Ein entsetzlich schlechtes Gedicht verteidigen…

Auch ein Blogger muss sich korrigieren dürfen.

An meiner Bewertung von Grass‘ Gedicht hat sich nichts geändert: Literarisch/poetisch ein Desaster, inhaltlich (obwohl es den Mut hat, das Tabu der israelischen A-Bombe anzusprechen; nur wird die dauernd angesprochen, es gehört also kein Mut dazu und es ist auch kein Tabu mehr, seit Olmert sich verplapperte)…inhaltlich also uninformiert, ohne Gespür für die Mechanismen eines politischen Dauerkonflikts a la Nordirland, Zensuren verteilend, wo keine verteilt werden können, und in seiner Haltung von verschwiemelter Moralität.

Aber wenn ich jetzt höre, mehr oder weniger sogar wortwörtlich, ein ehemaliger SS-Mann wolle wohl seine Vernichtungsfantasien ausagieren (Grass war 17, als er zwangsweise eingezogen wurde; der Mann war Kindersoldat, und jetzt wird so getan, als habe er vier Jahre lang in Auschwitz freiwillig Wache geschoben), wenn ich von „Haß auf die Juden“ höre, vom Hass aufs jüdische Volk gar, wenn der Folterbefürworter* Wolffsohn sich so äußert, wie er sich äußert, vom schmierigen Faschisten, vom schmuddelig-widerlichen völkischen Rassisten Lieberman scheigen wir (der Mann ist Außenminister, das muss man sich mal vorstellen)… dann ist das nicht nur kläglichster Sekundäranalphabetismus (Grass Gedicht ist schlecht, aber ein Haßgedicht ist es nun wirklich nicht), dann wird mir so langsam ganz anders. Da muss man wirklich Angst bekommen. Wer für den Frieden ist, ist also Antisemit, SS-Mann, Judenhasser? Soll ich den Umkehrschluss ausmultiplizieren? Die zum Teil wirklich nur noch psychiatrisch beschreibbaren Reaktionen auf Grass‘ Gedicht zwingen mich regelrecht, ihn denn doch zu verteidigen.

Grass hat nicht nur schlechte Gedichte geschrieben. Er hat auch einige überragende aufzuweisen. Es ist ihm zB gelungen, eine der wenigen verhandelbaren – mehr ist da nicht drin! – Gedichte über Auschwitz zu schreiben, und zwar ist sein Gedicht „Mein Onkel“ deswegen so großartig, weil er, 1963, Auschwitz konsequent aus der Täterperspektive abhandelt. Was eben jene Union, die sich derzeit so verlogen wie wortreich empört über Grassens „Antisemitismus“ gibt, 1963 von solcherart Gedichten hielt, kann man recherchieren, wenn man will, Herr Geschichtsprofessor Dr. Michael Wolffsohn! Aber da müsste man sich ja auch verhalten zu Typen wie Globke, Achenbach und Consorten. Oder zur Frage, wie, um alles in der Welt, Israel trotz Atomwaffensperrvertrag zur Bombe kam…

„Mein Onkel“ verweist auf Mittäterschaft in Grassens Familie (wenn man Literatur denn biographisch lesen mag). Allerdings war das sowieso jeder und jedem Leser/in der Danziger Trilogie klar: Der Kindersoldat Grass, 1944 17 Jahre alt, hat in ihr de facto ja so etwas wie ein Geständnis abgelegt. Hier das Gedicht, formal fast ein Kinderreim.

Mein Onkel

Neun stiegen über den Gartenzaun,
mein Onkel war dabei.
Neun traten nieder den Januarschnee,
mein Onkel im Schnee dabei.
Ein schwarzer Lappen vor jedem Gesicht,
mein Onkel vermummt und dabei.
Neun Fäuste meinten ein zehntes Gesicht,
des Onkels Faust schlug entzwei.
Und als neun Fäuste müde waren,
schlug Onkels Faust noch zu Brei.
Und als alle Zähne gespieen waren,
erstickte Onkel Geschrei.
Und Itzich Itzich Itzich hieß
des Onkels Litanei.
Neun Männer entwichen über den Zaun,
mein Onkel war dabei! (Grass, Günter, Hundejahre, 1963)

