Nietzsche-Steinbruch VI

Die Preisgabe des principium individuationis, welches uns eine Klarheit vorgaukelt, die uns ins Unglück stürzt – also: Die Preisgabe aller Welt und aller Individuen in ihr, der Sturz ins Vergessen, kein Subjekt und also kein Objekt mehr – das war Schopenhauers Therapie. Demgegenüber Nietzsche: dionysische Räusche gedeutet als großes Versöhnungsfest, Schopenhauers Verneinung setzt er bekanntlich das große Ja entgegen. Soweit, so bekannt. Eine mögliche Deutung: beide seien letztlich Naturalisten, reduzieren alles auf Körperlichkeit, und da ist es denn doch interessant, dass Nietzsche mit Hilfe des Konstrukts vom „griechischen Menschen“ kaum weniger körperfeindlich agiert denn Schopenhauer. Denn nicht dionysische Räusche sind ihm heilig – plumpe Räusche auf dem Bärenfell beeindrucken ihn nicht – sondern stilistisch gehegte…

Nebenbei: Nichts ist dümmer, als mit Hilfe des (philologisch natürlich zutreffenden) Hinweises auf die massiven editorischen Unzulänglichkeiten von „Der Wille zur macht“ und „Die Unschuld des Werdens“ Nietzsche überhaupt entfaschisieren zu wollen. Trotz aller Unzulänglichkeiten der Editionen – nirgends haben Gast, Förster-Nietzsche oder Baeumler aus p non-p gemacht. Mit Textkritik hatte dieser philologische Schrott selbstredend nicht das Geringste zu tun, so machte Peter Gast aus einem Nietzsche, der von sich selbst in der 3ten Person sprach, ein „ich“… aber tatsächlich lassen sich die editierten Passagen so oder so ähnlich im Nachlaß finden. Das hat Nietzsche schon so gesagt und auch so gemeint. Übrigens: Nicht im Nachlaß, in den veröffentlichten, von ihm legitimierten Werken fordert Nietzsche die Ausrottung des Minderwertigen (Ihr googelt selber?). Und man komme mir nicht damit, Nietzsche habe das aber metaphorisch undsoweiter…im Gegensatz zu den dümmlichen wilhelminischen Bildungsspießern, die das wörtlich, habe Nietzsche doch…hier ist an Hannah Arendt zu verweisen, die einmal ganz herrlich in Umkehrung eines alten, dummen lateinischen Satzes notierte, dass, was dem Ochs erlaubt sei, der Jupiter noch lange nicht dürfe… Bei aller Kritik am schlimmen Gebahren Förster-Nietzsches und ihres begleitenden Personals – man kann, man darf die fürchterlichen Sätze Nietzsches nicht bei ihr deponieren, nicht bei ihr entsorgen. Zumindest die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ („Wohin bringt ihr uns?“) hat Nietzsche völlig unstreitig ideologisch mit inauguriert, mit allen bekannten Folgen.

Und mich zwingt diese Einsicht zu der Frage, ob das mit de Man, Heidegger und Benn usf wirklich Zufälle waren… (Arendts Kritik am Literatentum – denen fiel zu Hitler etwas ein…)

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Kommentare

  • summacumlaude  On August 25, 2012 at 07:07

    Nein, das waren natürlich keine „Zufälle“. Bei Benn spielte neben der antizivilisatorischen Geste auch ganz klar ein handfestes Karriereinteresse eine Rolle. Man konnte auf der völkischen Schiene zum einen mal endlich mit „dabei“ sein, zum anderen an Konkurenten im Sauseschritt vorbeirauschen.

    Neben den Karrieregründen aber entscheidend: Karl May Romantik! Gegen die lähmende, zähmende, langweilig regelnde Zivilisation das Abenteuer gesetzt. Der Rausch der Vernichtung (siehe auch: „General“). Die Schatzsuche (wo war der Urarier? Himalaya?). Das erlaubte Saurauslassen! Der Glaube an „große Zeiten“. Der abenteuernde Idealismus. Diese pupertäre Grundhaltung
    – begründet mit Nietzsche! – gepaart mit handfester, völkischer Ideologie ergab den großen Knall.

    (Dazu passt eine Rommel-Anekdote aus dem „Westfeldzug“: Mit seinem Adjudanten sich anschleichend fuhr Rommel diesen an, als der aus Versehen auf einen trockenen Zweig trat: „Haben Sie nicht Karl May gelesen? Leise anschleichen!“ Old Rommel)

  • hf99  On August 25, 2012 at 15:09

    Im „General“ und im „Monolog“ stellt er dann die Diagnose – er wusste da schon genau, auf was er sich eingelassen hat. vergl übrigens auch http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Benn

  • ziggev  On August 26, 2012 at 01:06

    ich war eh schon immer der Ansicht, dass Nietzsche in seiner Jugend wahrscheinlich einfach zuviele Groschenromane und mit Sicherheit zuviel Karl May gelesen hat.

    • ziggev  On August 26, 2012 at 03:04

      oh, je, jetzt hier ´n ziggevscher nicht beabsichtiger pingback-overkill, kannst Du das nicht am Besten weglöschen? – sorry!

      • hf99  On August 26, 2012 at 13:30

        ach, das werden die Leutz schon richtig verstehen. mach Dir da keine Sorgen. „Pingback-Overkill“ kannte ich noch nicht; allein das ist es Wert…

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