Subjektphilosophie (Cassirer)

Da ich aus der sprachanalytischen Philosophie kam, blieb mir bei Cassirer mit allem Respekt immer eines fremd: Wieso die Sprache eine symbolische Form neben anderen sein könne (etwa: Kunst, Mythos, um zwei seiner Beispiele zu nehmen). Der Ansatz seiner Philosophie – jede Form von Welt- und Selbstdarstellung sei Symbolisierung (theoryloaden, wenn man so will) – war und bleibt mir sympathisch; aber „Sprache“ als eine von vielen? Wenn die Cassirer-Jünger/innen mich belehren wollen; ich lechze danach.

edit: es gäbe nur eine Bedingung für die Möglichkeit von (Welt- und Selbst)erfahrung, nämlich die Fähigkeit, überhaupt symbolisieren zu können. „Aber ist das eine Antwort?“

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Kommentare

  • KL  On September 5, 2012 at 08:15

    Wer mit Cassirer umgeht, steht dann dem sprachanalytischen Philosophieren etwas ratlos gegenüber, wegen des reduktionistischen Zugs darin. 😉

    Die Universalität des Symbolischen ist eine konsequente Entwicklung von Cassirers neukanianischen Anfängen. Ich habe mich immer gefragt, warum er sich bis zuletzt weigert, ‚Hegelianer zu werden‘, denn er liegt mit seinem Nachdenken auf derselben Linie der Konsequenzen. Er hat aber immerhin ein differenziertes Verhältnis zu Hegel (das sich im Laufe seiner intellektuellen Entwicklung interessant wandelt), streitet gegen die geschichtsphilosophische Tendenz, bekennt aber im Nachlaßband „Zur Metaphysik der symbolischen Formen“ schließlich, daß in den drei geschichtlich ausgebildeten Formen, Erkennen zu verstehen, Hegel die avancierteste entfaltet habe, nämlich Erkennen nicht als Abdruck der Dinge in re (eidola-Lehre von Demokrit etc.) noch als Verdopplung (Mikrokosmos-Makrokosmos-Lehre), sondern als Erzeugung von Symbolen für Objekte, die es ohne diese Symbolisierung ’nicht gibt‘, zu fassen. Eben in diesem Aspekt sehe ich Cassirers Denken mit dem wesentlichen Zug Hegels konvergieren; man vergleiche dazu die Kritik Hegels am simplen Kantianismus als den Versuch, die Erkenntnis auf ihre Bedingtheiten hin zu ‚kritisieren‘, um vermeintliche Verfälschungen der Wahrheit durch den Erkenntnisapparat zu beheben – hier sagt Hegel ironisch, das gehe nicht, denn wenn man die Erkenntnisbedingungen abziehe, habe man auch die Erkenntnis abgezogen, also nichts mehr übrig.
    Es ist auch hier schon der Versuch, zu denken und zu formulieren, daß alle Wirklichket für uns ‚interpretierte‘ Wirklichkeit sei, nur eben mit der konsequenteren Annahme, daß ‚interpretieren‘ pars pro toto steht, unsere Weltbildung nicht allein sprachlich vor sich geht. Der Anstoß für Cassirer selbst liegt sicher bei der kantianischen Inspiration, die Struktur wissenschaftlichen Wissens zu durchdenken: dabei stößt er auf die Tendenz, Wirklichkeit jenseits von Anschauung, Vorstellung und schließlich sogar Sprache konstituiert zu sehen – nämlich in der Mathematisierung der Wissensinhalte. Zwei große Texte zur Relativitätstheorie und zur Quantenmechanik demonstrieren dieses Bewußtsein von der unvergleichlichen Besonderheit der naturwissenschaftlichen Wirklichkeitsauffassung (lange vorbereitet in „Substanzbegriff und Funktionsbegriff“). Der Kontakt zu Aby Warburg und dessen Bibliothek scheint dann der wichtigste Anstoß zu sein, diese Einsicht in die Mehrdimensionalität der Arten von Wirklichkeitskonstitution in einem übergreifenden Konzept des Symbolisierens zu vereinen. Die mythisch-magische Weltauffassung entdeckt er als eine weithin vorsprachlich verfaßte und hat auch ein präzises Bewußtsein davon, daß sie auf einer Wahrnehmungsschicht siedelt, die zwar heute nicht mehr dominat, aber immer noch präsent ist: in intimer Kommunikation, einfühlendem Verstehen und – der Kunst! Die mathematisch-naturwissenschaftliche Form ist dann gewissermaßen nachsprachlich; man kann ohne Sprache die Mathematisierung der Phänomene zwar überhaupt nicht leisten, aber dann ihr Resultat doch nicht mehr sprachlich einholen. Richard Feynman, der Physiker mit den Entertainer-Qualitäten hat mehrmals gesagt: wer glaube, die Quantentheorie zu „verstehen“, könne sie nicht verstanden haben. (Man denke etwa daran, daß nicht erst die Stringtheorie seltsam phantastische Vorschläge macht, die Struktur der physikalischen Wirklichkeit zu denken, sondern schon die Quantenelektrodynamik, die als letzte Bausteine keine ‚Dinge da draußen‘ unterstellt, sondern eine mathematische Transformationsgruppe. Man fühlt sich ein wenig an Platon erinnert, bei dem die Weltelemente geometrische Körper waren. Heisenberg wird diese Nähe gespürt haben, denn er hatte nie eine Kluft zwischen Platon und der Quantenmechanik gesehen.)

