Ulvi Kulac – edit

Der „Fall“ Ulvi Kulac aka Peggy Knobloch ist längst ein veritabler Polizeiskandal. Die „Beweise“ von Amateurermittlern beeindrucken mich dabei weniger – ganz interessant (Fahrtenschreiber), aber wer will daraus nach 11 Jahren noch etwas folgern? Jedoch die Ermittlungsfehler sind lehrbuchreif! Ein ganzes Seminar „klassische Ermittlungsfehler“ könnte man anhand dieses einen Falles geben. Um zynisch zu werden: Harry Wörz läßt grüßen. Deprimierend!

Erfolgsdruck, der von oben nach unten durchgereicht wird und die Ermittler zwingt, irgend etwas vorzuweisen, irgend einen „Erfolg“, egal, wie zweifelhaft der ist. Ein „Geständnis“ nach stundenlangem Bedrängen/Weichklopfen, obwohl es für einen Tatverdacht gar keinen Grundlage gab – so lag ein lückenloses Alibi des Beschuldigten vor. Im Zweifelsfall wurden im Verhör sogar rechtswidrige Mittel verwandt (in Deutschland darf man keinen falschen Vorhalt machen – also etwa „wir haben Blut auf Ihrem T-Shirt gefunden“, wenn da gar kein Blut war). Dazu hatte man es hier mit einem geistig Retardierten zu tun, der gar nicht in der Lage war, die Folgen abzuschätzen – wer denkt nicht an Bruno Lüdke! Der V-Mann, den man vorher präparierte, vorher überhaupt erst mit den Informationen anfütterte, die er dann lieferte (siehe Ferbach/Brühne) durfte hier natürlich auch nicht fehlen… Nachdem sich das Ermittlerteam einmal auf ein Tatszenario festgelegt hatte, wurden Entlastungszeugen massiv bedrängt. Leiter der zweiten Ermittlungsgruppe – nachdem die erste wg Erfolglosigkeit abgelöst worden war – wurde Wolfgang Geier. Das Ganze ist so langsam nicht zu glauben… Man verbeißt sich, innerlich zuzementiert, in einen Ermittlungsansatz und läßt andere einfach nicht mehr zu: Weil, so schließt er messerscharf,/nicht sein kann was nicht sein darf. Wie Alice Schwarzer bei Kachelmann.

Übrigens: Das öffentliche Onanieren Ulvi Kulacs vor Kindern kann man unfein nennen; gefährlich für Kinder ist solcherart Treiben mitnichten (auch für ihre Psyche nicht, wenn die Eltern nicht gerade hysterisch reagieren – was sie in der Stephanie-Guttenberg-Atmosphäre aber leider tun). Gerade Exhibitionisten sind überwiegend ungefährlich; Exhibitionismus korreliert eben nicht mit sexuell motivierter Gewalt (es sei, man definiere die Entblößung selber als Gewaltakt, dann korreliert er natürlich mit 1). Mordermittler, denen diese elementare Tatsache der Sexualpathologie nicht bekannt ist, haben im Zweifelsfall einfach ihren Beruf verfehlt. Dass Ulvi Kulac (psychisch ist er ca 9 Jahre alt und somit sowieso schuldunfähig) als Exhibitionist agierte, belegt also gar nichts, hätte ihn auch nicht verdächtig machen dürfen. Übrigens, ganz grundsätzlich: Eine hohe Zahl an „sexuellem Mißbrauch von Kindern“ (die Rutschkysche Frage, was denn dann sexueller Gebrauch von Kindern wäre, habe ich jetzt häufig genug gestellt) ist dem Exhibitionismus geschuldet; desgleichen die vorgebliche „Dunkelziffer“. Pathologisch ist hier m.E. eher die Hysterie der Erwachsenen…

edit: Respekt, Respekt, RA Michael Euler! (Das sind Sie doch, oder?)

edit 2: wenn die (auch mir unglaublich/unglaubwürdig resp zumindest sehr sehr schräg erscheinende) Story mit der Kinderleiche 3 Tage nach Peggys Verschwinden zutrifft, die zunächst vorgeblich aufgefunden worden sein soll, dann aber verschwunden war, als der Zeuge die Ermittler zur Fundstelle führte, muss von einer (Mit)Täterschaft innerhalb der Ermittler ausgegangen werden.

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Kommentare

  • summacumlaude  On August 30, 2012 at 13:07

    Och, die Hobbyermittlerin mit dem Fahrtenschreiber imponiert mir dann doch, das finde ich ziemlich cool. RA Euler ist natürlich eine Wucht. Überhaupt imponieren mir Menschen, die gerade dann, wenn alle sich einig scheinen, einfach mal sagen: Moment mal! Hier stimmt doch was nicht.

    Mir fällt anhand solcher Fälle zuletzt noch ein, dass ich die Brüchigkeit des Wirklichen hieran viel deutlicher wahrnehme, als in den wildesten erkenntnistheoretisch-philosophischen Spekulationen. Neben den Schwierigkeiten beim Erkennen der Wahrheit gibt es offenkundig auch die Schwierigkeiten beim Erkennen der Manipulationen. Gibt es wahrheiten jenseits des Manipulierens?

