Prozess gegen Verena Becker (vor – zurück! vor – zurück!)

Dieser alles in allem informative Film dürfte noch wenige Tage in der 3sat-Mediathek verfügbar sein: Guckbefehl ist hiermit erteilt. Steinkes (BKA) Ausführungen erlaube ich mir göttlich zu finden (wäre ich gläubig, müsste man mir jetzt Blasphemie attestieren). Dass die Schützin eine Frau gewesen sei, eine solche Zeugenaussage soll irrelevant sein, weil die Zeugen Name und Anschrift der Frau nicht präsentiert haben? Das kann er so nicht gesagt haben. Das glaube ich einfach nicht. Und dennoch: Er sagt es. Ist dieser Kriminalist noch ganz beisammen? Zeugenaussagen, inzwischen gehen sie wohl ins Dutzend, die dartun, dass als Tatverdächtiger eine Frau in Frage kommt, seien nicht relevant? Welches Kriminalistik-Lehrbuch hat er im Schrank stehen? Wenig später wird er unverschämt: Wer Siegfried Buback erschossen habe, sei letztlich egal, er verstehe gar nicht, warum Michael Buback das wissen wolle…

Im übrigen hat Peter-Jürgen Boock hier und im Prozess, wenn auch durch die Blume, die direkt Tatbeteiligten benannt: Sonnenberg fuhr, Becker schoß. Denn in der RAF, so Boock, wurden die Aufgaben nach Können verteilt. Es war ein Motorrad erforderlich; Sonnenberg verfügte über die beste Motorradkompetenz, Becker über die zweitbeste…

Was mich an diesem Fall regelrecht auch außerpolitisch, was mich menschlich stört: dass Michael Buback zum verbittert-kranken Verschwörungsirren umgelabelt wird. Seine Analysen, seine Beweisketten sind klar. Würde man sie ruhig, sachlich, ohne Polemik widerlegen, wäre er nach meiner Einschätzung der Erste, der das akzeptierte. Aber so ist es ja nicht. Zeugen werden abgewiesen oder für irrelevant erklärt. Akten bleiben gesperrt. Und und und…

Dass es Bezüge zwischen Staatsschutz und Prä-RAF gegeben hat – Stichwort S-Bahn-Peter (Peter Urbach) -, ist unstreitig. Wir reden hier nicht über psychopathologisch zu beschreibende Symptome, sondern über Tatsachen. Dass jeder inhaftierte Terrorist (Verena Becker wurde 1972 zum ersten Mal inhaftiert; Tötung Erwin Beelitz‘, sie ist dafür rechtskräftig verurteilt worden) vom Staatsschutz kontaktiert wurde…unstreitig. Dass agent-provocateur-Strategien seit eh zum Rüstzeug im politischen Kampf gehören – unstreitig. Dass es – Orga Consul, Orga Gehlen etcetc – eine personelle Kontinuität vom Kaiserreich bis heute gab und gibt bei diversen sinistren staatlichen deutschen Diensten – unstreitig. Ein freundschaftlicher Hinweis in Richtung Michael Buback sei allerdings angemerkt: Bei Nils von der Heyde habe ich allerdings so meine Bedenken. Als ich hörte, dass er, der im Brühne-Prozess eine so entscheidende Rolle spielte, jetzt auf einmal sich gleichsam Buback als Zeugen andient, dachte ich sofort an Garrissons „Kronzeugen“…

Wie auch immer: Michael Bubacks Ansatz „schützende Hand“ erscheint mir somit zumindest plausibel. Ich sage nicht, er habe Recht. Aber es wäre möglich. Und es muss ergebnisoffen untersucht werden.

Als, nach Jahren, endlich screenshots vom Zapruder-Film öffentlich wurden, waren bekanntlich zwei Bilder ausgetauscht, und der Kommentator der ersten Sendung im US-TV merkte an „Man sieht, wie der Kopf des Präsidenten erst vor und dann zurückgerissen wird“ (als wenn der Schuss von hinten = Osswald gekommen wäre). In Wahrheit reisst es Kennedy bekanntlich nach hinten (= Schuss von vorn, man siehts auch an den nach hinten spritzenden Hirnteilen = Verschwörung = Schuss vom Grasshügel). „erst vor – dann zurück! erst vor – dann zurück!“ war danach jahrelang die von den kritischen Student/inn/en auf Demos geübte Medienkritik. Garrisson stellte die Tatsachen rund um den Zapruder-Film damals bekanntlich richtig im Prozess gegen Clay Shaw (CIA). Aber wegen des ‚verrrückten‘ Kronzeugen, den man ihm offenbar zugespielt hat, verlor er die Anklage; Shaw wurde freigesprochen.

Mit allem Respekt: Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass man dem guten Michael Buback mit Nils von der Heyde eine Laus in den Pelz gesetzt hat.

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • genova68  On Mai 5, 2012 at 10:21

    Danke für den Hinweis auf den Film. Bemerkenswert ist auch die Information am Ende, wonach entscheidende Akten zum Buback-Mord bis zum Jahr 2041 (kein Zahlendreher) „gesperrt“ bleiben.

    O-Ton:

    Ihre Freigabe gefährde das Wohl des Bundes oder eines deutschen Landes, so erklärten die Behörden.

    Gäbe es ernstzunehmenden kritischen Journalismus, müsste das zwingend ein Thema werden.

    • hf99  On Mai 5, 2012 at 10:28

      Der Qualitätsjournalismus ist derzeit damit befasst, psychiatrische ferndiagnosen über Michael Bubacks geistigen gesundheitszustand zu erstellen – er hat für solche Lappalien keine Zeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: