Nietzsche.Steinbruch.Nachmoderne.heute

Lektüre: Nietzsche, Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, in der von Manfred Riedel herausgegebenen und mit einem Nachwort versehenen Reclam-Ausgabe Stuttgart 1994, 227 Seiten. Nicht nur mit den Vorlesungsmanuskripten zu Empedokles, Leukipp und Demokrit, den Pythagoreern und Sokrates, sondern mit reichhaltigen Auszügen aus dem Nachlaß 1872-73; m.E. eine sehr gute Ausgabe. Nach ihr zitiere ich auch.

Bis auf die ersten, bekannten Passagen („Es giebt Gegner der Philosophie, und man thut wohl auf sie zu hören“) über Philosophie, Krankheit, Gesundheit, kannte ich den Text bisher nicht („Lesen ist Pflicht“ lernte ich…). Eine wichtige Ergänzung zur Geburt der Tragödie. Im Kern geht es Nietzsche darum, zu zeigen, dass sich, wie in der Tragödie, so auch in der griechischen Philosophie die Welt ausdrückt. Es ginge auch ihr, wie der Kunst, letztlich um „Erlösung“ (127). Allerdings gilt dies nur für die Philosophie vor Plato, in der die Philosophen noch als Original, als Paradigma auftreten (123). Plato gilt ihm dann allen Ernstes als der erste Epigone; mit Plato und dessen Zersplitterung, dessen Zitaten, dessen Aneignungen verschiedener Originale beginnt sozusagen das, was in der Moderne endet. Plato der erste (Post?Post!)moderne – das ist immerhin originell.

Für Nietzsche sind die Griechen des tragischen Zeitalters paradigmatisch „gesund“, von einer „einheitlichen Kultur“ (13) und ohne jene Verwirrtheit, die dem modernen Philosophen eigne in seinem „Zwiespalt des Wunsches nach Freiheit Schönheit Größe des Lebens“ (12). Nur eine Kultur wie die griechische könne die Philosophie letztlich rechtfertigen. Gäbe es keine „stählerne Notwendigkeit“ (sic!), mit der die Philosophie an eine einheitliche Kultur wie die griechische „(ge)fessel(t)“ (abermals sic!) sei, so mutiere der Philosoph von einem Hauptgestirn im Sonnensystem der Kultur zu einem unberechenbaren und darum Schrecken einflössenden Kometen (12-13 passim).

Interessante Passagen. Sie lassen mich ein weiteres Mal fragen, wo Nietzsche stand: Wirklich auf Seiten von Kontingenz und Nicht-Identität, also auf Seiten jener Spät- oder Nach-Moderne, die er doch kritisiert?

Sicher, die Warnung Montinaris muss immer im Hinterkopf haben, wer sich über Nietzsche äußert.

Dennoch glaube ich, dass wir aus Nietzsches Werk insgesamt eher eine antimoderne Haltung ablesen können. Kein freudiges Bejahen von „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ (wie Rortys großartiges Buch heißt) lese ich da, sondern regelrechte Verachtung der Moderne, die mit dem reinen Griechentum kontrastiert und als Degeneration gedeutet wird. Eine klägliche Sucht nach neuer Reinheit – und diese sog. Reinheit ist durchaus auch sexuell zu sehen. Es findet sich immer wieder bei ihm.

Es sei erinnert, dass sich Nietzsche schon in der „Geburt der Tragödie“ die Überwindung der “lüsternen“ sokratischen Reflektionskultur, also des Nihilismus, erhofft hat – und zwar bekanntlich auf ganz absurde Art und Weise: Nämlich mithilfe des „dionysischen Grunds des deutschen Geistes“, gemneint war die deutsche Musik. Nietzsches Griechenland-Projektionen unterscheiden sich nur wenig von denen Winkelmanns, Goethes, Schillers oder Hölderlins (auch, wenn Nietzsche sich eher im vor-klassischen Griechenland spiegelt). Auch die deutsche Philosophie, namentlich Kant und Schopenhauer, hätten durch ihre „unendlich tiefere und ernstere Betrachtung“ die „zufriedene Daseinslust der Sokratik (…) vernichtet“ (sic!) Durch das deutsche Wesen werde Griechenlands Reinheit wiedergewonnen werden…verrückt, verrückt. Wäre ich Frau (wär ich manchmal wirklich gerne gewesen; who cares!), also Feministin, würde ich sagen: Typische Männerfantasien.

Nietzsches Grundtenor – wider degenerierende Reflexion, pro Dionysos – hinterlässt mich kopschüttelnd, hat mich immer kopfschüttelnd hinterlassen trotz aller Faszination. Ich bewundere ihn, aber ich habe in seiner Gegenwart immer auch „gefremdelt“; vor allem wg seiner verbalen Gewaltexzesse, die man nicht kleinreden sollte. (Nochmals besten Dank an Taureck für sein Buch über Nietzsche als Protofaschisten! taureck bestreitet Nietzsches Verdienste mit keinem Wort, aber er sieht auch, was so offenkundig ist; etwa, wenn Nietzsche wortwörtlich über das „Ausrotten“ schwadroniert.) Ästhetizismus, wem Ästhetizismus gebührt, also der Kunst und den Künstlerinnen und Künstlern…aber ansonsten ziehe man sich anständig an und benehme sich gesittet. Nietzsches absurde Griechenland-Projektionen sind für sich um keinen Deut besser als das Gelalle durchschnittlicher wilhelminischer Bildungsspießer. Was ihn zu einem Jahrhundertereignis macht: dass er – ungewollt??? – der Gegenposition, der Moderne und der Nach-Moderne so beredt Ausdruck verlieh. Und sei es, weil er als ihr Kritiker sie noch genauer kannte als sie sich selbst.

Die berühmte – und selber unfassbar schöne – Passage aus der fröhlichen Wissenschaft kommt mir immer in den Sinn: „Eins ist Noth – seinem Charakter ‚Stil geben‘ – eine grosse und seltene Kunst.“ etcetc (FW, Passage 290) Das Leben als Kunst… Selbst die Schwäche soll das Auge entzücken. Auch dort: Eine deutlich Anti-postmoderne Haltung, gegen die Ungebundenheit, die der Moderne eignet. Für Haltung, für Zucht und Selbstzucht… Mir ist es unbegreiflich, wie man all diese deutlich anti-postmodernen Ansätze Nietzsches jahrzehntelang hat überlesen können. Oder hat man sie gar nicht überlesen, sondern ausgelebt? Siehe etwa Botho Strauss, Karl-Heinz Bohrer und Anverwandte, die ihren Rechtsnietzscheanismus unverholen ausgelebt haben?

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Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen (nicht vollständig)
Die Geburt der Tragödie oder Griechentum und Pessimismus
Die fröhliche Wissenschaft

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