Noch einmal zum Opferdiskurs („Opfer“diskurs)

Ich hatte mich ja schon mehrfach über das wahre Opfer und die Ware „Opfer“ ausgelassen – über Projektionen, darüber, dass dem Opfer eine quasi religiöse Verehrung widerfährt, weil ihm Authentizität zugeschrieben wird, und darüber, wie ungut, wie fatal, wie verlogen dieser Opferdiskurs eigentlich ist. Melusine Barbys Post hierzu empfinde ich als interessante Ergänzung, als Bestätigung. Dass es beim Opferdiskurs – meistens mit viel schwungvoller Moral von Privilegierten geführt, die sich unerbeten zu Sachwaltern anderer Interessen machen – um alles mögliche geht, aber um Empathie zuletzt, ist natürlich für jeden, der seine Tassen im Oberstübchen halbwegs beisammen hat, auf drei Meilen Gegenwind klar. Wir reden hier ja nicht über neue Phänomene. Mein Ekel über die Verlogenheit des Opferdiskurses ist ein vierteljahrhundert alt. Opfer haben in der öffentlichen Vermittlung von Politik immer schon eine zentrale Rolle gespielt, wenn es galt, Empörungsenergie an zu stauen, Legitimation für eigene Interessen herzustellen. Und: Melusine hat völlig Recht mit der Bemerkung, die auch ich seit Jahren, seit Jahrzehnten stark mache: dass mit dieser diskurspolitischen Vernutzung von „Opfern“ die wahren Opfer ein weiteres mal gedemütigt werden.

Dennoch bleibt mir hier einiges rätselhaft: Warum ist es so attraktiv, „Opfer“ zu sein? Opfer-ohne-Tütteltüttel zu sein ist es nämlich mitnichten. Was treibt diese Esel? Melusine schreibt:

Tatsächlich glaube ich, dass Opferdiskurs und Autonomiediskurs in der popularisierten Form, die hier gemeint ist, eines gemeinsam haben: ihre Asozialität. Ich kann nicht anders, weil mir das angetan wurde,weil ich das erlitten habe. Und:  Ich bin eben so, wie ich bin. Es geht hier nie darum, wie ich mich zu anderen und zu mir selbst verhalte (also um Relationen und damit auch um Relativität), sondern um das Ganze, mein ICH (also um das Absolute). Es sind – und darin gebe ich Zizek Recht – Diskurse, die keine Verhältnismäßigkeit kennen und daher zur Intoleranz neigen.

Diese Entwicklung, falls sie richtig beschrieben ist, erweist sich besonders für diejenigen als traurig, die tatsächlich Opfer wurden: Denn sie beraubt sie der Möglichkeit, ihre Position zu verändern, den Opferstatus zu verlassen. Während im elaborierten Diskurs der Geisteswissenschaften seit 30 Jahren der Tod des Subjekts gefeiert oder beklagt wird, Identitätskonzepte als kontigent beschrieben werden und die Autonomie als Konstrukt, ist die Idee und das Ideal „Ich selbst zu sein“ bei den Massen gerade erst populär geworden. Diese popularisierte Form der „Selbstbestimmung“ will aus gutem Grund aber nicht wahrhaben, welche Anstrengung die Konstitution eines eigenverantwortlichen autonomen Subjekts ist und dass sie ohne die Preisgabe von Sicherheiten nicht zu haben ist, auch nicht ohne die Preisgabe totalitärer Ansprüche und vor allem nur um den Preis die – wie immer fragwürdige – autonome Setzung des Anderen bis zur Schmerzgrenze zu ertragen.

Das ist zweifellos richtig, wurde auch von mir ja immer wieder ins Spiel gebracht: Der Opferdiskurs als Variante der unsäglichen Sucht nach Authentizität, was immer auch Eindeutigkeit meint. Das falsche Selbst sozusagen, per Sauberkeitserziehung andressiert. Und die Funktion, die das talkshowkompatible Plappern über „Opfer“welten hat, liegt auch auf der Hand: Wer sich fiktiven „Opfern“ (an denen er dann natürlich keinen Anteil hat, keinen haben kann) widmet, muss sich nicht mit den sehr realen Opfern dieser Welt, für die er sehr wohl verantwortlich sein könnte, auseinandersetzen. Mein „Lieblings“-Beispiel ist bekanntlich dieses: Gerne plappert diese Gesellschaft ja über sexuelle Gewalt gegen Kinder. Eine Gewalt, die zweifellos existiert – und jeder, der sie ausübt, muss natürlich aus dem Verkehr gezogen werden! -, deren Ausmaß aber, wie alle inzwischen vorliegenden, seriösen Zahlen ergeben, massiv überschätzt wird. Dies tut eben jene Gesellschaft, die es zugleich zulässt, dass bis heute sehr reale, körperliche, allerdings eben „leider“ (dieses leider markiert das Problem!) nicht-sexuelle Gewalt gegen Kinder ausgeübt wird. Bis heute werden nach allen seriösen Zahlen trotz eines seit 12 Jahren bestehenden Verbots bis zu 70 % aller Kinder gelegentlich geschlagen. Eine Umfrage, die abfragt, welches Problem die Bevölkerung eigentlich für verbreiteter halte: Kindesmissbrauch oder Kindesmisshandlung…die würde mich mal interessieren. Ich riskiere hiermit ein (ohnedies schmales) Monatsgehalt: Kinderficken! Und im Internet sowieso… Genau um dieses Absurdistan des Opferdiskurses geht es.

