Antisemitismus bei der Linken – update

„Was die relativ geringen Antisemitismuswerte bei der politischen Linken betrifft … : Werte im äußeren linken Bereich sind etwas höher als bei denjenigen, die sich als gemäßigte Linke einstufen, liegen aber erheblich unter den Zahlen für Menschen, die sich in der politischen Mitte verorten.
(…)
Soweit der “Antisemitismus-Bericht” in seinem empirischen Kern. Es bleibt das Geheimnis der Politik und der Medien, wie sie aus diesem empirischen Kern Aussagen über die Verbreitung von Antisemitismus unter türkisch- und arabisch-stämmigen Muslimen oder in “linksextremistischen Zirkeln” (so Ihre Zeitung) ableiten.(Rolf Verleger, aus dem von der FAZ weggekürzten Teil seines Leserbriefs, Hervorhebung von mir)

Ich gebe das hier mal so bekannt. Meine Erfahrungen zeigen mir, dass eine offene Debatte über die von Verleger angesprochenen Themen – eine Debatte, die auf schäbige Unterstellungen verzichtet – derzeit nicht möglich ist. Sollte es zum Krieg zwischen Israel und dem Iran kommen, werden wir die unwahre Suggestion, speziell die Linke habe ein Antisemitismusproblem, in Potenz vorgesetzt bekommen. Man nenne mich resigniert – in diesem Punkt bin ich es auch -, aber das zuzementierte Weltbild der Israel“freunde“ ist Argumenten nicht mehr zugänglich, seit Jahren nicht.

Ich habe die israelische Gesellschaft nie mit Nazi-Deutschland verglichen – ein solcher Vergleich wäre ’nicht nur‘ infam, sondern ’sogar‘ schlicht falsch -, wohl aber mit dem wilhelminischen Deutschland und dessen von einer verantwortungslosen Elite forcierten Einkreisungsfantasien. Und diese Parallelen scheinen mir nun unstreitig. Hüben wie drüben eine jeweils ‚junge‘ Nation (ich meine: Als Staat relativ jung). Beider Selbst- und Weltbeschreibung lebt (resp lebte im Fall des deutschen Kaiserreichs) davon, dass man sich als von aller Welt verfolgt, im Stich gelassen, eingekreist ansieht und nur der eigenen Stärke vertraut. Das Herstellen und Bewahren dieser Stärke erfordert dann so etwas wie eine nationale Identität und Homogenität, was immer das im Einzelnen sein mag. Beide Staaten entstanden durch siegreiche Kriege; beiden Staaten geht (im Falle des Kaiserreichs: ging) die Erfahrung der Niederlage ab. (Ganz konsequent hat das Kaiserreich dann seine erste Niederlage auch nicht überlebt.) Beiden Gesellschaften eignet (Kaiserreich: eignete) eine starke wirtschaftliche Potenz, beide nehmen (nahmen) Spitzenstellungen in Forschung und Technologie ein. Und beide sind (waren) trotz ihrer Triumphe zutiefst verunsichert.

Das Fatale im Fall Israels und ein gewichtiger Unterschied zum Kaiserreich ist dabei nun dies: Im Gegensatz zu den Deutschen vor 1871 waren die Juden vor 1948 nun wirklich unterdrückt, ständigen Repressalien ausgesetzt, und mitnichten erst 33-45. Das, was die deutschen Kulturellen Eliten nach 1871 lediglich herbeifantasierten – beredster, törichster Vertreter: Niemand anders als Heinrich von Treitschke, der seinem Publikum den 30jährigen Krieg als ewiges deutsches Trauma andiente -, ist für die Juden in der Tat jahrhundertelang bittere Realität gewesen: Verfolgung, Erniedrigung, schlussendlich Vernichtung.

