Knabenmord in Xanten

Beim Stöbern auf zeno.org (absoluter Pflichtlink!), ursprünglich suchte ich etwas anderes, geriet ich an Hugo Friedländers „Interessante kriminalprozesse“ und dort dann an den Knabenmord von Xanten. Da frierts einen. Ich kannte die Konitzer Mordaffäre, aber diesen Fall noch nicht, obwohl er damals ähnliches Aufsehen erregte aka medial aufbereitet wurde, insbesondere von der antisemitischen Fraktion. Ich dachte immer, Ritualmordlegenden seien überwiegend eine Sache der kuk-Monarchie gewesen, werde hier aber eines besseren (oder schlechteren, je nachdem) belehrt.

Hier finden sich die ausführlichen Prozessberichte von Friedländer. Paul Nathans „Betrachtungen zum Prozess Buschhof“ hier. Daraus:

Und wer ist es nun, der die Errungenschaften, die wir besitzen, wieder in Frage zu stellen sucht? Scheinbar allein eine Schaar skrupelloser Menschen ohne jedes geistige Prestige und ohne jedes moralische Ansehen, die sich an die Spitze der Dummheit und Rohheit gestellt haben; aber doch nur scheinbar. Dieser Haufen hätte in jenem düstern Winkel bleiben müssen, in den er gehört, ohne die halbe Connivenz, ohne die Schwäche, ohne das Gewährenlassen weiter Kreise der Bevölkerung (meine Hervorhebung, hf), die zu einem lauten Protest bei Zeiten verpflichtet gewesen wäre. Erst durch diese Mitschuld und diese Passivität wurde der Antisemitismus zu dem, was er ist, zu einer großmäuligen Macht, die mit ihren Verdächtigungen vor keiner Schranke Halt macht, und der es thatsächlich gelungen ist, einen Prozess à la Tisza-Eszlar zu inszeniren, dessen Ausgang durchaus nicht wunderbar ist, aber an dem es verwunderlich ist, daß er je beginnen konnte.

Und wer hier Parallelen sieht zur heutigen sog. ‚Ausländerkriminalität‘ und ihrer medialen Aufbereitung, der irrt wohl nicht. Damals wie heute eine regelrechte Allergie gegen die Realität – schon auf der schieren Faktenebene wurde/wird da einfach schamlos drauflos gelogen. Aber Nathan sieht auch das Entscheidende: Bei allen rassistischen und analogen Agenden besteht der eigentliche Skandal darin, dass es gelingt, deren absurde Stichwörter überhaupt erst einmal durchzusetzen. „Ausländerkriminalität“ gibt es nicht, jedenfalls nicht als relevante kriminologische Kategorie. Nebenbei: Auch, wenn willentliche Missversteherei jetzt Felonie brüllt, sei hinzugefügt: natürlich gibt es kriminelles Verhalten bzw als kriminell bezeichnetes (gelabeltes) Verhalten von Einwanderern, und so, wie es, soziologisch betrachtet, aus jeder Gruppe heraus auch gruppenspezifische Kriminalität gibt (Betrug etwa ist innerhalb von Jugendlichen extrem selten, weil das Delikt schlicht eine gewisse ökonomische Potenz voraussetzt), gibt es natürlich auch eine spezielle Kriminalität durch Einwanderer, die sich aus ihrer sozialen Stellung erklärt. Mit einer nicht existenten „Natur des Türken“ o.ä. hat dieses unstreitige und unproblematische Phänomen selbstredend nicht das Geringste zu tun. Nur bestreiten sollte man die Tatsachen natürlich nicht, allein schon, weil sonst die fürchterlich Falschen bei diesem Thema hämisch genießend abkassieren. Nach meinen Erfahrungen hat es allerdings keinen Zweck, diese unproblematischen Überlegungen einem bestimmten selbstermächtigten Antirassismus („Wer Rassist ist, bestimme ich“) nahe zu bringen. Klammer zu.

