Mill, On liberty

Lektüre: John Stuart Mill, Über die Freiheit. Ein Gründungstext, ein Jahrtausendtext, eine der Texte, die mich am stärksten geprägt haben. Und vor allem ist er, was kaum gesehen wird, unglaublich subersiv!

„Though society is not founded on a contract, and though no good purpose is answered by inventing a contract in order to deduce social obligations from it, every one who receives the protection of society owes a return for the benefit, and the fact of living in society renders it indispensable that each should be bound to observe a certain line of conduct towards the rest. This conduct consists first, in not injuring the interests of one another; or rather certain interests, which, either by express legal provision or by tacit understanding, ought to be considered as rights; and secondly, in each person’s bearing his share (to be fixed on some equitable principle) of the labours and sacrifices incurred for defending the society or its members from injury and molestation. These conditions society is justified in enforcing at all costs to those who endeavour to withhold fulfilment. Nor is this all that society may do. The acts of an individual may be hurtful to others, or wanting in due consideration for their welfare, without going the length of violating any of their constituted rights. The offender may then be justly punished by opinion, though not by law. As soon as any part of a person’s conduct affects prejudicially the interests of others, society has jurisdiction over it, and the question whether the general welfare will or will not be promoted by interfering with it, becomes open to discussion. But there is no room for entertaining any such question when a person’s conduct affects the interests of no persons besides himself, or needs not affect them unless they like (all the persons concerned being of full age, and the ordinary amount of understanding). In all such cases there should be perfect freedom, legal and social, to do the action and stand the consequences.“

Das ist schlicht wunderbar. Und ein gutes Gegengift gegen alle Diskurs-Unteroffiziere. Einfach und aktuell gesagt: Ich darf nicht morden, nicht stehlen, nicht erniedrigen – aber ich darf mich der schwarz-rot-goldenen Fussball-Besoffenheit verweigern, und zwar grundlos, ich muss mein „Nein“ zu schwarz-rot-blöd nicht rechtfertigen. Nebenbei: Wenn ich mir den aggressiven Tonfall anhöre, in dem man derzeit den „neuen“, selbstverständlich toleranten und offenen schwarz-rot-goldene Fussball-Patriotismus einfordert, wird mir ganz anders. Mit Mills Verständnis von Freiheit hat diese Aggressivität wenig zu tun.

In meinen Augen ist Mills libertärer Ansatz zusammen mit dem fast zeitgleich erschienen kommunistischen Manifest – und nur scheinbar im Widerspruch zu ihm, wenn wir an Marxens Reich der Freiheit denken – auch politisch eine der klarsichtigsten Texte, die ich kenne. Nur in einer libertär organisierten (also möglichst eben nicht organisierten) Gesellschaft gibt es Luft, um auch politisch zu atmen. Dass zwischen sozialer Verantwortung und libertärer Grundhaltung – übrigens von beiden Seiten – tiefe Widersprüche konstruiert wurden und noch werden, gehört in meinen Augen zu den fatalsten Irrtümern der Menschheit. Nicht das Einklagen sozialer Rechte widerspricht der libertären Grundeinsicht – sondern jener unbekömmliche Kommunitarismus, der Menschen innerlich auf Mehrheitsvordermann bringen will. Chomsky hat sich bewusst als libertarian socialist bezeichnet, will das Wort libertär gegen die Chicago-Boys rehabilitieren, und das trifft es ziemlich gut, wie ich finde. Die ganze Verkommenheit des real existierendes Sozialismus hat sich ja vor allem auch darin gezeigt, dass diejenigen, die ihm unterworfen waren, selbst anläßlich vollkommen harmloser Vorgänge diszipliniert wurden. Einmal am falschen Ort zur falschen Zeit was „falsches“ gesagt – Eintrag in die Kaderakte, lebenslang. Gessler-Hüte nicht grüßen, den nackten Kaiser nackt nennen, das ist antiautoritär, das ist subversiv, und also immer richtig.

Moralphilosophisch interessant, dass Mill kontraktualistischen Begründungsverfahren ausdrücklich eine Absage erteilt. Nicht ein (ohnedies immer fiktiver) abstrakter Kontrakt begründet eine abstrakte Moral, sondern die konkret vorliegende Moral ist die Folge konkreter menschlicher Auseinandersetzungen und menschlichen Verkehrs; ein Gedanke, den vor ihm schon Hume geäußert hat. In konkreten Auseinandersetzungen mit anderen erfahren wir, dass es nützlicher und auch angenehmer ist, sich moralisch zu verhalten. Damit verzichten Hume und Mill bewusst auf so etwas wie eine „Letztbegründung“ von Moral, weisen metaphysische und also auch religiöse Grundlagen als positive Folien ebenso zurück wie die negative Folie vom (gleichsam negativ-idealistisch konstruierten) Hobbesschem Krieg aller gegen alle. Genau deswegen hat die philosophische Tradition gerade in Deutschland ihnen lange Zeit wenig philosophischen Kredit eingeräumt – bis Tugendhat diesen Ansatz eindrucksvoll rehabilitiert hat.

Ich übe, was diese Frage betrifft, dennoch ganz feige ein bißchen epoché. Der Hume/Millsche Ansatz ist sympathisch, er ist konsistent, und er reicht weit… Ich will jedoch gestehen, dass mir Kants Eröffnung, allein die Idee der Freiheit mache mich zu einem Mitglied der intelligiblen Welt, woraus der kategorische Imperativ als synthetisch a priorischer Satz folge, noch etwas kühner, zerbrechlicher, schöner scheint. Kant und Schiller irren natürlich. Aber es wäre zu schön, wenn sie Recht gehabt hätten.

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Kommentare

  • MelusineB  On Juni 28, 2012 at 06:57

    Auch ich habe im letzten Jahr viel Mill gelesen. (Zur „Hörigkeit der Frau“ habe ich eine ganze Serie geschrieben, wenn auch nicht in Form eines „philosophischen Essays“, sondern in kreisenden Suchbewegungen der Überschreibung 😉 ) Schön, dass Du ihn hier gegen die Verachtung rehabilitierst, die Mills Schriften – trotz Tugendhat (den ich -noch -nicht gelesen habe) offenbar – häufig aus deutschen „linksintellektuellen“ Kreisen entgegen gebracht wird.

    „Anthropologie statt Metaphysik“ setze ich auf jeden Fall auf meine immer länger werdende Liste noch zu lesender Bücher – und rücke es weit vorne ein.

    • hf99  On Juni 28, 2012 at 14:13

      Ja, danke. Die tiefen Missverständnisse hier sind Jahrhunderte alt (vergl Hegel über Hume – „was nun freilich nicht viel ist“). Wollte, nachdem es bei Dir drüben wg Jörg Fauser zu einer wilden Debatte kam, hierzu sowieso noch mal etwas schreiben; mal sehen, vielleicht schaff ich das.

  • ziggev  On Juni 28, 2012 at 17:22

    was wollt ihr ? Mill steht in Sachen Kausaltheorien (induktive Logik) – unbestritten – immer noch ganz oben an !!!

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