_____________________

* O-Ton Wolffsohn: „Wenn wir mit Gentleman-Methoden den Terrorismus bekämpfen wollen, werden wir scheitern. […] Als eines der Mittel gegen Terroristen halte ich Folter oder die Androhung von Folter für legitim.“ Da grausts einen. Da befürwortet jemand zweifellos die Folter. Allerdings habe ich eher Mitleid mit ihm. Seine verzeifelte Identifikation mit dem Aggressor ist offenkundig. Er hat ja sogar für das neue eiserne Kreuz der Bundeswehr plädiert… Dem Juden Prof. Dr. Michael Wolffsohn muss mal jemand verklickern: Die hassen Euch! Derzeit nehmen sie Euch dankbar in Gebrauch, wenn ihr willfahrt, aber in Wahrheit hassen sie Euch, sie können nicht anders. Natürlich kann ich verstehen, wenn sich Wolffsohn, Broder und Biermann mit der Vorsitzenden der Hans-Globke-Partei, der ehemaligen FDJ-Sekretärin für AGitProp an der Humboldt-Uni, Angela Merkel, handgemein machen. Man hat ihnen die Linke (als Bewegung, nicht als Partei) als große Bedrohung fürs Judentum aufgeschwatzt. Wer die Juden wirklich bedroht, kann man problemlos recherchieren. Eher Grassens Onkel als er selbst.

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Kommentare

  • flummi  On April 10, 2012 at 23:17

    Danke Hartmut

    von mir heute nur ein musikalischer Beitrag
    http://gruenegummizelle.blogspot.de/2012/04/democracy-or-democrazy.html

  • hanneswurst  On April 10, 2012 at 23:46

    Inzwischen nervt mich sogar schon das (auch von mir) stets vorgebrachte „Argument“, dass Grass‘ Gedicht literarisch wertlos sei. Vor allem nervt mich, wer das alles (inklusive mir) meint beurteilen zu können. Ich kenne moderne Prosagedichte nur aus dem Lettre International, die Sachen sehen oft so ähnlich aus wie das was Grass vorgelegt hat, eben irgendwie abgehackte Zeilen. Ich wette, dass mindestens die Hälfte der Kritiker ebenso wenig von Prosagedichten versteht wie ich, dennoch reißen alle das Maul auf und beschimpfen feist das Werk eines Nobelpreisträgers.

  • ebversum  On April 11, 2012 at 08:15

    Seh ich auch so. Aber fast hätte man den Glauben ans Standardgetue diesmal verlieren können. Wenn Grass kommt, dann kommt eigentlich auch immer
    Reich-Ranicki
    Hat erschreckend lange gebraucht diesmal.
    Naja, sie werden halt wirklich alt, die Herren Kulturgötter.

  • genova68  On April 11, 2012 at 11:35

    Dass Leute wie Wolffsohn oder Broder unangenehm sind und dass es unangenehm ist, dass die mal wieder auf der Bühne auftauchen, mein Gott, das sollte man ignorieren. Es geht um Grass und um das Gedicht, und wenn man sich das durchliest, was ich gestern erstmalig tat, ist es doch offensichtlich, dass der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Es ist eine Reise zu sich selbst, die er da unternimmt, zu seiner Nazi-Vergangenheit, mit der er nicht klarkommt. Dann wird mal flott Israel der Völkermord an 75 Millionen Iranern vorgeworfen. Erinnert an Hohmann.

    Man sollte den Grass mit seinem Gedicht losgelöst von dummen rechten Deuschen und dummen rechten Juden diskutieren. Es geht da um die deutsche Vergangenheit, der Rest ist aufgesetzt.

    Eine außergewöhnlich hervorragende Texitkritik, die beste, die ich zum Thema kenne, gibt es hier:

    http://exportabel.wordpress.com/2012/04/10/ich-bitte-um-gnade-fur-gunter-grass/

  • gabrielewolff  On April 11, 2012 at 16:46

    Nein, Grass wirft Israel keinen geplanten Völkermord vor – wie ungenau muß man lesen, um das herauszulesen? Und was die Bedrohung durch den Atomstaat Israel angeht, habe ich mir hier:

    http://gabrielewolff.wordpress.com/2012/04/11/grass-gedicht-gefahrdet-die-atommacht-israel-den-frieden-ein-faktencheck/

    Gedanken gemacht.

    • genova68  On April 12, 2012 at 09:50

      Grass redet vom Recht auf den Erstschlag, der das iranische Volk auslöschen könnte. Darf einem da nicht der Begriff Völkermord in den Sinn kommen?

      Ich hoffe, Grabriele und Staatsanwältin a.D., du hast deine Akten früher nicht ähnlich bewusstlos gelesen. Der arme Rechtsstaat.

      • hanneswurst  On April 12, 2012 at 11:23

        Inzwischen bist Du derart verliebt in Deine „Textkritik“, dass Du die Sache um die es eigentlich geht, nämlich eine möglichst vorurteilsfreie Bewertung der Legitimität und der Gefährlichkeit eines Präventivschlags gegen den Iran, komplett aus dem Auge verloren hast. Außerdem ist die Vokabel „Völkermord“ und damit die ganze Holocaust-Assoziation völlig unbedeutend, hat in Hiroshima und Nagasaki ein Völkermord stattgefunden, ein nuklearer Holocaust? Es sollte bei dieser Diskussion nicht nur um ästhetisches und moralisches Wetteifern gehen. Ob Europa einen Präventivschlag gegen Israel durchführt, ist sehr wohl auch von der Position der EU abhängig. Ich meine, dass die Einflussmöglichkeiten größer sind als beim Irakkrieg, da verhallte Schröders Ablehnung, die von einer breiten Bevölkerungsmehrheit getragen wurde. Dass die Diskussion um Israels militärische Drohung derart in Fahrt gekommen ist, ist ganz klar Grass‘ Verdienst. Du bist nur damit beschäftigt, ihm irgendwelche urdeutschen Vergangenheitsbewältigungsprobleme anzudichten und hast die pragmatische Seite der Diskussion ebenso wie ein großer Teil der BRD-Medien komplett aus dem Auge verloren.

        Wenn dann tatsächlich ein Krieg im Iran ausbricht, der vielleicht ähnliche Opferzahlen wie der Irakkrieg fordert, dann – wenn es also zu spät ist – kannst Du Dich mit den anderen verheinzten Kommentatoren hinstellen und sagen, es wäre Dir ja nur um das Gedicht selbst gegangen und um die Vergangenheit des Verfasser – nicht um die Sache, in der Sache warst Du natürlich immer schon GEGEN DIESEN KRIEG. Wenn Du hingegen der Meinung bist, dass ein Präventivschlag Israels sehr wohl gut begründet ist (eine Meinung, die ich persönlich nicht teile, die ich jedoch keinesfalls als „dumm“ bezeichnen würde), dann machst Du eigentlich alles richtig: Du argumentierst nicht in der Sache, Du relativierst (die Gefahren eines Angriffs), Du verklärst die Diskussion durch ästhetische und moralische Einwände; mit anderen Worten: Du betreibst Desinformation, und das ist bisher sicherlich das Kampfmittel Nr. 1 im 21. Jahrhundert. Das alles vor dem Hintergrund sogenannter „Präventivschläge“ ohne völkerrechtliche Legitimation im arabischen Raum; Sechstagekrieg, Osirak, Irakkrieg.

        • genova68  On April 12, 2012 at 12:36

          hanneswurst,
          ich habe hier einfach gabrielewolff geantwortet, das ist alles. Und auf dieses ganze dämliche Thema hast du mich gebracht mit deiner Frage bei mir, was ich von dem Gedicht halte. Darauf habe ich mit Textkritik geantwortet, in der Tat. Alle geopolitischen Überlegungen, wer wen angreift, wie viel Tote, Atom und trallala etc. interessieren mich eigentlich gar nicht, das sollen die tollen geopolitischen Checker im Netz unter sich ausmachen.

  • ebversum  On April 11, 2012 at 21:07

    Ich muss meinen Kommentar noch etwas differenzieren, um Missverständnissen entgegen zu wirken. Ich stimmte Hartmut und Hanneswurst gleichzeitig zu, und teilweise wieder nicht. Wer an Dinge wie tatsächlich Tiefsinnigkeit von Nobelpreisträgern oder Kulturgöttern glaubt, ist selber schuld. Reich-Ranicki ist Beispiel genug, wieviel objektive Substanz da tatsächlich hinter steckt. Auf der anderen Seite, ist das Bewertungsprinzip bezüglich Prosa, genauso verquaste Doppelmoral, – mit dem selben stillen Wunsch nach Deutungshoheit zur Selbstbeweihräucherung. Das gleiche elitäre Prinzip, auf dem sich diese Idioten ihren Status erwirtschaftet haben. Sind wir einfach ehrlich, – Leute. Versuchen wir es besser zu machen.

  • Noergler  On April 12, 2012 at 16:22

    „Grass redet vom Recht auf den Erstschlag, der das iranische Volk auslöschen könnte. Darf einem da nicht der Begriff Völkermord in den Sinn kommen?“

    Dir darf alles in den Sinn kommen, Genova, und vom Recht auf den Erstschlag, Atomwaffen nicht ausgeschlossen, redet die israelische Regierung seit Monaten fast täglich.

    In den vergangenen Jahrzehnten ist der Menschheit die intime Verbindung der Begriffe „Atombombe“ und „Auslöschung“ durchaus in den Sinn gekommen. Aber da in diesem Fall die Richtigen ausgelöscht werden, bedroht dies selbstverständlich nicht den Weltfrieden, sondern fördert ihn.

    • genova68  On April 13, 2012 at 10:42

      Ohgott, Nörgler, das Thema taugt nicht dazu, auf dem hohen Ross sitzend moralisierend und möchtegernaphoristisch draufloszuplappern. Und dann mal wieder „Weltfrieden“.

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