Angesichts solcher tief traumatischen Erfahrungen, die natürlich sozial vererbt werden, ist es wohl aussichtslos, der israelischen Gesellschaft zu vermitteln, dass sie willkommen ist. Ich sehe derzeit keine Chance, den Israelis ihren Irrweg auszureden. Etwa die verfluchte Siedlungspolitik, deren Sinn sich keinem erschließt, der auch nur für 5 Sekunden bei Trost und Verstand ist, und von der der gute alte Satz gilt, sie sei „schlimmer als ein Verbrechen, nämlich ein Fehler, Sir!“. Oder das absurde, fast schon (ginge es nicht um ernste Themen) slapstickreife Herumgetue um die israelische Atombombe. Jeder Trottel weiß, dass Israel Atommacht ist. Dass Israel den Besitz von Atomwaffen bis heute nicht offen einräumt, ist dennoch in einem tieferen Sinn wahr: Hier symbolisiert sich die israelische Allergie gegen die Realität. Räumte Israel den Besitz ein, wäre klar, dass das Land nicht existenziell bedroht ist (von wem denn?). Es wäre ferner klar, dass der iranische Drang nach atomarer Bewaffnung – wenn wir den einmal als gegeben unterstellen – keineswegs einem Vernichtungsvorsatz geschuldet ist, sondern einem machtpolitisch fast ’natürlichen‘ Drang nach Waffengleichheit. Hinsichtlich der perversen Logiken, die dem Machtspiel, dem Brinkmanship eignen, könnte ein atomar bewaffneter Iran die Lage absurderweise sogar entspannen, da dann tatsächlich auf Augenhöhe verhandelt werden müsste. Nun, das sollte man vielleicht doch nicht antesten; abgesehen davon, dass Atomwaffen nicht vermehrt werden sollten, sondern zu verschwinden haben. Aber Israel wäre zu wünschen, dass seine westlichen Verbündeten das Land mit sanfter Gewalt zu einer Kursänderung zwingen. „Siedlungsbau stoppen, sonst keine Militärhilfe mehr“ könnte einen heilsamen Schrecken hervorrufen. Ich befürchte, dass dies auch weiterhin unterbleiben wird.

Wo waren wir? Antisemitismus in der Linken. Es steht den Meistern der pawlowschen Diskursreflexe, den PR-Strategen, bei denen willentliche und wissentliche Missversteherei zum Berufsbild gehört, frei, auch diesen kurzen Bemerkungen jetzt „Antisemitismus“ zu attestieren. Wenn die Hoffnung auf politische vernunft in Nahost und auf ein friedliches Miteinander dort „Antisemitismus“ sein soll, dann bitte mehr davon.

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update: Mit Dank an mondoprinte, der auf Ullrich/Werners stringente Kritik an der hanebüchenen Salzborn-Voigt-„Studie“ hinweist.

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Kommentare

  • Hagnum  On Februar 23, 2012 at 11:47

    Zum möglichen Krieg Israel-Iran bestätigte auch Michael Lüders,
    daß auf Grund der besonderen Beziehung zu Israel ein Einsatz der
    Bundeswehr wohl unvermeitlich wäre.

    Es gibt nur noch trübe Aussichten…

  • Yevgenij  On Februar 23, 2012 at 23:50

    Lieber Hartmut!

    1) haben manche Linke nicht vor kurzem in diesem Blog geklagt, von Juden nicht in Ruhe gelassen zu werden, während das was z.B. Grauwölfe in Deutschland machen, ihnen egal sei?

    2) wenn Du die Aussagen der Politiker z.B. zur Tötung Bin Ladens hörst/liest, dann sind es i.d.R. LINKE, die gerne das Wort „alttestamentisch“ verwenden…

    Noch Fragen? Ich könnte Dir u.v.a. per email schreiben, eine antwort kriege ich da sowieso nicht, in diesem Blog auch wenig.

    • hf99  On Februar 24, 2012 at 06:12

      ich weiß nicht, wer so geklagt hat. Was „manche Linke“ schreiben, interessiert mich wenig: Linke können strunzdumm sein.

      Wer hat „alttestamentarisch“ gesagt? ich erinnere mich an einen idiotischen Artikel dazu. War es nicht der „Stern“? Vor einigen Jahren hatte der „Spiegel“ einen niederträchtigen Artikel im Programm, geschrieben von einer jungen Deutschen (wenn sie ihn selber geschrieben hat), des Inhalts, warum nur würfen die Juden ihr Auschwitz vor, sie würfe den Juden doch auch nicht den Mord an Jesus vor. Bin zu faul zum googlen, wer weiß Näheres? „Spiegel“ und „Stern“ sind schon lange nicht mehr links, wenn sie das je waren (waren sie nie), sondern stramm pro Neolib.

      Zu diversen Rundmails, die ich kriege (von allen möglichen Leuten): Die nehme ich zur Kenntnis, beantworte sie aber so gut wie nie wg zeitmangel.

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