Faustregeln des Denkens: Der Verdacht

Neben der niemals endenden Analyse, der Dialektik, dem, was Arendt einmal so herrlich das Auftauen festgefrorener Begriffe genannt hat, gibt es auch noch ein paar Faustregeln angemessenen Denkens.

Heute: Der Verdacht.

Faustregel 1: Der Verdacht ist immer falsch. Denn der Verdächtigte kann sich dann nur noch verteidigen, was bedeutet, dass die Kommunikation abgebrochen ist, weil es nicht mehr um die Sache selbst geht, sondern um Macht und Machtspiele.

Mit Verdächtigungen operieren ist selbst da infam, wo an dem Verdacht „irgendwie“ etwas „dran sein“ könnte. Zum Beispiel wenn ich einen 43jährigen Politiker, von dem ich genau weiß, dass er (konsensual) mit einer 17jährigen schläft, die sozial-ökonomisch nicht von ihm abhängig ist, damit öffentlich gar grille, dass ich Missbrauchsvorwürfe im Konjunktiv-Verfahren ausstreue. Wer, und seien die sogar berechtigt, Vorwürfe gegen irgendwen in der Hand hat, möge die Karten auf den Tisch legen – oder die Schnautze halten. Zu Recht – manchmal steckt in unserem StGB sogar Weisheit! – wird auch der Erpresser deutlich bestraft, der mit der „Wahrheit“ erpresst.

Kriminologisch betrachtet ist der falsche Verdacht, interessanterweise, eine der Hauptfaktoren für das verstörende Phänomen des falschen Geständnisses (nicht der einzige, aber eine der…). „Die haben mich jetzt, ich hab ja keine Chance, denn für die Tatzeit fehlt mir wirklich ein Alibi, und ein Motiv kann man auch konstruieren“, und wenn dann ein Verhör“spezialist“ nur einigermaßen „gut“ arbeitet… „Wenn Sie jetzt gestehen, dann…“ Fragen Sie mal Amanda Knox, ohne treuen Dolmetsch, allein, auf einer Polizeiwache in einem fremden Land, konfrontiert mit dem schlimmsten Vorwurf, mit dem man Menschen konfrontieren kann: Mord…Und dann kommt ein Staatsanwalt daher und lallt etwas von Satanismus und gewaltgeiler Sex-Hexe…Und Knox hat ja nicht mal gestanden… (sie hat dann falsch beschuldigt, das ist die etwas schwächere Variante des falschen Geständnisses.)

Der Verdacht ist immer falsch. Und allemal dann, wenn er nur als eiskalt abgezirkelter Zug im Diskursspiel lanciert wird.

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Kommentare

  • klausbaum  On Januar 27, 2012 at 00:03

    der ausbildungsleiter in der lehre, ein dipl. ing, so 1960 herum, meinte mal zu mir, wer sich verteidigt, klagt sich an.

    da hat man dann wirklich keine chance mehr.

  • Frau Lehmann  On Januar 27, 2012 at 00:45

    „Der Verdacht ist immer falsch. Und allemal dann, wenn er nur als eiskalt abgezirkelter Zug im Diskursspiel lanciert wird.“

    Zum ersten Satz deiner Schlussfolgerung: Wenn es um das Denken als Prozeß mit dem Ergebnis einer logisch hergeleiteten Schlussfolgerung geht, dann ist ein Verdacht tatsächlich nicht förderlich, weil subjektiv, nicht bewiesen und damit untauglich und sogar hinderlich, einen Gedankengang folgerichtig zu Ende zu führen. Aber ein Verdacht kann auch als eine Art Hypothese gesehen werden, als Ausgangspunkt eines Denkvorganges, der im Ergebnis den Verdacht bestätigen kann oder eben verwerfen muss. Dann ist der Verdacht in etwa gleichzusetzen mit einer Ungewissheit (stimmt schon, nicht ganz, weil in gewisser Weise schon eine Tendenz „angedacht“ ist), die ich im Denkprozess ausräumen muss.
    Selbst wenn ich einen Menschen im Verdacht habe, etwas getan zu haben (ohne es genau zu wissen), muss ich den von mir Verdächtigen nicht zwangsläufig in die Defensive bringen, wenn ich selber den Verdacht nicht mit Vorverurteilung gleichsetze. Erst wenn ich diesen Verdacht ausspreche, dem Verdächtigen sage, dass ich ihn verdächtige, ergibt sich die von dir angesprochene Problematik: Der Verdächtige wird sich zwangsläufig verteidigen, ist (oder fühlt sich zumindest) in der Defensive. Aber auch das könnte noch „bereinigt“ werden. Wenn ich darüber hinaus aber alles daran setze, nur diesen Verdacht bestätigt zu wissen (und keine anderen „Optionen“ in Erwägung ziehe) und diesen Verdacht sogar öffentlich mache, zur Schau stelle, was dann zur geselschaftlichen Vorverurteilung führt (eigentlich von vorne herein eine ist), dann erst bin ich an dem Punkt, den du beschreibst. Dieser (leider!) heute genau so gehandhabte „Mechanismus“ (wie du es selbst im zweiten Satz deiner Schlussfolgerung zusammenfasst) macht den Verdacht erst zum Fehler. Es geht nicht um den Verdacht selbst, sondern um dessen Handhabung in Zeiten von Skandalisierung, grober Vereinfachung, Karrieredenken und egoistischem Erfolgswillen. So wird aus eiskaltem Kalkül (Geld, Erfolg, Macht, Werbung in eigener Sache etc.) der Verdacht ersetzt durch das öffentliche und immer klischeebehaftete Vorurteil.

  • Scribine  On Januar 27, 2012 at 13:34

    Korrekt, verehrte Frau Lehmann!
    Man muss die Hintergründe offen legen, die dazu geführt haben, einen Menschen zu beschuldigen, ihn „unter Verdacht zu stellen“.
    Wer hat ein Interesse daran, diesen Menschen zu diffamieren?
    Wem nützt es, wer erhofft sich davon, Vorteile?
    Bin selbst daran interessiert, in einem bestimmten Fall,
    herauszufinden, wer da die Fäden zieht.
    Denn, eines ist sicher, man hat ein Komplott geschmiedet.
    Nur, wem will man schaden?
    Ist jedenfalls spannend, denen auf die Schliche zu kommen.
    Denn, das werde ich. Schon, um den armen Menschen, vom Verdacht reinzuwaschen. Er ist unschuldig und wird nur benutzt. Habe den Eindruck, man will gleich mehrere „Fliegen“ mit einer Klappe schlagen.
    Doch, es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch alles an den Tag.

  • eb  On Januar 27, 2012 at 18:19

    Faustregel 1: Der Verdacht ist immer falsch.
    Nun ja, ich glaube Hartmut sieht dies aus dem Blickwinkel der Judika. Eine Faustregel ist eine Orientierungshilfe, – kein Pragma. Wäre es ein Pragma, wäre es als Aussage falsch, und selbst anhand ganz normaler menschlicher Überlebenstriebe widerlegbar. Da bei uns aber die Unschuldsvermutung gilt, d.h. jemand ist solange unschuldig, bis der Verdacht bewiesen ist, – ist die Faustregel absolut richtig. Das der Verdächtige seine Unschuld selber zu beweisen hat, ist eigentlich amerikanisches Denken, – ohne diese Unschuldsvermutung. Da hoffe ich doch schwer, dass dies bei uns nicht schon unbewusst als normal empfunden wird. Ich hege da einen Verdacht …. :-))

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