Zurück zum Ritualmord: Parallelen, aber keine Identitäten. Der Ritualmordvorwurf ist deswegen so monströs, weil ihm in der Realität nun wirklich nichts entspricht. Für gewöhnlich sind Ideologien, wenn auch schwach, mit der Realität verzahnt. Ein paar „wirklich“ ‚kriminelle Türken‘, ein paar „wirklich“ ‚betrügerische Juden‘ möchten dann schon sein – auch, wenn diese Einzelfälle, sollten sie „tatsächlich“ vorliegen, natürlich nichts beweisen, nichts bedeuten. Hier nicht. Es hat in all den Jahrhunderten, in denen der Ritualmordvorwurf seine zerstörerische Rolle spielte, nicht einen tatsächlichen Fall von ‚jüdischem Ritualmord‘ gegeben, nicht einmal eine durchgeknallte jüdische Sekte, nichts. Im Zweifel war es eher umgekehrt. Und da es psychisch einiges an Energie erfordert, wenn ich schiere Unwahrheiten lancieren muss, um meine Stichworte durchzusetzen, dann fragt sich – es ist die 6-Millionen-Dollar-Frage der politischen Psychologie: Was ist psychisch so attraktiv daran, Menschen zu entmenschlichen, um sie als „Gegner“ verfügbar zu haben, auch um den Preis der völligen Preisgabe von Realität? Funktionale Erklärungen („Machtinteresse des Kapitals“, „Sündenbocktheorie“ o.ä.) sind nicht falsch – ich halte nichts davon, die pauschale Sündenbocktheorie zum Antisemitismus pauschal für falsch zu erklären, sie ist nicht falsch -, aber zu kurz gedacht. Denn irgend wo muss jede erfolgreiche Lüge beim Rezipienten andocken können. Mangel an Urteilskraft (Arendt)? Sicher – aber warum dieser Mangel? Apell an den Neid, an das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein? Sinnangebote? Einordnen der amorphen Realität durch Haß, also mithilfe eines einfachen, somit starken Gefühls? Rassisten können nicht ohne Haßobjekte sein, die Existenz dessen, was sie vernichten wollen, ist unbedingt erforderlich, der Rassist gelangt nie an sein Ziel, darf es nicht, kann es nicht, weil er sich sonst selbst widerlegte. All diese deprimierenden Überlegungen sind natürlich nicht neu. Bei mir enden sie für gewöhnlich denn doch in einem versteckten Idealismus: Voraussetzung für das Ausüben von Herrschaft ist die Bereitschaft der Beherrschten zur Unterordnung, in Brechts Worten:

„Schönster aller Zweifel aber
Wenn die verzagten Geschwächten den Kopf heben und
An die Stärke ihrer Unterdrücker
Nicht mehr glauben!“ (Brecht, Bertolt, Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, Frankfurt/Main 1981, p. 626)

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • anonymer  On Dezember 1, 2012 at 00:23

    Das Buch „Es geschah im Nachbarhaus“ von Fährmann handelt vom Xantener Ritualmord. Die betreffende Person liegt übrigens in Köln-Deutz begraben.

  • georgi  On Dezember 4, 2012 at 21:41

    Das kennt man doch, Hartmut. Es geht doch um Kinder; arme, unschuldige süße kleine Kinder! Wenn den Leuten das Grauen überkommt, sich vorzustellen, daß diese geschlachtet werden müssen, nur weil diese Juden unbedingt keine Christen werden wollen, dann kommt anständigen Christen so eine Wut, daß sie in ihrem grenzenloses Haß auf alle einprügeln, der diese Scheißjuden am Leben lassen will. Das kennt man ja: Als es darum ging, das Internet zu zensieren, dann hat man was gemacht? Na, man hat den Leuten erzählt, im Internet würden massenhaft kleine Kinder, Säuglinge gar!! geschlachtet! Welcher Sinn dahintersteht, kann ich Dir leider nicht sagen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: