Kunst, Kunst, weiterKunst

Ich überlege hin und her, wie ich Genovas gelungene Beobachtung verstehen kann. Dabei geht es mir nicht um Andreas Schmids Installation selber. Wenn er sich wirklich von ERCO hat sponsorn lassen, ist das zwar eine peinliche Geschichte – hat aber mit der Installation als solcher nichts zu tun.

Stilgeschichtlich sind seit Dada, spätestens seit Beckett alle Avantgarde-Messen gelesen. Nur zu gut erinnere ich mich an eine der „Dichter leuchten durch die Nacht“-Veranstaltungen, in Planten und Blohmen, so etwa 1995, und an die Lautgedichte, die uns präsentiert wurden. Damals notierte ich: „Ich habe nichts gegen Lautgedichte. Aber ich möchte sie mir per 1995 (aka 2013) nicht als dernier crie andienen lassen.“ Rühmkorf sprach bereits in den frühen 60ern auf dem berühmten Lyrik-Symposium Höllerers von der „Demimoderne“ und einer „baugesetzlich geschützten Modernität“, von beliebigkeit. Und zeitgleich, 1960, schrieb auch Enzensberger im Nachwort zum „Museum der modernen Poesie“ (zusammen mit dem Wunderhorn und der Menschheitsdämmerung die wohl wichtigste, folgenreichste Lyrik-Anthologie der deutschsprachigen Literatur): „In Bewegungen und Gegenbewegungen, Manifesten und Antimanifesten ist der Begriff des Modernen ermüdet. Seine Energie hat sich verbraucht. Trübe dient er heute der Werbung fürs Bestehende, gegen das er einst eine sprengende und befreiende Kraft verheißen hatte. Gespenstisch ist er eingegangen in das Wörterbuch der Konsumsphäre. Das Moderne ist zum Nur-noch-Modernen geworden, ausgesetzt journalistischer Zustimmung, fungibles Moment der industriellen Produktion.“ (Enzensberger, H.M, Nachwort, in : Enzensberger, H.M. (Hrsgb.), Museum der modernen Poesie, Frankfurt/Main 1960/ unverändert 1980, p. 765) Die Diagnose ist über ein halbes Jahrhundert alt; das Problem, wenn es denn eines ist, besteht fort, wie man bei Genova sieht.

Was tun? Sonette in Alexandrinern? Klassische Perspektive? Alles, was über den Tristan-Akkord hinausgeht, ist von übel?

Natürlich nicht, dumme Fragen. Wer heute Lautgedichte schreiben will, soll das tun. Er soll mir nur nichts über „experimentelle Lyrik“ erzählen. Experimentell ist daran gar nichts mehr – es sei denn, wir deuten Experiment, mit Enzensberger, naturwissenschaftlich, also dem Prinzip der ständigen Reproduzierbarkeit verpflichtet. Dann sind Sonette in Alexandrinern allerdings tatsächlich mindestens ebenso experimentell – was sie heute in gewisser Weise sogar wären.

Was also? Vielleicht sollte erst einmal der Ist-Zustand anerkannt werden. Dann würde zumindest ein Ende sein mit dem, was nach meiner Beobachtung die wesentlichen Momente der Literatur seit ca. 1980 sind: Die Oriǵinalitätssucht um der Originalität Willen (Modell: „ich lese Thomas Mann und Kafka nicht, beide sind sowieso hoffnungslos überschätzt, der belgische Hirnforscher Eric Sowieso, 1892, ist viiieeel wichtiger“), die klebrige Bombastik des Feuilletons („Wo bleibt der Roman zur Einheit?“) und die alberne Authentizität a la Hegemann, die, wenn sie pleite geht, mit Hilfe schlecht angelesener Texttheorien dann gar nicht so gemeint war. Doch doch, das war schon genau so gemeint, die abgestimmten Presseerklärungen inklusive, wir haben das ganz gut verstanden. Axolotl Roadkill befindet sich seit geraumer Zeit in der Ramsche. Und sage mir eine und einer, sie und ihn wundere das.

Was dann? Sehen lernen, weiter Kunst machen, montieren – alle Kunst ist Montage, seit Anbeginn – unbefangen sein. „Das Leben ist bunt und fadenscheinig; mehr weiß ich doch auch nicht!“ Museum, als vergangenes Leben, ist überall. Wir müssten, bei aller Sympathie für Genovas Vorschlag, dann nicht einmal die Museen schließen. Sie wären dann ja endlich auch welche.

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Kommentare

  • eb  On Januar 9, 2013 at 11:00

    Da fällt mir wieder der Satz eines alten Kumpels ein:

    Die verstorbenen Geister, – könnte man als Verlust der mentalen Perlen
    einer Vielfalt beschreiben, – über welche die Zukunft dann ihre Beuteschiffe steuert.

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