    Pardon für die Länge, hoffe, es führt weiter.

    Grüße,
    KL

  • KL  On September 5, 2012 at 08:47

    P.S.: Lese jetzt erst die Notiz zu Heidegger/Cassirer: Heidegger sucht, gut phänomenologisch, in seiner Philosophie aus der Dimension heraus zu formulieren, die ich oben die vorsprachliche nannte. Das ist so wichtig wie Cassirers Unterfangen, man darf diese Dimension wohl nur nicht verabsolutieren und sie schon gar nicht gegen die ‚Vorhandenheit‘ von Wissenschaft, Technik, Verwaltung und Recht in Stellung bringen, wie Heidegger zu tun geneigt ist.
    Vermutlich kann Philosophie sich nur in der mittleren Dimension aufhalten, in der sprachlichen und von dort aus eine Intuition für das Nichtsprachliche – das Vor- wie auch das Nachsprachliche – zu entfalten, die uns hilft, diese unbegreiflichen Sphären annähernd zu begreifen.
    (Hegel: Philosophie ist der Versuch des Sagens des Unsagbaren.)

  • KL  On September 5, 2012 at 08:49

    PPS: Mein längerer erster Kommentar scheint untergegangen zu sein, schade. War eine ausführliche Antwort auf die Frage, was Cassirer mit dem Symbolischen vorhabe …

    • hf99  On September 5, 2012 at 10:52

      nicht untergegangen, siehe oben. muss meinen schpäm-filter hart einstellen, sonst kommen dauernd postings durch, in denen es „toller post. Muss ich nochmal drüber nachdenken“ heißt und die dann für Viagra werben mit einer Aufdringlichkeit schlimmer als bei pele.

  • KL  On September 5, 2012 at 13:14

    Die V!aqra-Reklame hatte ich ganz vergessen, naja, vielleicht beim nächsten Mal.

    Wenn ich meine beiden Anmerkungen resümiere, wird jetzt meine Vermutung deutlicher, daß sich einerseits Heidegger, Phänomenologie, ästhetische Postmoderne und andererseits szientifisch orientierte, sprachanalytische und positivistische Philosophien so verständnislos gegenüberstehen, weil sie keine gemeinsame Brücke finden, sondern jede nur ihre. Die einen heben die vorsprachliche Dimension, die anderen die szientifisch-operationale in sprachgestütztes Verstehen, aber es findet sich bis heute kein gemeinsamer Nenner – außer der hoch abstrakte des Symbolizismus, ’symbolischer Formen‘.

    Diese Pointe war Cassirer übrigens bewußt und wichtig, hier konnte er sein verändertes Konzept des Allgemeinen („Funktionsbegriff“) auf die Stellung seiner eigenen Konzeption anwenden – das Allgemeine enthält das Besondere nicht als Teil, sondern ist eine eigene Bedeutungsschicht am Besonderen (sc. Einzelnen). Ähnlich eben das schöne Konzept Hegels: das Allgemeine ist ‚Negativität‘ schlechthin, ein reines Verneinen, es ist die Versammlung von Besonderen – darin gerade NICHT es selbst, Allgemeines – und diese Besonderen wieder sind als voneinander Verschiedene zusammengefaßt, jedes ist das, was die anderen NICHT sind. Der Gedanke ist bei Leibniz als bon mot schon da: „Kein Ei gleicht dem anderen.“ Cassirer versucht u. a., das Konzept der mathematischen Funktion als erläuterndes Gleichnis einzusetzen: die Funktion als Ganzes besteht nicht aus den Elementen (Wertepaaren) wie ein Ding aus Teilen, sondern sie ist als Ganze nur die Gesamtheit aller Elemente, die wiederum Elemente nur darin sind, daß sie in der funktionalen Beziehung stehen, in der sie stehen.

    Das klingt, als liege in Cassirer die Zukunft einer voll synthetischen Philosophie statt des Spartenegoismus, der jetzt herrscht, so weit möchte ich vorerst nicht gehen. Immerhin ist es aber ein ganz passabler Wegweiser, der auch wieder verständlich macht, was das als elitär mißverstehbare Distanzierte und das als anmaßend mißverstehbare Übersteigen beim Philosophen begründet: er ist weder Maler noch Physiker oder Unternehmer, aber hat die verschiedenen Typen von Verhaltens- und Denkformen zu denken, aus denen sich das Universum kulturellen Handelns zusammensetzt. Und diese Formvarianten sind eben nicht die jeweiligen spezifischen Inhalte – ein fähiger Philosoph kann die innere Logik physikalischer Forschung, Theoriebildung, Dispute verstehen, aber zugleich unfähig sein, einen einzigen Tag im Labor erfolgreich zu überstehen. (Gibt eine schöne Anekdote von Cassirers Frau.)

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