Fürnbergs „Die Partei, die Partei…“

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Fürnbergs Text, und das meine ich nicht feuilletonistisch, sondern so, wie ich es sage, hat mit Marx´ kritischen Analysen genau so viel zu tun wie der straf- und exekutionsbereite Gender-Dumpfmuff mit Judith Butler, oder die Totalitarismuskritik eines Clemens Heni mit Hannah Arendt. Gerade deswegen aber ist die SED-Parteihymne so interessant. Denn sie zeigt exakt, wo kritische Theorie in Ideologie abgleitet, und woran sich das festmacht: an Naturalisierungen, Vereindeutigungen, an einem fatalen Verständnis von „Identität“ und einem taktischen Verhältnis zur Wahrheit. Will sagen: Die Dinglichkeit, der man vorderhand abschwört („wir reden über Strukturen“), nimmt man hinten herum desto deutlicher für sich in Anspruch, lädt sie ordentlich mit jener Moral auf, die man soeben noch von der Metaebene her „dekonstruierte“ und gelangt so zu einem zuzementierten „Weltbild“ mit eindeutigen Freund-Feind-Zuschreibungen. Man vollzieht, undialektisch, unkritisch, also genau das, was man der herrschenden Ideologie zu recht ankreidete: Totalitäres Denken.

Solcherart Nicht-Denken ist übrigens auch für die Praxis fatal. Ich nenne es, mit Anleihen bei Hannah Arendt, das „hähähä“-Problem: Marx ist widerlegt weil wg SED, hähähä; Kachelmanns Freispruch widerlegt, hähähä, den Feminismus; und Clemens Henis Absurdistan beweist, hähähä, dass es in Deutschland ja gar keinen Judenhass mehr gibt ausser in den Augen solcher Tröten. Und schon ist man in der fatalen Lage, der SED-Hymne, dem verbeamteten Gender-Dumpfmuff oder Herrn Dr. Heni sozusagen auch noch Recht geben zu müssen. Denn:

„Wer das Leben beleidigt,
ist dumm oder schlecht,
wer die Menschheit verteidigt
hat immer Recht.“

Haben Sie irgendwelche Einwände? Ich habe keinen – von dem einen entscheidenden abgesehen, dass man die Menschheit nicht mit einer „Partei neuen Typs“ verteidigen kann.

Diese Diskurs-Verhunzung, diese gedankenlose Art, einfach nur pawlowsche Diskursreflexe und Gegenreflexe (und Gegengegenreflexe und Gegengegengegenreflexe) aufeinander prallen zu lassen, macht mich ratlos seit eh. Wie diese Untiefen umschiffen? Muss man sie überhaupt umschiffen? Oder langt eine souveräne Geste, reicht schallendes Gelächter aus?

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Kommentare

  • summacumlaude  On Januar 26, 2012 at 10:51

    Das Fehlgehen so vieler, im Kern emanzipatorischer Gedanken ist nicht das Fehlgehen des Denkens, sondern das Fehlgehen der „Denker“, besser das Fehlgehen derjenigen, in denen es denkt.

    Es ist das Fehlgehen derjenigen, die das Denken als Therapie mißverstehen.

    „In Freud“ gesprochen muß man bei diesen „Denkern“ wohl von einem sehr regide ausgebildeten Über-Ich bei ausgeprägter Ich-Schwäche ausgehen. Wenn sich nun durch die Mühlen dieser therapiebedürftigen Menschen aufklärerische Gedanken drehen, kann unten aus dem Trichter nur die Inquisition herauskommen. Aufklärung als Anklage.

    So etwa bei dem siebenarmigen Leuchter Heiniclemens: Die Analyse des Antisemitismus gerät diesem Schwachmaten zum unterstellenden Philosemitismus, der zunächst einen Verhaltenskanon postuliert, und dann jeden, der gegen diesen Kanon „verstößt“, als Antisemit ausgrenzt. Die Nähe zur regiden Ausgrenzungspolitik so vieler linker, initial ja aufklärerisch gemeinter Bewegungen ist evident. Aufklärung goes Psychopathologie: Heraus kommt z.B. Heiniclemens.

  • summacumlaude  On Januar 26, 2012 at 12:53

    Das Fehlgehen der im Kern emanzipierten Gedanken ist kein Fehlgehen des Denkens, sondern ein Fehlgehen der „Denker“; genauer: ein Fehlgehen derjenigen, in denen es denkt.

    Es ist die Sackgasse derjenigen, denen das Denken Therapie ist.

    „In Freud“ gesprochen muß man ein regide ausbebildetes Über-Ich bei ausgeprägter Ich-Schwäche annehmen. Spaß beiseite: Wenn nun emanzipatorische Gedanken durch die Mühlen dieser Menschen gedreht werden, kann nur die Inquisition untem aus dem Trichter herauskommen. Aufklärung als reine Anklage. Aufklärung als ständige Unterstellung. Eben: Inquisition.

    Der siebenarmige Leuchter Heiniclemens ist mit seinem vermeintlich wohlmeinenden Philosemitismus ein Paradebeispiel. Wie alle Ideologen spielt er das Spiel der konditionalen Verknüpfung: Wenn Du bei bestimmten politischen Fragestellungen diese oder jene Meinung vertritts, dann… ist man bei Heiniclemens zumeist ein Antisemit, geht diese Meinung nicht mit seiner konform. Wie man auf so einen Schwachmaten hereinfallen kann, ist mir schleierhaft.

    Es bleibt einfach nur, suveräner zu werden. Raul Hilberg ja, Heiniclemens nein, auch wenn Heiniclemens uns ständig weismachen will, dass zu Hilberg nur derjenige ja sagen darf, der zu ihm ja sagt.

  • summacumlaude  On Januar 26, 2012 at 13:00

    Ich hänge im Filter, schalte das zuletzt versandte Posting frei. Gruß.

  • hf99  On Januar 26, 2012 at 13:33

    ich schalte beides frei, weil Dich der Spamfilter ansonsten ab sofort immer aussortiert.

    Liegt es nur am DenkER oder eben doch auch am DenkEN? ich denke schon, dass alle gedanklichen Ansätze den Wahnwitz-Keim in sich tragen. Zu behaupten, man rede nicht über Wirklichkeiten, nur über Strukturen, ist frommer Selbstbetrug; bestenfalls. Man redet immer auch über Konkretes. Wenn ich sage „Blogkommentatoren mit dem Nick summacumlaude sind überdurchschnittlich häufig Nazis“, und wenn ich das Dir sage, dann sage ich durch die Blume auch ganz konkret etwas über Dich und zu Dir. Der Übergang in den ist-Modus („summacumlaude IST nazi“) fällt dann nicht mehr schwer, ist versteckt auch schon geleistet. Hier bricht dann mit unschöner Regelmäßigkeit die Kommunikation ab.

  • hf99  On Januar 26, 2012 at 13:44

    Und das Antidot? Gegen die schäbigen, versteckten Zuschreibungen, gegen die unter dem erlauchten Deckmantel des Strukturalismus versteckten Freund-feind-Zuschreibungen helfen ein paar offen kommunizierte, konkrete Regeln.

    Etwa: Der Verdacht ist immer falsch! Wer unter Verdacht steht, kann nicht mehr frei reden.

  • summacumlaude  On Januar 26, 2012 at 13:46

    Suverän natürlich noch mit o…
    nun, wenn es das Denken ist, so müßte die Inquisition jeden infizieren, der emanzipatorische Gedanken denkt. Das ist aber mitnichten so. Offenbar haben da manche einen natürlichen (?) Schutz vor dieser konditionalen Verknüpfung von Argument und Bewertung – und andere eben nicht. Und die Gründe für diese aus der Emanzipation kommenden Verrücktheiten scheinen ganz woanders als im Denken zu liegen. Dies schreibe ich im Wissen, dass psycholog. Dekonstruktion wie die Psychoanalsye selbst hochgradig verdächtig ist auf – aha! – auf inquisitorisches Denken. Auch Freud kann natürlich ideologisiert werden. Klar!

  • David  On Januar 26, 2012 at 19:38

    Zu behaupten, man rede nicht über Wirklichkeiten, nur über Strukturen, ist frommer Selbstbetrug;

    Wer sagt das denn so? Die suggerierte Opposition zwischen „Wirklichkeit“ und „Struktur“ will mir irgendwie so gar nicht einleuchten.

    • hf99  On Januar 26, 2012 at 20:51

      Korrekt, David, so, wie ichs da geschrieben habe, ists natürlich Blödsinn.

      Gemeint: man rede ja gar nicht über konkrete Wirklichkeiten (zB Jörg kachelmann), sondern nur über allgemeine Strukturen (zB das Patriarchat)… man redet immer auch über konkrete Wirklichkeiten. Und schreibt immer auch konkret zu.

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