Adventszeit: ein Plauderstündchen mit der Bibel. heute: Die Genesis, Gnade, Vorrecht, HERREN

„Call me Ismael.“ – Melville, Moby Dick, erster Satz
„Die im Dunklen sieht man nicht“ – Brecht
„Als aber der Herr sah, dass Lea ungeliebt war, machte er sie fruchtbar“ (Original-Luther: „DA aber der HERR sahe / das Lea vnwerd war / macht er sie fruchtbar“)(Gen, 29, 31)

Es gibt in der Genesis vier offenkundig miteinander verbundene Geschichten, die mich besonders berühren: Kain und Abel (Gen 4 passim), die Verstoßung Ismaels und seiner Mutter Hagar – Ismael wurde bekanntlich vor dem Bund mit Gott geboren – durch Abram (Gen 21,14), zum dritten der Betrug Jakobs und Rebekkas an Esau (Gen 27 passim). In allen Fällen wird etwas über Gnade, Bevorzugung, aber auch Ausstoßen, Verwerfen erzählt. Die Trippelung dieses Topos, der dann, die vierte Geschichte, im Lieblingssohn Josef kulminiert (Gen 37 – 50), ist auffällig, und die Verworfenen, Ausgestoßenen haben denn zum Teil auch ganz konsequent wieder zueinander gefunden (Esau heiratet zum Beispiel Mahalat, eine Tochter Ismaels).

Da das mehrfache Verstoßen des jeweils erstgeborenen Sohnes (Kain aka Ismael aka Esau aka Ruben) ein offenkundiges Unrecht darstellt, muss der Text versuchen, dieses Unrecht zu legitimieren. Ismael „trieb Mutwillen“, und der dumme, unwürdige Esau, der die falschen Frauen liebt, verkloppt sein Recht bekanntlich für ein bißchen Dal. Alle ergattern gnadenhalber jeweils einige Trostpreise und schicken sich natürlich drein – gewährt von eben jenem Gott, der andere bevorzugte. Am schwierigsten ist die Geschichte Kains einzuordnen. Gott direkt verweigert ihm die Gnade (bei Ismael, Esau und Ruben und seinen Brüdern wird der Vollzug der Erbarmungslosigkeit vom sog. Herrn an Menschen delegiert), und diese verweigerte Gnade führt, nicht ganz unverständlich, erst zu jener Wut, die Abel tötet. Die Geschichte suggeriert, Kains Unfähigkeit, seine Sündhaftigkeit unter Kontrolle zu halten („Timschal“, Steinbeck hat daraus einen ganzen Roman gemacht), sei ursächlich für die verweigerte Gnade. Das darf getrost als schlichte Ursache-Wirkungs-Verwechslung gelesen werden. (Der Kain-Abel-Mythos lebt auch noch von der Auseinandersetzung seßhafter Ackerbauer versus nomadischer Schäfer, und von Kain stammen dann interessanterweise sowohl die Künstler – Jubal, – als auch die Forscher/Metallurgen – Tubal-Kain – ab; nebenbei: Dass die Künstler auf der Nachtseite wohnen, also ohne Gnade, scheint Thomas Mann entgangen zu sein. )

Es handelt sich hier zunächst natürlich einfach um schäbiges Religionsmarketing – aber verbunden mit etwas Hochinteressantem: Nämlich mit einem Geständnis. Religionen – und der Plural ist das Problem! – müssen sich jeweils als bevorzugt ins Spiel bringen, ob sie es nun sind oder nicht. Ihre Gründungsmythen erzählen immer die eine Geschichte: Wie die Wahrheit in eine Welt voller Lug und Trug kam. Denn warum werden diese Geschichten, die die jeweilige Religion, die sich in ihnen in Stellung bringt, so offenkundig desavouiert, überhaupt erzählt? Warum schweigt man nicht? Dass Gott Abel bevorzugt ist schlicht unfair, wenn das Wort noch irgend einen Sinn hat, und jeder Unbefangene erkennt das sofort; Ismaels und Hagars Verstoßung ohne jeden realen Anlaß, ohne triftigen Grund darf man im Grunde schon als Sauerei bezeichnen; Esau wird von Jakob, tatkräftig von beider Mutter unterstützt, die hier offenkundig ihren Liebling bevorzugt, nach allen Regeln der Kunst mit Hilfe von schnödem Betrug um seine Rechte gebracht; und Josef ist bei Licht besehen einfach ein Schlunz. Warum demaskiert sich der Text hier derart? Neue Religionen operieren nicht im luftleeren Raum. Sie müssen sich in einer bereits mythenüberzogenen Welt durchsetzen. Totschweigen funktioniert nicht. So appellieren diese Geschichten an die Träume und Projektionen ihres Publikums, das für sich eben diese Gnade erhofft. Und damit erfüllen die Geschichten von Gnade und Ungnade, erwählen und aussortieren eine ganz bestimmte Funktion: Den der Selbstermächtigung, und zwar post hoc, nach dem gewonnenen Krieg. Gesiegt haben = in der Gnade sein. Der Calvinismus drückt nur besonders direkt aus, was allen Spielarten der drei relevanten monotheistischen Religionen eigen ist. Der Topos von Gnade und Erwähltheit, der die Genesis durchzieht, erweist sich somit als ziemlich hinterhältige Aufforderung zur Identifikation mit dem Aggressor.

