Nietzsche-Steinbruch X (Vattimo)

Hochinteressante Bemerkungen vattimos (Vattimo, Gianni, Nihilismus und Postmoderne in der Philosophie, in: Vattimo, Gianni, Das Ende der Moderne, Stuttgart 1990, 178-198)

Vattimo beschreibt, wie Nietzsche 1874 (in „Nutzen und Nachteil“) noch auf übergeschichtliche und äternisierende Kräfte setze, um die historische Krankheit der Moderne zu überwinden (worunter, vereinfacht gesagt, Nietzsche jenes berühmte es-kann-nur-noch-zitiert-werden versteht), habe

„Menschl., Allzumenschl.“ „eine regelrechte Auflösung der Moderne vollzogen, und zwar auf dem Weg der Radikalisierung eben der diese Moderne selbst konstituierenden Tendenzen“ (180).(…) Die Radikalisierung besteht in Folgendem: MAzM geht von dem Vorsatz aus, eine kritik der obersten Wrte der natur durchzuführen, und zwar – diesseits jeglicher Sublimation – auf dem Wege einer „chemischen“ Reduktion (vgl. Aph 1) dieser Werte auf die sie konstituierenden Elemente. Dieses Programm einer chemischen Analyse führt jedoch, wenn man es bis ins letzte durchführt, zu der Entdeckung, daß die Wahrheit, in deren Namen die chemische Analyse sich legitimierte, selbst ein Wert ist, der sich auflöst. (181) (…) Gott „stirbt“, getötet von er religiosität, von dem Willen zur Wahrheit, den seine Gläubigen immer gepflegt haben und der sie jetzt dazu führt, auch ihn als Irrtum zu erkennen. (…) genau mit dieser nihilistischen Schlußfolgerung läßt man Nietzsche zufolge die Moderne hinter sich.

Erst hiermit gelte: Reduktion des Seins auf das novum in der Moderne – alle Avantgarde, alle politischen Erneuerungsbewegungen erhalte hier ihre Grundlage.

Vattimo zeichnet hier klar das, was ich seit eh als Selbstwiderspruch empfunden habe: Im Namen der Wahrheit die Wahrheit destruieren. Ist es wirklich Seinsvergessenheit, die die Metaphysik konstituiert?

Und, ergänze ich: Selbstvergessenheit, die das Subjekt erfordere? Hätte ich Zeit, ich würde eine Rehabilitierung des Subjekts ausformulieren, eben gerade weil das Subjekt (wie Heidegger in seinem widerwärtigen Kurzgutachten klar sieht!) völlig absieht von „volkhaften Überlieferungen“ und in der Tat den Menschen „aufgelöst in ein freischwebendes Bewusstsein überhaupt und dieses schließlich verdünnt zu einer allgemein logischen Weltvernunft“. Der Kahlschlag, den der Subjektbegriff indeed herbeiführt – er muss doch begrüßt werden, ich habe ihn immer als Offenheit empfunden, nie als „kalt-abstrakt“. Vergl davoser Diskussion Cassirer/Heidegger. Wird Zeit, Cassirer zu rehabilitieren. Sein theoretischer Ansatz in meinen Augen in nichts weniger innovativ als der Heideggers.

Verteidigung des Subjekts gegen Anwürfe a la „leblos abstrakt kalt“ aber noch aus anderen Gründen wichtig: „Es fehlt die schlichte Kraft der wärmenden Liebe“ schwadronierte ein daheimgebliebener Kulturredakteur kurz nach 45 kritisch über Thomas Manns Dr. Faustus. Und im Gespräch mit Gaus verwahrte Hannah Arendt sich gegen den Vorwurf der Sterilität. Es ging um ihren großartigen Brief an Sholem, um ihre dortigen jahrhundertsätze: „ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv ‚geliebt‘, weder das deutsche noch das französische, noch das amerikanische, noch die Arbeiterklasse oder was es sonst noch so gibt. Ich liebe in der tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig ungfähig“ (Sholem hatte ihr vorgeworfen, es gebräche ihr an Liebe, an innerer Verbindung zum jüdischen Volk) Für mich die tiefste Absage an Heidegger, die Arendt je geschrieben hat; einfach großartig. Und eine massive Kritik am Zionismus als Ideologie. (Nicht an Israel, nicht an den Menschen, die in Israel lebten und leben. das verwechseln völkische ideologen gerne. Und natürlich ist der Zionismus eine völkische Ideologie resp dazu verkommen.)

Was Vattimo über das novum schreibt, ist natürlich relevant. Tatsächlich hat es nach Wagner ’nur‘ noch Avantgarden gegeben, geben können; und seit Dada ist das Thema stilistisch natürlich durch; mehr als Lautgedichte, ready mades, auf die Bühne scheißen, Happening geht nicht. Bereits konkrete Poesie, bereits Fluxus waren epigonal (was ihnen nicht vorzuwerfen ist). Und auch hier: Die vorderhand desaströse Situation darf gerne auch als Befreiung erlebt werden. Nietzsche hat sich bekanntlich noch vehement gegen Stil-Anarchismus ausgesprochen; sein Plädoyer für Geschlossenheit des Stils ist ein Protest gegen die Postmoderne, die er frühzeitig und treffend diagnostiziert hat. Nietzsche bewusster Antimoderner.

nebenbei: das Drei-Phasen-Modell zur vorgeblichen Entwicklung Nietzsches (Wagnerianer/Positivismus/Zarathustra) sehe ich nicht.

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