Waldorfschulen, Klasse, Schicht

Wundert das jemanden?

Mich nicht.

In meinem ersten Semester Philosophie (Herbst/Winter 87/88) hatte ich, über die damals noch in der Grindelallee ansäßige Studentenjobberhöhle, einen Putzjob vermittelt bekommen: Flure putzen in der Waldorfschule Farmsen. Die in tiefe Seinseigentlichkeit versenkten besserbürgerlichen Sprösslinge machten sich einen Scherz daraus, der dummen Putze den Dreck direkt vor die Füsse zu schmeißen – Tenor: Aufheben, sauber machen! Es kam aber noch schlimmer: Das Ganze endete, als, ich weiß gar nicht mehr, auf welchem Wege, publik wurde, dass ich Phil-Student sei, also quasi ‚einer von uns‘, und ein dort tätiger Lehrer („ich habe bei Schweppenhäuser studiert“) sich mit mir sehr angelegentlich über Kant unterhalten wollte.

Ich halte aus mehr als nur einem Grund von Rudolf Steiner gar nichts, habe auch wenig Lust darauf, zu erklären, was mir an dieser reichlich verquasten, deutschen Geschichte nicht passt. Einfach selber „Rudolf Steiner, Antisemit“ googlen. Vieles entspricht da dem verquast-verquatschten Dalai Lama, über dessen unklare Bezüge zu diversen Faschisten (von mir mehrfach schon thematisiert) der verbeamtete, grün wählenden Besserbürger ja auch nichts wissen will. Oder kann. Oder darf.

Die Nachdenkseiten sprechen übrigens völlig zutreffend von „Erziehung zum Klassenkampf“. An dieser Stelle, auch, weil burks es kürzlich thematisiert hat, doch noch ein paar Takte zum Thema „Mittelstand“, „Schichten statt Klassen“: Der bürgerliche Mittelstand ist schon ein eigener Stand, eine eigene Schicht, wir können ruhig auch Klasse sagen. Funktionselite, sozusagen die Offiziere einer Gesellschaft. Was die ansonsten hoch gewertschätzen Kollegen Dr. Karl Marx, Trier, und Friedrich Engels in ihrem Klassenmodell übersehen haben – übersehen haben sie es nicht mal, aber nicht richtig eingeschätzt -, ist der eminente Einfluß, der von diesem Mittelstand ausgeht – gerade weil er oszilliert, opak ist, nicht ganz fassbar, eine Zwischenklasse sozusagen. Seiner Selbstbeschreibung nach grenzt er sich massiv ab vom Proletariat, welches er verachtet – obwohl seine Arbeitsbedingungen in der Dienstleistungsgesellschaft häufig kaum anders aussehen. Mittelstand versus Proletariat – der intelligenteste und wirkungsmächtigste Scheinwiderspruch der Geschichte, „teile und herrsche“ in Reinkultur. „Die da unten, die Barmbekschlampen in Jogginghose, wie sie so ihre Zichten durchziehen und Schnaps saufen auf Eure Kosten, das sind Eure Gegner“ – und das Mittelstandsgesindel hat denn auch nichts besseres zu tun, als fröhlich dreinzuschlagen. Es war eben dieser Mittelstand, der Hitler gewählt hat – qed.

PS: Nach wie vor so witzig wie zutreffend: Defoe über den Mittelstand…

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Kommentare

  • Anonym  On Dezember 29, 2012 at 13:51

    In diesem Jahr bin ich wieder einige Monate durch Europa gereist und habe dabei meistens auf Biohöfen gearbeitet. Ich konnte mir interessante Höfe aus einer Liste aussuchen und diese dann kontaktieren. Dabei habe ich auch auf zwei biodynamischen Höfen gearbeitet, wobei mir vorher, als ich die Höfe kontaktiert habe, überhaupt nicht klar war, dass dieser Begriff eben kein technischer ist, sondern darauf hinweist, dass hier nach den Regeln von Steiner angebaut wird. Hätte ich das nur vorher gewusst…

    Erster biodynamischer Hof, erster Tag, erstes längeres Gespräch (und zwar über die anstehenden US-Wahlen), erster Satz der Landwirtin: „The influence of the Jewish society in the US is really scaring.“ Da musste ich natürlich nachfragen, warum. „They have much power in the finance system.“ Auf meine Frage, in welcher Form, kam die Antwort: „Most bank leaders come from Jewish families“. Ist klar. Das Gespräch ging dann noch ein wenig weiter, bis sie merkte, dass sie da bei mir auf Stein beißt.

