Uni (praktische Philosophie) sagte damals schlicht: Das sind hohe Ansprüche, wir wurschteln uns halt alltäglich so durch.

    Allerdings: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ nannte Kant eine „pathologische“ Variante des kat. Imperativs (soweit ich mich erinnere). Denn daraus folgt: „Was Du willst, das man es Dir (an)tue, das füge auch anderen zu“. – Womit wir in der Sado-Maso-Ecke wären.

    Alexis Sorbas´ „Wenn Du einmal der Aufforderung einer Frau, mit Dir das Bett zu teilen, nicht nachkommst, wirst Du ewig in der Hölle schmoren.“ – So in etwa. Hierin spiegelt sich Kants Ewigkeitsanspruch. Es handelt sich aber as a matter of facts nicht um eine verallgemeinerbare Maxime in Kants Sinne. (Obwohl, die Erfahrung zeigts, Sorbas hatte ja nur sowas von recht, ächts, seufz.)

    Erfahrungslose Dumpfheit, eiskalt-erstarrtes Seelenleben (in das sich dann Adoleszente vor lauter Unerfahrenheit flüchten, ich schließe mich der netbitchschen Vermutung an), es sind leider solche Mangelphänomene, auf die ich zu schließen ich mich bei denen bedauerlicherweise genötigt sehe, die, wenn sie einmal etwas Gutes erkannt zu haben meinen, solchergestalt weitermachen, dass dies sich schließlich auch verallgemeinern lassen müsse, und, das ist der traurige Schluss, es offenbar nie gewagt haben, loszuziehen, um sich „durchzuwurschteln“. Irgendwie ist das Existieren selbst eine unreine Angelegenheit, jedem reinlichen Idealismus hohnsprechend. Aber wenn etwas gut sei, dann könne es sich ja nur um das Allgemein-Gute handeln, sonst könne es nicht gut sein, deshalb müsse es sich immer von etwas Allgemeinem herleiten lassen. Ungefestigte Charaktere tappen dann in jede, aber auch jede Ideologiefalle.

    Schoppenhauer zufolge ist bekanntlich Dummheit die Verwechslung von Ursache und Wirkung. Anstatt der eigenen Intuition zu folgen, mal zu sehen, wohin einen die Lust treibt, geht ohne Ideologiekrücken gar nichts. Es ist schon etwas bedauerlich.

    Insofern sind Institutionen qua Zugriff aufs Allgemeine, wenn sie zugleich moralische Werte für sich in Anspruch nehmen, ob in ihnen Wirkende dies bewusst tun, vor allen Dingen aber, wenn sie unreflektiert in die Ideologiefalle gestolpert sind, auf diese Weise können Institutionen in ihrer Wirkweise der Inbegriff der Dummheit selbst sein.

    Anders herum rechtfertigt institutionelle Macht jede Dummheit der einmal in eine Ideologiefalle gegangenen Funktionsträger dieser Institutionen. Denn warum sonst gibt es diese Institution? Das sieht doch jeder/jede, dass Institutionen die alleinige Funktion haben, jede noch so himmelschreiende Dummheit breitestmöglich in die Welt hinauszutragen. Nötigenfalls berufe ich mich selbst und werde selber zu Institution, Ideologie kann immer nachgeliefert werden.

    —————————————————————————————

    Von außen kann es selbstredend so aussehen, als wäre es im Oetinger Verlag – eine Institution auf dem Kinderbuchmarkt, keine Frage – genau so abgelaufen. Das ist ja das Schöne an Ideologien, dass sie es einem erlauben, die Strukturiertheit des eigenen Denkens, eben die ideologische Struktur, auszublenden. Vermeintlich geht es einem ja bloß um die Inhalte. Aber gerade deshalb ist der Vorwurf, es handele sich hier um vorauseilenden Gehorsam, reine Vermutung bzw. Unterstellung. Der Beweis, dass sich hier Leute von Fanatisierten, die sich zufällig nun mal gerade dieses Steckenpferd herausgesucht haben, vor sich hertreiben ließen, lässt sich schlechterdings nicht führen. Ich glaube auch, dass hier einige ihre Felle wegschwimmen sehen; aber anstatt sich zu überlegen, inwiefern die Oetinger-Leute inhaltlich vielleicht recht haben, stürzen sie sich in vermeintlich ideologischen Kämpfe. Aber Dummheit, auch die eigene, tun nun mal einfach weh; die eigene Ideologie kann ja gar nicht ideologisch motiviert sein. Auf der Suche nach einem sachlichen Argument landet man aber unweigerlich immer bloß bei der sich immer mehr radikalisierenden Ideologie – autsch! – , nee, dass kann nicht sein, es ist der Untergang des Abendlandes, ächtz, endlich, das war der Befreiungsschlag!

    Es kann ebensogut sein, dass die da im Verlag sich das ganz genau überlegt haben. Und vielleicht haben sich MR und Sow ihr Steckenpferd doch nicht ganz so von Ungefähr ausgesucht. Kaufleute, pragmatische Menschen, haben für mich entschieden, dass ich nicht mehr N***-Kuss sagen muss, inzwischen heißt ja nichteinmal mehr Schokokuss, sondern im Supermarkt mittlerweile Schaumkuss, mit denen sich die Kinder mit mindestens ebensoviel Gaudi auf Kindergeburtstagen bewerfen und die Gesichter vollschmieren können. Und über die „N***-Küsse“ mit der schwarzen Bäckereiferkäuferin ins Gespräch kommen zu versuchen, mit der ich am liebsten geflirtet hätte, mich aber so oder so nicht getraut hätte, diese kranke Situation scheint aus dem Reich des Möglichen verdammt. Ob dahinter ein Verbot steht oder nicht, ist mir eigentlich ziemlich gleichgültig. Wenn nun einige sich da etwas provokant-radikal gebärden – damit kann ich eigentlich ganz gut leben.

  • ziggev  On Februar 4, 2013 at 12:10

    daran ziegt sich echte Souvnerat! – hot -,wenn die Band das Tempo erbarmungslos zu schnell, einfach zu schnell vorgibt, und das mit ner vollkommenen Frisur noch zu retten, what a loveley way to burn, what a loveley way to burn, ich kann davon einfach nicht genug bekommen

    • ziggev  On Februar 4, 2013 at 12:15

      es musste natürlich heißen „Souveranität“ – aber ich bin immerzu besoffen von dem Soud, danke, lediglich etwas zu schnel, aber einfach unvergesslich …!

Trackbacks

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: