Nietzsche-Steinbruch XI

Man muss sich hüten, bei der Betrachtung früherer Perioden nicht in ein ungerechtes Schimpfen zu gerathen. Die Ungerechtigkeit in der Sclaverei, die Grausamkeit in der Unterwerfung von Personen und Völkern ist nicht mit unserem Maasse zu messen. Denn damals war der Instinct der Gerechtigkeit noch nicht so weit gebildet. Wer darf dem Genfer Calvin die Verbrennung des Arztes Servet vorwerfen? Es war eine consequente aus seinen Ueberzeugungen fliessende Handlung, und ebenso hatte die Inquisition ein gutes Recht; nur waren die herrschenden Ansichten falsch und ergaben eine Consequenz, welche uns hart erscheint, weil uns jene Ansichten fremd geworden sind. Was ist übrigens Verbrennen eines Einzelnen im Vergleich mit ewigen Höllenstrafen für fast Alle! Und doch beherrschte diese Vorstellung damals alle Welt, ohne mit ihrer viel grösseren Schrecklichkeit der Vorstellung von einem Gotte wesentlich Schaden zu thun. Auch bei uns werden politische Sectirer hart und grausam behandelt, aber weil man an die Nothwendigkeit des Staates zu glauben gelernt hat, so empfindet man hier die Grausamkeit nicht so sehr wie dort, wo wir die Anschauungen verwerfen. Die Grausamkeit gegen Thiere bei Kindern und Italiänern geht auf Unverständniss zurück; das Thier ist namentlich durch die Interessen der kirchlichen Lehre zu weit hinter den Menschen zurückgesetzt worden. – Auch mildert sich vieles Schreckliche und Unmenschliche in der Geschichte, an welches man kaum glauben möchte, durch die Betrachtung, dass der Befehlende und der Ausführende andere Personen sind: ersterer hat den Anblick nicht und daher nicht den starken Phantasie-Eindruck, letzterer gehorcht einem Vorgesetzten und fühlt sich unverantwortlich. Die meisten Fürsten und Militärchefs erscheinen, aus Mangel an Phantasie, leicht grausam und hart, ohne es zu sein. – Der Egoismus ist nicht böse, weil die Vorstellung vom „Nächsten“ -das Wort ist christlichen Ursprungs und entspricht der Wahrheit nicht – in uns sehr schwach ist; und wir uns gegen ihn beinahe wie gegen Pflanze und Stein frei und unverantwortlich fühlen. Dass der Andere leidet, ist zu lernen (meine Hervorhebung, hf): und völlig kann es nie gelernt werden.(Passage 101)

Es sind Passagen wie diese hier – auch diese berühmte aus der fröhlichen Wissenschaft wäre zu nennen -, die dann Kommentatoren wie etwa Michael Tanner den Protofaschismusvorwurf zurückweisen lassen. Tatsächlich finden sich ja immer wieder solche Sätze, wie erratische Blöcke inmitten jener erhabenen Härte, zu der Nietzsche sich ständig überredet. Allerdings frage ich mich, ob wir es hier nicht doch bloß mit der Ästheten- und Intellektuellen-Variante des alten Liedes von Sentimentalität und Brutalität zu tun haben.

Seine Bemerkungen über Befehlende und Ausführende sind ganz unabhängig davon von außerordentlichem Interesse. Hatte ich bisher überlesen.

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Kommentare

  • MelusineB  On September 7, 2012 at 17:56

    Welches „Wir“ ist da gemeint, wenn behauptet wird, es fühlte gegen andere Menschen „wie gegen Pflanze und Stein frei und unverantwortlich“? Das, finde ich, ist die interessanteste Frage: Wer sagt das zu wem? Wer gemeindet da wen in dieses „Wir“ ein? Und: Wer „fühlt“ sich – in seiner Sehnsucht nach „erhabener Härte“ ? – gemeint, vergessend, dass auch die Hosenscheißer, der der Schreiber und der Leser waren, keine Woche überlebt hätten, wenn dieses „wir“ allgemeingültig wäre.

    „Dass der Andere leidet, ist zu lernen.“ – Ja! – keiner überlebte, wenn keine es gelernt hätte.

    • hf99  On September 7, 2012 at 18:04

      nun, das „wir“ meint diejenigen – aber das weißt Du ja auch -, die erst lernen müssen… wobei Nietzsche eine merkwürdig unnietzeanische Formulierung verwendet („ist zu lernen“, ein verstecktes ‚man‘ ).

  • MelusineB  On September 7, 2012 at 18:21

    Er spricht aber – genau! – in dem Gestus, der im „wir“, das „man“ und damit „die Menschheit“ meint. — Und eben darin liegt: der Denk-Fehler!

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