Eric Hobsbawm

Der wunderbare Eric Hobsbawm ist im Alter von 95 gestorben. Sein Buch über das zeitalter der Revolutionen 1789-1848 – „Europäische Revolutionen“, München 1966, erster teil seiner Trilogie über das lange 19. Jahrhundert – gehört zu den historischen Büchern, die mich am meisten beeindruckt haben. Er spricht von letztlich einer Revolution, die sich zwischen 1789 und 1848 vollzogen hat; und meinte damit jene europäische „Doppelrevolution“, in der es sowohl im politischen Raum (Entwicklung der bürgerlichen Demokratie) als auch ökonomisch (industrielle Revolution) zu jenen Umwälzungen kam, die die Welt so tief veränderten wie sonst keine Epoche vorher.

Mein Lieblingskapitel ist das vierzehnte, über die Kunst, insbesondere über die Romantik, über die er, als Marxist, trotz ihrer unstreitig reaktionären Tendenzen sehr gerecht urteilt: Insbesondere hat es ihm ihre, wenn auch „konfuse“, Kritik an den Entfremdungstendenzen der Modernen Welt angetan. Hobsbawm zitiert:

Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

und kommentiert:

Das ist die Stimme des Kommunistischen Manifests – aber sie spricht auch im Sinne der Romantiker. Eine solche Welt mochte die Menschen reich machen, sie zum Wohlleben führen – obschon sie andere, die große Mehrheit, zu Hunger und Elend verdammte -, aber sie entblößte und vereinsamte ihre Seelen. Sie ließ sie heimatlos in seinem Universum, als „entfremdete“ Wesen. Eine neue Kluft war entstanden, die es dem menschen sogar unmöglich machte, in seinem alten Heim zu bleiben, es nie zu verlassen und damit der Entfremdung zu entgehen. (Europäische Revolutionen, aaO, zitiert nach dem text- und seitenidentischen Reprint Köln, 2004, p.513)

Hobsbawm machte, als eine der ersten, drei wesentliche Quellen der Romantik fest – das Mittelalter, das „Einfache“ („Primitive“, das „Volk“) und die französische Revolution. Und mit dieser zutreffenden Genese der Romantik brachte Hobsbawm dann auch die Selbstwidersprüche der romantische Bewegung auf den Begriff.

Er nahm Brechts „die im Dunklen sieht man nicht“ ernst und schrieb Geschichte aus der Perspektive derer, die unten sind – verfiel aber nie eben jener linken Romantik, die im „unterdrückten Volk“ alle eigenen Hoffnungen spiegelt und dauernd revolutionäre Subjekte vermutet, wo wir es mit Menschen zu tun haben.

Die Lage ((1846-48, hf) war von Land zu Land und innerhalb der Länder von Gebiet zu Gebiet verschieden, aber – zum Glück für die bestehende Ordnung – es waren die die am schwersten betroffenen Iren und Flamen sowie viele der Fabrikarbeiter in den heimgesuchten Provinzen politisch besonders unreif. So richtete sich die Wut der Baumwollarbeiter im frnazösischen Departement Nord gegen die in ihr Gebiet strömenden, ebenso verzweifelten Belgier und nicht gegen die Regierung und die Unternehmer. (aaO, p. 600)

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