Matthias Grabow: Hanna

Natürlich bin ich involviert. Denn niemand anderes als ich habe dem Renneritz-Verlag Matthias Grabows „Hanna“ ja zur Publikation empfohlen. Aber ich hatte gute Gründe. Denn es handelt sich um eine der plausibelsten, stringentesten Erzählungen der Gegenwartsliteratur, die mir in den letzten Jahren untergekommen ist. Nicht einmal mit dem schieren literarischen Neid habe ich Probleme. Denn gegen die großen literarischen Vorzüge des anderen Texts gibt es nun einmal kein Rettungsmittel als die Liebe.

Es ist ein lakonischer Roman, aber wild in aller Lakonie. Die Story ist schnell erzählt; wie immer, wenn ein Roman ohne viel Abweichung konzentriert auf den Punkt kommt. Ein Biologe, Gentechniker, Spezialgebiet „Gerste“ – nicht Ingenieur der Seele gerade, aber so etwas wie ein Ingenieur der Biosphäre, akademischer Mittelbau an der Uni Stuttgart -, hat seine längst überlebte, zum Schluß nur noch nervtötende Beziehung beendet. Auf einer Fachtagung in Frankreich, in Dijon, begegnet er Hanna C. Johnson, einer Fachkollegin. Sie kommt aus den USA, und zwar aus Montana, wo es 40 Arten der Einsamkeit gibt, ist verheiratet mit einem Geisteswissenschaftler – eine ihrer Mutter geschuldete Heirat -, schläft aber seit Jahren nicht mehr mit ihm. In Dijon kommt es zu einigen gemeinsamen Abendvergnügungen – Essen-gehen in einer skurril-liebenswerten Lokalität, Museumsbesuche anstelle der Fachvorträge, ein Abend im Opernhaus. Aber die beiden bleiben verschämt wie ein 50er-Jahre Studentenpaar; eigentlich fehlt nur noch, dass sie sich siezen, und die Kettenhunde im Souterrain bleiben an der Leine. Sogar beim Wichsen scheitert er. Er fährt ab nach Arles, will dort Ruhe oder Gottweißwas finden, sie verschlägts nach Paris, wie es sich für einen US-Bürger gehört. Verkatert empfängt er zwei Tage später eine SMS von ihr: Sie vermisse ihn und komme runter. Wenige Tage voller Glück und Verschämtheit – beides bedingt sich. Eine Wanderung durch ein fast verwunschenes Tal, sehr ironisch: Nicht Cherubime bewachen es, sondern Brennesseln. Und eine Corrida, die Grabow nicht als Stierkampf deutet, sondern als ritualisierte Tötung. Tod, Endlichkeit als Folie für die Liebe mag wenig originell sein – aber was böte sich sonst an? Das Leben ist nicht „originell“; nur die Postmoderne ist es…und nicht immer zu ihrem Vorteil. Der Höhepunkt? Einmal Petting – „wir sollten nicht weitergehen“ sagt sie. Und dann? Aber das wird nicht verraten. „Fliegen sie hin, einander ganz verfallen./Wohin ihr? – Nirgends hin. – Von wem davon? – Von allen./Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?/ Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald./ So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.“(Brecht, Die Liebenden) Es ist, ich schwör, die schönste Liebesgeschichte der deutschsprachigen Literatur seit…ja, seit wann? Seit Meckels „Licht“. Mindestens.

Die Begegnung mit Hanna erweist sich als eine ins Mythische gewendete Wiederholung. In einer wild-genialen Destruktion des Namens wird uns erzählt, „Hanna“ bedeute letztlich „Gerste“ (genauer, sei mit der Gerste aufs engste verknüpft). Der Techniker, dessen Job es ist, die Gerste zu beherrschen, sie neu zu designen, wird nunmehr auf einmal vom Gegenstand seiner Forschungsbegehrens überwältigt. Aber wer jetzt glaubt, es werde die alte Geschichte vom Rationalisten erzählt, der jetzt das „Menschliche“ und den Mythos neu für sich entdeckt – ein bisschen „Homo Faber“ und so, „Auf der Welt sein: im Licht sein!“ –, der erlebt eine sehr angenehme, sehr positive Überraschung.

Denn Hanna, Priesterin der Gerste, ist ja selber Wissenschaftlerin. Nur gelingt ihr, was dem Protagonisten – sie bezeichnet ihn an einer Stelle mal als „Stoffel“, und genau das ist er ja auch – abgeht: Sie bewahrt sich eine, man muss es wirklich so sagen, erfrischende Naivität bei aller intellektuellen Brillanz, wechselt so souverän wie schnell zwischen „postmodernen Zynismen und kindlicher Freude“. Man könnte auch sagen: Sie ist präsent, sie ist immer ganz da. Ihm versetzt diese Präsenz Schwindelgefühle…denn er merkt: Sie kann verbinden, was er trennen muss. Ein versteckt patriarchalischer Blick auf „die Frau“, die Frau als postmoderne Madonna? Wäre Grabow nicht der Schriftsteller von Format, der er nachweislich ist, der Roman hätte an dieser Stelle in den Edelkitsch abdriften können. Es ist das vordergründig überraschende, literarisch aber stringente und erforderliche Finale, das den Roman abrundet. Ich hoffe, er findet keinen Drehbuchautor. Jedenfalls keinen, der die Romanvorlage an dieser Stelle umschreibt und ZDF-kompatibel gestaltet (Protagonist kommt aus Arles zurück, erkennt jetzt, dass Hanna die Liebe seines Lebens, rennt ihr vergebens hinterher, denn er hat den Kairos verpasst, aber sie, mit der souveränen Gebärde der in sich ruhenden, heiligen Hure, sagt „No“…tremolierender Abschied, wohl gar noch auf einem Kliff…Abspann. Bäh!) Keine Sorge. Hanna C. Johnson ist keine heilige Hure, auch keine postmoderner Bauart. Hanna C. Johnson ist ein Mensch. Und das ist literarisch gut so und richtig so. Kein feministischer Roman – was von einem Mann auch nicht gut könnte geleistet werden, indess werden wir ja selbst mit solchen Absurditäten belästigt -, und vor allem: kein postmoderner Roman, wenn unter Postmoderne so etwas wie Unverbindlichkeit verstanden wird. Natürlich endet der Roman offen – aber er bleibt nicht offen. Die Partie ist gespielt, und niemand kann den Ausgangszustand wieder herstellen.

Hervorragend, wie souverän Grabow sich über alle Klischees hinwegsetzt, auch über ‚linke‘, ‚progressive‘. Die Auseinandersetzung zwischen alten Mythen und moderner Welt wird in einer Art Vorausgriff bereits zu Beginn des Romans thematisiert: Umweltaktivisten haben ein Feld besetzt, um die gentechnisch veränderte Aussaat des Protagonisten zu verhindern resp zu zerstören. Sie – die Aktivisten – sind die „Indianer“, deren edle Selbstlosigkeit von Grabow herzlos und zutreffend dekonstruiert wird. Wer den Roman dumpf liest, mag ihn als Plädoyer pro Fortschritt, pro GenTech lesen. Nun ja. Politisch mag das nicht auf meiner Linie sein (ich hoffe doch, dass ich keine habe?). Und sowieso: Some of my best friends are neoliberalians; die einzige mir mögliche Haltung. Im Übrigen, wir kommen um die Debatte ja nicht völlig herum: Ich bin nicht gegen GenTech. Gen-Technologie macht mit systematischen Mitteln das, was die Natur seit dem Präkambrium, der Mensch seit der Entdeckung des Ackerbaus macht: Sie entwickelt Neues. Es gibt eine ganz herrliche Geschichte, von der ich nicht weiß, ob sie wahr ist oder bloß gut erfunden: Eine Kundin, mutmaßlich verbeamtete Studienrätin Deutsch und Englisch, fragt die Marktfrau, indem sie auf die Tomaten weist: „Sind da Gene drin?“ Die Marktfrau: „Ich hoffe doch!“ Der Kauf soll unterblieben sein… Darum geht es. Und wer diese Andeutungen jetzt als Plädoyer für Monsanto versteht, hat einfach überhaupt nichts kapiert…

Und dann die Witwe Pittelkow. Allein die Schilderung seiner innerlich längst beendeten Beziehung zu einer Frau, die nur noch Alltag, nur noch Sicherheit haben will, eine Beziehung, die man nur noch als agonierendes Gurgeln wahrnehmen kann: Jede, jeder von uns kennt es.

Mein ursprünglicher, etwas spießiger Einwand (es war mein einziger!) – zu viel Mythen, die Grabow etwas zu kunstvoll neu arrangiert – ist hinfällig. Allein der Konnex „Hanna“/“Gerste“ ist große Literatur – und eben deswegen auch stimmig. Vielleicht wäre bei den Mythologie-Exkursen weniger wirklich mehr gewesen. Aber es ist einfach großartig, wie Grabow mit den Mythen (Plural, bitte!) spielt: Indianische, griechische, natürlich auch jüdische und christliche. Die Mythen sind nicht falsch. Sind sie versteckte Vorgriffe auf unsere Zivilisation? Konkurrierende Systeme? Egal. Sie sind. Wenn ich Grabow hier richtig verstanden habe: Weder Hegel/Marx/Adorno (letzterer ins Negative gewendet) noch Kurt Hübner. Die Mythen sind, punkt. Sie etablieren ein kollektives Bewusstsein. Wenn der Protagonist am Ende sagt, der individuelle Wille ersetze das kollektive Bewusstsein, so ist viel Stuff da, um zu fragen, was es mit den Mythen in heutigen Zeiten auf sich hat. Ich darf da an Ernst Cassirer erinnern und an seinen „Mythos vom Staat“ – politische Orgas, die Kunstmythen etablieren, und in falscher Solidarität falsche Gegnerschaften hervorrufen. Gegen die sei der kantisch geprägte Begriff Freiheit stark zu machen. Wer möchte wiedersprechen?

Was ich mir notierte, als ich den Roman das erste Mal las, was ich jetzt wieder notiere: Haltung. Ein sehr konservativer und also immerhin stimmiger, zweifellos pervertierbarer („Comment“!), aber sympathischer Begriff. In einem Selbstkommentar zu L’Adultera notierte Fontane: „Es wird niemand gefeiert, noch weniger gelästert, und wenn ich bemüht gewesen bin, das Leben zu geben, wie es liegt, so bin ich nicht minder bemüht gewesen, das Urteil zu geben, wie es liegt. Das heißt im letzten, und nach lange schwankender Meinung, freundlich und versöhnlich.“ womit Fontane natürlich in nichts dem dümmlichen, Bier- und Wein-befeuerten Versöhnlerismus des Kaiserreichs/der Bundesrepublik/alles dazwischen das Wort redet; die schwankenden Meinungen sind auszuhalten, sind auszuleben!

Das scheint mir literarisch, vielleicht auch ausserliterarisch, die einzig mögliche Haltung zu sein. Und jedenfalls lese ich in Grabows Roman eben diese Haltung. Ich wünsche ihm viele begeisterte Leser. Und noch mehr begeisterte Leserinnen. Gerade weil Hanna nicht jene „starke Frau“ ist, die das talk-show-Gesindel seit nunmehr einigen pseudofeministischen Jahrzehnten zur „starken Frau“ ausruft, sondern eine wirklich starke Frau, also eine, die ihren Geliebten „Stoffel“ nennen und ihn zugleich bitten kann, ohne sich irgendwas zu vergeben.

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Kommentare

  • twister  On Februar 12, 2012 at 11:49

    Ich habe es gerade gelesen. Es ist wirklich brillant. Über den „Stoffel“ bin ich auch gestolpert. Und außerdem kann man bei ihm lernen, wie man einen Geschlechtsakt schildert.

    • hf99  On Februar 13, 2012 at 02:10

      So kann man das nennen, ja. Eine Liebesgeschichte im Jahre des Christenherrn 2011 – Höhepunkt ist ein Petting-Akt, und…es funktioniert!

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