„Mein Kampf“ wird ‚frei‘

Das Buch solle die Zahl kommerziell ausgerichteter Veröffentlichungen von Hitlers Machwerk eindämmen. Darauf habe sich am Dienstag ein Runder Tisch geeinigt, teilte der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) mit. Ziel sei die Entmystifizierung von „Mein Kampf“, Schüler sollen aufgeklärt werden. Denn Söder fürchtet, der Wegfall der Urheberrechte könnte zu „einer verstärkten Verbreitung bei Jugendlichen führen“.

Ist denn das, was in „Mein Kampf“ steht, so attraktiv, so verführerisch, so gefährlich? Man muss ja den Eindruck haben. Ich habe „Mein Kampf“ gelesen, nicht ganz, aber doch in deutlichen Auszügen. Neben, leider, intuitiv richtigen massenpsychologischen Einsichten und neben, zweitens leider, ebenfalls intuitiv richtigen machtpolitischen Regeln findet man dort absurde geschichtliche Thesen, am schlimmsten die antisemitische vom Judentum, welches als monolithischer Abzockerblock unterwegs sei, neben vielen fast, aber nur fast schon mitleiderregenden Thesen über die nicht existente arische Rasse…

Wenn der unredigierte und unkommentierte Text im Jahre des Christenherrn 2012 so gefährlich ist, wie Söder andeutet, so ist das Gericht über die Menschheit gesprochen. Dann sind wir tatsächlich (hat Kafka das wirklich so gesagt, oder ists eine Janouch-Fantasie?) ein schlechter Tag Gottes! Wenn jemand, der Millionen von Menschen hat ermorden lassen, wenige Jahrzehnte später ideologisch rehabilitierbar ist, dann sind wir am Ende. Dann kann man „Mein Kampf“ auch unkommentiert veröffentlichen. Wer das liest, ohne die Hände fassungslos überm Kopf zusammen zu schlagen, dem ist beim besten Willen nicht mehr zu helfen.

Ich bin für eine komplette und komplett unkommentierte Ausgabe. Ggfls sogar kostenlos. Sollten wir am Ende sein, fertig haben, wüsste ichs lieber gleich.

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Kommentare

  • altautonomer  On April 25, 2012 at 08:05

    Exakt zum Thema „Strengstets erlaubt!“ hat „konkret“ bereits im Juli 2008 etwas veröffentlicht:

    http://www.konkret-magazin.de/kvv/txt.php?text=strengstenserlaubt&jahr=2008&mon=07

  • summacumlaude  On April 25, 2012 at 12:01

    Walter Jens plädierte bereits 1980 aus Anlaß der ersten Holocaust-Ausstrahlung im deutschen Fernsehen für eine Publikation – damals noch für eine kommentierte Ausgabe. Seine pädagogische Intention erinnere ich noch genau: Hier könne man alles genau nachlesen. Wie man zu einer Ideologie kommt und dann zu solch einer.

    Hartmuts Argumentation ist alerdings unschlagbar: Die behauptete, vorurteilsfreie und antitotalitäre Nach-Wende-Demokratie (siehe auch das Fräuleinwunder in Bersarins Bild-Diskussion) kann ihre Befähigung genau hier beweisen. Oder hat da etwa jemand Angst, lebte er/sie nun in Zwickau oder sonstwo?
    Na!

    – Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

    -Niemand!

    -Und wenn er kommt?

    -Dann jubeln wir…

  • Bersarin  On April 25, 2012 at 22:22

    Selbst wenn es Kafka so nicht gesagt haben sollte: Wir SIND ein schlechter Tag Gottes. In jedem Falle.

    Ansonsten: so ist es, das Verbot von „Mein Kampf“, „Triumph des Willens“ et al. ist dem großen Hirnriß geschuldet. Paternalistische Pädagogik eben.

  • chriwi  On Mai 2, 2012 at 19:31

    Der Punkt ist, jeder der das Buch lesen möchte kann es tun. Wenn er bereits ideologisch verblendet ist, dann findet er darin neuen Nährstoff. Ist er es nicht, wird er sicherlich nicht durch dieses Buch beeinflusst.

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