    • hf99  On August 30, 2012 at 22:24

      „Och, die Hobbyermittlerin mit dem Fahrtenschreiber imponiert mir dann doch, das finde ich ziemlich cool. “ Na gut, ich gebe mich geschlagen. Klar ist es Klasse, dass sie sich derart für ihn einsetzt. Und wenn es genau dieser Punkt ist, der die Wiederaufnahme ermöglichen wird: Prima!

      Ich finde nur: Es hätte schon damals eben nie so weit kommen dürfen! Es ist ein Skandal, dass er überhaupt in so eine Verhörsituation gedrängt wurde…er war nie wirklich verdächtig! Streng genommen ist der Schuldspruch auf dieser Grundlage fast noch skandalöser als damals bei Harry Wörz. Das mit dem Fahrtenschreiber beeindruckt mich weniger als dies: Dass sein Alibi (was SoKo 1 ja auch öffentlich vor Fernsehkameras einräumte!!!) lückenlos ist, er es also nicht gewesen sein KANN, EGAL, was der Fahrtenschreiber ergibt…

  • hawo  On September 1, 2012 at 00:14

    Hmmm, ich befasse mich schon länger mit dem Fall. Die Doku war sehr einseitig geprägt.
    Zuerst: das lückenlose Alibi ist so lückenlos und wasserdicht wie ein ostfriesisches Fischernetz. Stimmte die Uhr des Fahrtenschreibers? Fehlt bei der Stellungnahme des Sachverständigen. Wer genau hinsieht, erkennt einen Schnitt im Gespräch. Gab es Zeugen für 10 Minuten Verspätung des Busses? Nein. Hat Zeuge T. auf die Uhr geschaut, als Ulvi bei ihm zum Holzmachen ankam? Nein. Er hat die Zeit geschätzt. Es kann also sein, dass der Bus 13:10 in Lichtenberg war; Ulvi aber erst 13:55 bei T.
    Und: gelöscht auf Antrag, hf

    • hf99  On September 1, 2012 at 07:59

      Ich sagte ja bereits, dass mich fahrtenschreiber etc gar nicht so sehr beeindrucken. Aber Verhör unter falschem Vorhalt, stundenlanges Weichklopfen eines Kindes (ich habe mich mit dem Phänomen des falschen Geständnisses befasst) etcetc, und zufällig war das Tonband hinüber, das beeindruckt mich denn doch. Dass sein Alibi da war, räumte die erste SoKo vor laufenden Kameras ein. Und die wurde dann geechst, die zweite sollte dann „Erfolge“ bringen…

      Zu sexuellen Übergriffen: Noch einmal (bitte selber googlen): Exhibitionismus korreliert nicht mit sexuell motivierter Gewalt. Vor Kindern wichsen ist nicht fein, aber ungefährlich. Nur Laien sehen dann da sofort Bezüge (typisch für „guilt by asssociation“, für falsche Schlüsse) a la „Na, dann muss der ja auch DAS getan haben…“ Mit dem Wortg „Gebrauch“ spiele ich auf Katharina Rutschky an, die einmal sagte, der Ausdruck „sexueller Mißbrauch“ sei frivol, sie möchte gerne wissen, was dann ein „sexueller GEbrauch“ sei…

      Zum ersten Verteidiger: Wäre nicht das erste mal, dass ein Verteidiger falsch gelegen hat, oder?

  • summacumlaude  On September 2, 2012 at 07:02

    Welche „Übergriffe“ hat Ulvi denn gestanden? Den Exhibitionismus? Oder waren da auch tatsächliche, körperliche Annäherungen, Straftaten? Als mehrfacher Vater mit Kindern auf einer Schule, die immer wieder von einem „schwarzen Mann“ heimgesucht wird, kenne ich die Reaktionsformen sonst so gesitteter Bürger ziemlich genau. Mein Sohn hört nun fast täglich ein Kind um Hilfe schreien. Wenn wir das nicht richtig einordnen würden, wäre jeder hier in unserer Gegend der „schwarze Mann“. Und ich weiß: Andere sind da nicht so umsichtig. Auch ich selbst (sic!) wurde schon auf dem Schulflur gefragt, was ich hier wohl treibe….ich hatte eine dunkle Jacke an (aha!) und eine Haribotüte in der Seitentasche (verdächtig!).

    Wenn Ulvi tatsächlicht der Täter ist, wo ist dann die Leiche? Oder weiß er gerade das auf einmal nicht mehr? Wo er alles andere doch so genau schildern konnte.

    Was ist mit den Aussagen der Jugendlichen (roter Mercedes)? Wurden die wirklich zurückgezogen oder wurde lediglich die Akte manipuliert?

    Der V-Mann ist dann ja die Krone.

    Also, da stimmt doch einiges nicht…..

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