Die Entdeckung der Vernunft

Ich sprach vor einigen Tagen davon, dass Religionen – welche auch immer – in einem gleich sind. Sie operieren immer mit einem ganz speziellen Gründungsmythos: Sie, allein sie bringen die Wahrheit in eine trübe Welt voller Lug und Trug. Als ich mich mit diesem Beitrag burks‘ auseinander setzte, insbesondere mit der dort zitierten These Thomsens und Sohn-Rethels, die Fähigkeit zu abstraktem Denken sei überhaupt erst in einer Gesellschaft möglich, die den abstrakten, durch Münzgeld vermittelten Tausch vollzogen habe (burks selber stimmt der These nicht zu), konnte ich nicht anders: ich musste an Religionen denken, daran, wie sie Aufmerksamkeit generieren. Interessante These der Beiden, aber mir beim besten Willen nicht plausibel zu machen. Abstrakta wie zum Beispiel Zahlen haben auch die Ägypter bereits rudimentär entwickelt, die Inder und die Chinesen sowieso. Sohn-Rethel fokussiert sich, hier ganz Klassiker im neuen Gewand, auf die ionischen Naturphilosophen, mit denen schon Aristoteles und seither alle klassischen Philosophiegeschichten die Philosophie beginnen ließ (exemplarisch die bekannte Philosophiegeschichte Karl Vorländers, Band 1, Reinbek 1963, p.9: „Aber sie (die ionische Naturphilosophie, hf) fragt und antwortet (…) nicht mehr in der Form des Mythos, sondern in derjenigen des begrifflichen Denkens“). Und selbst Morris Kline notiert in seiner ansonsten sehr guten Mathematikgeschichte „Mathematics, The Loss of Certainty“ (New York 1980, p. 9): „What the greeks discovered – the greatest discovery made by man – is the power of reason.“ Es handelt sich um den Gründungsmythos Europas: Vom Mythos zum Logos. Und auf dem Schlachtfeld Marathons ist dann die griechische Sendung gerettet worden vor den persischen Horden…

Nun gut, ich polemisiere. Aber tatsächlich kann man es anders sehen oder sollte es sogar. Die Entdeckung (oder Erfindung?) des abstrakten Denkens stelle ich mir denn doch als kontinuierlichen Prozess vor, der einsetzte, sobald eine Gruppe strukturiert vorging, um die Versorgung sicherzustellen: Jagen, die Jagd vorbereiten (Speere herstellen etc), Gruppenprozesse in Gang setzen (Jagdzauber, der sich in Höhlenmalereien ausdrückt) – wir sollten nicht in Steinzeitidyllik verfallen; das waren schon damals hoch komplexe Vorgänge, die viele Schritte erforderten. Mit großer Wahrscheinlichkeit waren auch die damaligen Gruppen schon hierarchisch organisiert; den Engelschen Urkommunismus deute ich einfach und wenig originell als säkulare Variante des alten paradise-lost/paradise-regained-Topos. Tausch per Münzgeld als Bedingung für die Möglichkeit abstrakten Denkens, also, ich weiß nicht Recht.

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