    Ich möchte euch jetzt nicht mit weiteren Geschichten über diese Leute langweilen, aber eine Zusammenfassung des Bullshits, der mir in 2 Monaten auf diesen Höfen offenbart wurden, enthalte ich euch nicht vor.

    – „Biodynamische Landwirtschaft ist besser als „normale Biolandwirtschaft“.“ Ich habe in den Monaten dort aber keinen einzigen Unterschied im Arbeitsalltag feststellen können. Null. Das war einfach nur arrogantes, selbstgefälliges Geschwätz.

    – „Napoleon hat irgendeinen Krieg nur deshalb gewonnen, weil er das uralte Wissen um die vitalisierende Kraft von Hafer kannte.“ Das ist dieser Temperamentenlehre-Bullshit, nach jeder Mensch eines der vier (nicht mehr und nicht weniger als vier) Temperamente zugewiesen bekommt, man diese Temperamente aber vorübergehend verändern kann, wenn man den energetischen Einfluss von Pflanzen kennt.

    – Auf diesen Höfen bin ich schlechter behandelt worden als auf jedem anderen Hof, was diese Leute aber nicht davon abgehalten hat, zu behaupten, dass man nur auf biodynamischen Höfen nicht ausgebeutet wird. Das exakte Gegenteil war der Fall.

    – Ich habe viele Leute aus den jeweiligen anthroposophischen Gemeinden kennengelernt und nach einiger Zeit bemerkt, dass es fast ausschließlich Frauen sind, die dieser Lehre folgen. Wie man das interpretiert, überlasse ich euch. Zudem waren sämtliche Lehrkräfte auf den dortigen Waldorf- und Montessori-Schulen weiblich. Das erklärt ebenfalls, warum fast alle jungen Männer, die auf diesen Schulen waren, kein gutes Haar daran ließen, während die Mädchen und jungen Frauen mehrheitlich begeistert von dieser Schulform waren.

    Meine Lehre aus der Zeit auf diesen Höfen: Ich werde meine Kinder nicht auf irgendeine dieser Sektenschulen schicken und auch keine demeter- oder helios-Produkte mehr kaufen.

  • pfunk  On Dezember 30, 2012 at 18:43

    Ich habe mir schon immer gedacht, dass die meisten ihre Kinder auf eine Waldorfschule schicken, nicht weil sie Anhänger der Lehre sind, sondern weil man sich dort sicher sein kann, dass alle aus dem akademischen Bürgertum kommen. Wie der Prenzlauer Berg: Hauptsache, man ist unter sich. Alle meine Verwandten, die eine Waldorfschule besucht haben (übrigens ganz normale nette Menschen – eben wenig berührt von der Lehre) haben danach enorm Karriere gemacht, meist sogar in der Naturwissenschaft. Oder so wie ökologisches Bewusstsein und Bio-Ernährung allzu leicht umschlagen kann in puren Ekel vor den vulgären Gewohnheiten der burgerfressenden Massen.

    Das obere Beispiel sollte niemanden überraschen, der sich eine ganz normale Gymnasialklasse vorstellt, in der es dazu noch kaum Ausländer oder Unterschichtler gibt – ich erinnere mich gut an meine Gymnasialzeit, als ich nach einem längeren Auslandsaufenthalt ganz entsetzt war über die reaktionären Ansichten der meisten Schüler: damals, als es zum Beispiel ganz normal wurde sich als „Elite“ zu bezeichnen. Komischerweise war der einzige, über den man sich so ungeniert das Maul zerreißen durfte wie über die Asis, ein offensichtlich obszön reicher Mitschüler, der immer im Cabrio zur Schule kam: als wollte man sich in beide Richtungen absetzen, und sich als die einzigen „Normalen“ fühlen.
    Für mich ist das das beste Argument für Gesamtschulen: um solchen Abschottungsversuchen vorzubeugen.

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