Norman Schwarzkopf

Schwarzkopf, von Peter Rühmkorf einst wenig originell, aber zutreffend in Norman Schwachkopf umgetauft, ist also tot. Nun ja. De morturi nihil (de mortuis, wenn schon…ja, ähem, er und sein Latein, der Säzzer)? Von wegen! Der Golfkrieg 1991 bleibt mir unvergesslich, mit all seinen offenkundigen Lügen (Babybrutkästen), mit all den Sondersendungen („Es sieht nach einem Blitzkrieg aus“ – war es nicht der famose Herr Voss?), den Überläufern (der unerträgliche Biermann vorneweg), mit all der Hemmungslosigkeit, die die Sieger der Geschichte an den Tag legten. 1990 ein kurzer, erlogener Sommer der Anarchie – im Hintergrund formierte sich natürlich alles bereits, das neoliberale Zeitalter nahm endgültig Gestalt an -, und dann wurde zugegriffen.

Schwarzkopf selber galt ganz offen als Held, hat es sich ganz kokett („Man muss kein Held sein“) auch gefallen lassen. Ich habe das damals schon ekelhaft gefunden. Dass die modernste Militärmacht der Welt eine demotivierte, mit 20, 30 Jahre altem Material ausgestattete, so gut wie aller Luftabwehr beraubte Armee mittlerer Größe in Klump und Boden hauen kann, wenn ihr der Sinn danach steht, ist nun wirklich nichts, was Bewunderung erregt. Einige Hintergründe des krieges sind bis heute unklar; etwa die Vorgänge um die Strasse von Basra.

Seine Autobiographie habe ich in Auszügen gelesen. Schwarzkopf gehörte jener Generation von US-Militärs an, die die Niederlage in Vietnam als schwere narzisstische Kränkung erfuhren und deren ganzes weitere Berufsleben nur darauf ausgerichtet war, diese Niederlage irgendwann ungeschehen zu machen. Er sagt das relativ unverholen. „Als das letzte Mal unsere Hubschrauber über eine unserer Botschaften flogen, flogen sie weg. Jetzt kommen sie wieder“, schwadronierte ein völlig selbstvergessener US-Journalist, als Marines 1991 die US-Botschaft in Kuwait per Helikopter einnahmen; das Fernsehteam inklusive. Wer die ganze widerwärtige Atmosphäre von damals sich nochmal in Erinnerung rufen will, lese es in Rühmkorfs TaBu I nach (sowieso eines der empfehlenswertesten Bücher der letzten Jahrzehnte):

„17.01.91. Der Kopf wackelnd, gluckernd, eine Hohlkugel voller Quecksilber: her – hin / hin – her. Seit heut morgen 1:00 Uhr Krieg im Irak (…)
Um 13:00 Uhr dann pünktlich wie das Amen in der Kirche: „unerhörte Börseneuphorie“, Kurssprünge nach oben, Freudensprünge bei Mannesmann (+20%), RWE (22,8%)– wegen EILEINSCHREIBEN (Manuskriptzusendung) dann die folgenden Zahlen verpaßt.“ (Rühmkorf, Peter, TaBu I, Reinbek 1995, p. 543)
„19.02. BILD – und, na, wer sagt’s denn?! – „Die Golfkrise und Ihr Geld, liebe Leser: Die richtigen Kursraketen werden aber erst nach Kriegsende gezündet. Dann sind innerhalb weniger Tage sogar Gewinne von 20 und 30 % drin“ (aaO, p. 588)

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Kommentare

  • Hagnum  On Dezember 28, 2012 at 13:25

    Heute morgen auf hr1:

    Er war 1.95 m groß.
    Später, er war über 1.90m groß.(der Sprecher verquatschte sich erst,er sei „über einen Meter,entschuldigung,über 1.90m“ groß)

    Diese Detailverliebtheit.

    Nach 6 Wochen war der Krieg zu Ende und der Diktator,Saddam Hussein wurde gestürzt(!!!).

    Nicht jedes Detail ist wichtig…

  • summacumlaude  On Dezember 31, 2012 at 05:25

    Unvergessen die Börseneuphorie damals, der Jubelschrei als der Krieg ausbrach. Ich hatte bei Bersarin etwas über die Bell-Hubschrauber – Sinnbild des Vietnamkrieges – geschrieben und wollte zunächst auch den von der US-Botschaft in Saigon fliehenden Heli thematisieren; und wie Journalisten in Kuwait dann den Bezug zu Vietnam herstellten („jetzt bleibt er da“), unterließ es dann aber aus irgendwelchen Gründen.
    Zeitgleich von Dir nun dieser Beitrag. PSI?

    • hf99  On Dezember 31, 2012 at 11:46

      Ich habe Kontakt! („Nietzsche hatte Kontakt!“ laberte mich mal ein PSI-gläubiger auf ner Philo-fete voll…)

  • summacumlaude  On Januar 1, 2013 at 22:01

    Zu wem hatte Schwartzkopf Kontakt? Und wer hat einen solchen jetzt mit ihm?

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