Zwei Berlin-Filme

Ruttmanns „Berlin – Die Symphonie der Großstadt“ (1927) und Wilder/Siodmak I und II/Ulmer/Zinnemanns „Menschen am Sonntag“ (1929).

Mich beeindruckt in „Menschen am Sonntag“ die Mischung aus Vertrautem und Fremdem, und natürlich meine ich damit jetzt nicht die veränderte Mode oder die Tatsache, dass heute keine Dampfloks mehr fahren. Dabei ist das Fremde in „Menschen am Sonntag“ gar nicht so einfach zu fassen, denn solche Sonntage kenne ich natürlich auch (als Philosophiestudent pflegte die Woche im Zweifelsfall sieben Sonntage zu haben). Es sind eher die kleinen Szenen: Sie verabreden sich für den Sonntag – und geben sich am Ende mit leichter Verbeugung die Hand. Der Hut wird noch gelüftet. Letzte Überbleibsel einer auf Formen bedachten Zeit, die der Film insgesamt widerlegt. Denn ansonsten zeigt sich in diesem Film ja bereits jenes vorderhand freie Lebensgefühl der urbanen Avantgarde, das heute zur Selbstverständlichkeit geworden scheint, die melancholische Vergeblichkeit inklusive. Ich musste, als ich den Film vor einigen Jahren zum ersten mal sah, sofort an den Geschlechtsakt in „Schloß Gripsholm“ denken; dort dachte ich auch: Na, und nun? Fremd, anders wirkt der Film eher indirekt, da er, was einem heute banal vorkommen mag, noch als Skandal inszeniert.

Interessant allerdings sind die erratischen Blöcke in diesem Film, vor allem das scheinbar zusammenhanglos dazumontierte Ritual übermütiger Oberschüler – das „Schinkenklopfen“: Gymnasiasten versohlen sich gegenseitig den Hintern. Heute ist diese Szene völlig absurd und unverständlich, damals aber war das Gezeigte den Zuschauern vertraut, das Ritual als solches gerade unter jungen Männern verbreitet. Solche Rituale pubertierender junger Männer, Rituale von Sex und Gewalt, dürfen als Ersatz für das Verbotene gedeutet werden. Es ist ein virtuell weiblicher Hintern, der hier lustvoll, aber auch schmerzhaft geklapst wird; andererseits meint dies auch das Eingeständnis abgewehrter Homosexualität. Zugleich kommentieren die Jungs damit natürlich die Dressur, der sie gerade erst entronnen sind. Auch hier liegen die Parallelen zu „Schloß Gripsholm“ (1931 erschienen) auf der Hand. Sollte der gute Tucho hier etwa ein wenig… Man denke auch an die lange Reihe von Grabkreuzen – die auch damals schon sehr wohl als Kriegsgräber z.B. vor Verdun gedeutet werden konnten; die Photos von langen, sehr langen Reihen von Grabkreuzen waren bekannt und haben sich dem sog. kollektiven Gedächtnis Europas, was immer das im Einzelnen sei, eingebrannt. Vor solchen Motiven nimmt sich das „carpe diem“ des Films auf einmal anders aus. Wer stilgeschichtliche Begriffe benötigt: ich würde den Film doch eher dem Impressionismus als dem Verismus zuordnen. Aber gut…

Die Unterschiede beider Filme liegen auf der Hand und sind von der Kritik ja auch sofort bemerkt worden: Ruttmann zeigt die Stadt selbst als Organismus, und zwar gerne auch als stählernen, die vier jungen Laien zeigen Menschen in einer großen Stadt. Ist es biographischer Zufall, dass Ruttmann, trotz abstraktem Avantgardismus, 1933 schnell „konvertierte“ und Propagandafilme abdrehte? Oder ist sein Blick auf das pulsierende Abstraktum „Stadt“ bereits faschistisch gewesen? Du bist nichts, der Organismus Stadt ist alles?

Wie lange die youtube-Links funzen, weiß ich nicht.

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