Felix Hausdorff

(Vor)gestern war Felix Hausdorff „Artikel des Tages“ in der deutschsprachigen Wikipedia. Zu Recht natürlich. Der Jude Felix Hausdorff beging, zusammen mit seiner Frau, am 26.02.1942 Suizid. Alles, was ihr und ihm bevorstand, wäre schlimmer gewesen als das.

Ich kannte den Namen Hausdorff, wegen des Begriffs „Hausdorff-Raum“, ein für die Topologie wichtiger Begriff. Denn eineinhalb Jahre lang studierte ich – mit weiß Gott überschaubarem Erfolg – auch Mathematik. (Meine „Analysis 1“ und „Lineare Algebra 1“-Scheine, humane Kommilitonen verhalfen mir dazu, müssen irgendwo noch im Keller liegen…)

Was ich nicht wußte: Dieser bedeutende Mathematiker war auch Literat. Er schrieb – 1897 (in Worten: achtzehnhundertsiebenundneunzig!) – einen kritische Essay über Nietzsche, resp über jenen problematischen Teil Nietzsches, der mit den Worten „Wille zur Macht“ verbunden bleibt. Zitat:

„In Nietzsche glüht ein Fanatiker. Seine Moral der Züchtung, auf unserem heutigen Fundamente biologischen und physiologischen Wissens errichtet: das könnte ein weltgeschichtlicher Skandal werden, gegen den Inquisition und Hexenprozeß zu harmlosen Verirrungen verblassen.“

Das ist Taurecks Kritik in nuce. Nur – und der gute Taureck wirds mir nicht Übel nehmen, so wie ich ihn kenne -, dass Hausdorff diese Kritik eben 100 Jahre früher und somit vor allem eben nicht post hoc, sondern propter hoc formulierte.

Ganz großartig. Ich sehe schon: Ich werde mir Hausdorffs literarische Werke zulegen müssen. Die literarischen. Für die mathematischen fehlt es mir an Kompetenz und „vor allem“, klar, an Zeit.

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Kommentare

  • Georg Wolf  On Januar 29, 2012 at 19:04

    Hausdorff war ein vielseitiger Mathematiker und derjenige, der die Mengenlehre erst in breiterem Umfang entwickelt und bekannt, ja handhabbar gemacht hat. Seine ursprünglich vor dem ersten Weltkrieg geschriebene „Mengenlehre“ erlebte drei wesentlich überarbeitete Auflagen in Deutschland, wurde in den USA bis in die 1970er Jahre nachgedruckt und ist heute noch ein hervorragendes Lehrbuch (ich bin glücklicher Besitzer aller drei Originalausgaben). Vor allem aber hat er nicht nur die den Hausdorff-Raum definierende Eigenschaft eingeführt, sondern das Konzept der Hausdorff-Dimension, einer gebrochenen Zahl, mit der er die Fraktal-Geschichten nach „Apfelmännchen“-Art etliche Jahrzehnte vorweggenommen hat. Er hat in der Mathematik bis ins hohe Alter publiziert, und zwar über seine polnischen Freunde, bis der Krieg dem ein Ende setzte.

    Es gibt in der Hausdorff-Gesamtausgabe einen Band mit den philosophischen Werken und einen Band mit den literarischen Werken. Leider sind die Bände teuer und kosten m.W. um die 100 Euro pro Stück. Antiquarisch suchen hat wenig Sinn, denn die Originale sind (inzwischen) teuer und selten, manches selbst bei internationaler Antiquariatssuche nicht mehr erhältlich.

    Fündig werden Sie vor allem in dem philosophischen Band werden. Dort stehen auch die Zeitschriftenbeiträge zu Nietzsche und die kritischen Kommentare zur Herausgabe der Nietzsche-Werke, ferner „Sant’ Ilario“, ein aphoristisches Werk in freier Nietzsche-Nachfolge, sowie „Das Chaos in kosmischer Auslese“, das schwer einzuordnen ist, am ehesten vielleicht als eine Art naturwissenschaftlich unterfütterter, transzendenzkritischer Lebensphilosophie. Natürlich finden sich einige Vorurteile der Zeit auch bei Hausdorff, aber darüber muss man wie immer hinwegsehen. Von diesem vielfach, selbst als Musiker begabten Mann (er war ja auch noch Astronom, bevor er sich dann letztlich der Mathematik zuwandte) begeistert zu sein, gereicht einem nicht zum Schaden.

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