Neben dem üblichen, unerheblichen Gerede über die unergründlichen Heilswege des Herrn – genau so hörte ich es noch im Religionsunterricht – mag der Gläubige darauf hinweisen, dass diese Geschichten ein ursprüngliches Verwandtschaftsverhältnis aller Menschen ausdrücken – Gläubige und Ungläubige, Erwählte und Nichterwählte sind sich nahe. Kain und Abel sind Brüder, Esau und Jakob sogar Zwillingsbrüder, Josef und Ruben immerhin Halbbrüder. Ungläubige seien somit nicht für alle Zeiten ausgeschlossen, der Weg zur Gnade sei auch ihnen offen. Auch Ismael sei ja beschnitten worden. Man kann auf die Versöhnung Jakobs mit Esau hinweisen; auf die Josefs mit seinen Brüdern. Mag alles so sein. Allerdings wurde Ismael erst mit 13 Jahren beschnitten und fiel somit, nach der Abram gegebenen Regel, natürlich aus dem Kreis der Erwählten heraus… Entscheidend für mich ist die beanspruchte Definitonsmacht, die in diesen Geschichten, und zwar in allen Varianten, der jüdischen, christlichen und muslimischen, ihren Ausdruck findet. Das muslimische Verständnis der Genesis, die im Koran zitiert und kommentiert wird, unterscheidet sich natürlich signifikant von dem jüdischen oder christlichen, bis hin zu einer Bevorzugung Ismaels, der für bestimmte Richtungen des Islam sogar der wahre Erwählte sei – nicht in Isaak, sondern in Ismael habe man das Menschenopfer überwunden… Das Problem als solches, die Trennung in Erwählte und Sonstige, Berufene und Aussortierte, besteht im Islam jedoch genau so wie bei seinen beiden Nahverwandten.

Man darf sich hier nichts vormachen: Alle drei monotheistischen Religionen unterteilen Menschen irgendwie in wert und „vnwerd“. Unwert, das ist hier der entscheidende Begriff. Es spielt keine Rolle, wie und in welcher Form die „Unwerten“ hinterher begönnert werden, durch Fruchtbarkeit etwa, die gewährt wird (und also auch wieder entzogen werden kann). Der Ansatz als solcher ist anmaßend und somit falsch. Es spielt keine Rolle, welche Wertschätzung den Anderen entgegen gebracht wird – immer wird es die Wertschätzung des Definiens sein, die Wertschätzung dessen, der mit Sanktionsmacht ausgestattet ist und letztlich Unterwürfigkeit einfordert. Niemand jedoch hat das Recht, Menschen in „wert“ und „unwert“ zu unterteilen. Es leben entweder alle in der Gnade, oder keiner. „Sage mir, wie Du auf Menschen blickst, die nicht an Deinen Gott glauben – und ich sage Dir, was es mit Deiner Religion auf sich hat“ – erster und einziger Satz aller Religionskritik. So sind denn alle drei monotheistischen Religionen hinfällig, und „Call me Ismael“ ist und bleibt die einzige angemessene Antwort.

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Kommentare

  • philgeland  On November 14, 2013 at 12:07

    Good piece of writing. Sehr anregend.

    Man stelle sich kurz vor, eine der monotheistischen Religionen würde es schaffen, so was wie einen globalen Mega-Gottestaat zu errichten und die gesamte Erdbevölkerung wäre sich einig – welchen Dogmen auch immer sie folgten: „Hey, das ist es, wie konnten wir nur so blind sein?“ Es gäbe keine Kritik mehr, keine Zwietracht, nichts. Alle würden den selben Film fahren.

    Nehmen wir also an, das Element der Ausgrenzung würde nicht mehr greifen.

    Ein solches „Gottesreich auf Erden“ würde implodieren und zwar sehr schnell, es würde seine Kinder fressen.

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