Und diese Punkte fand ich auch so spannend am Fall Kachelmann, der in Wahrheit ja keiner war. Kachelmann selber, ich bitte um Entschuldigung, war mir egal. Er war bekanntlich „Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, und allein dafür hätte er gerne einfahren können. Aber es ging, Scherz beiseite, eben um Vergewaltigungsvorwürfe, und die stimmten nun mal nicht, die stimmten objektiv nicht, wie eine Prüfung des forensischen Materials ergab. Und da ist dann etwas sehr interessantes passiert: Im Rahmen des Kachelmann-Verfahrens wurde uns wieder und wieder die Behauptung angedient, lediglich 3 % der Vergewaltigungsvorwürfe seien falsch, dies hätten Studien (Plural!) ergeben, und somit sei Vergewaltigung, da es nur zu relativ geringen Verurteilungen komme, eine quasi straflose Straftat. Diese 3-%-Lüge stimmt zwar hinten und vorne nicht (bitte selber recherchieren, ich bin es leid!), aber das interessiert natürlich niemanden, weil es hier ja nicht um Tatsachen geht, sondern um einen religiös-moralischen Glaubensdiskurs. Opfer sind immer authentisch, Opfer haben immer Recht. Und da der Opfer-Begriff den Täter-Begriff verlangt, bedeutet das: Es muss (re)identifizierbare Täter geben. Gibt es sie nicht, werden sie halt produziert. Ich deute den Fall Kachelmann, der ja in Wahrheit keiner war, als Versuch, einen Täter zu produzieren, damit die quasi-religiöse Sehnsucht nach einer Täter-Opfer-Welt, eine Welt der Eindeutigkeit, der finalen Zuschreibung, des eindeutig Guten und des eindeutig Bösen, befriedigt wird.

Das Fatale an meinen diskurskritischen Überlegungen: Es gibt ja Opfer, und nicht zu knapp. Und somit auch Täter. Ganz real, auf der Ebene der Dinglichkeit. (Reale Opfer sind übrigens nicht telegen. Sie taugen nicht für Talkshows, auch nicht für Foto-Shootings in der BUNTEN, denn sie plappern nicht, sie stottern oder schweigen vielmehr.) Und da es unter Tätern immer auch eine gewisse Intelligenz gibt, da es „Schreibdienstboten der Gestapo“ (Thomas Mann, BBC-Reden) gibt, die „einmal ein bißchen schreiben gelernt haben, die eine moralische Gebärde nachzuahmen vermögen“, werden meine diskurskritischen Überlegungen natürlich immer auch von den sehr realen Tätern in Pacht genommen. Und schon sind wir in den „herrlichsten“ Diskursuntiefen. „Das, was Du sagst, sagen auch die Nazis, wenn sie Auschwitz leugnen, hähähä!“ Deswegen noch einmal: ich bin mir darüber im Klaren – denn ich bin nicht blöde -, dass es diskurskritisch tricksende Nazis gibt. Sogar ein Derrida-Schüler soll adabei gewesen sein (Derrida war bekanntlich entsetzt…). Das widerlegt aber Derrida nicht. Ich bin auch mir darüber im Klaren, dass erwischte Kinderficker auf das false-memory-syndrom abheben. Das kann aber im Ernst kein Argument gegen die (durch dutzende von Studien gut belegte!) Existenz dieses Syndroms überhaupt sein. Nebenbei zum false-memory-syndrom: Wer sich mit Kriminalistik und Kriminologie befasst, kennt das verstörende Phänomen des falschen Geständnisses. Wenn selbst erwachsene Menschen sich, und auch noch zu ihrem Nachteil, falsch erinnern – warum sollten Kinder davon frei sein?

Was, um alles in der Welt, ist eigentlich so schwer daran, hier pro Einzelfallprüfung zu votieren? Ohne Präjudiz, ergebnisoffen, ohne zu bestätigende „Essenz“ (wie Melusine zu recht anmerkt)? Was fällt so schwer, sich ein paar handfeste Rechercheregeln zu eigen zu machen? Etwa „Eines Menschen Rede ist keine Rede. Man soll sie billig hören alle beede.“ Oder: „Wo alle Beifall klatschen, da sollst Du fragen. Wo alle Buh-rufen, da sollst Du fragen!“ Oder HaJo Friedrichs unsterbliche Einsicht: „Prüfen, fragen, recherchieren, sich nicht handgemein machen mit irgend einer Sache, auch nicht mit einer (vermeintlich) guten!“ Und wenn ich Friedrichs etwas verstärken und erweitern darf: „Scheint eine Sache eindeutig, dann mime den advocatus diaboli. Recherchiere unter der Hilfshypothese, das alles sei Lüge, neu. Finde den Fehler!“ Ist das alles so schwer zu begreifen?

Der widerwärtige Opfer-Diskurs, ein strukturell gewalttätiger Diskurs, muss konsequent verabschiedet werden. Politisch gesprochen: Es geht nicht darum, sich im Antirassismusdiskurs zu suhlen. Es geht darum, Heckler & Koch zu bekämpfen. Antirassismus ist nicht jene Pseudo-Empathie, die sich auf „linken“ Plenen lautstark einen moralischen Sonntag daraus macht, sich selber als allein-seligmachenden Antirassismus ins Spiel zu bringen (die Genossinnen und Genossen dahinten hingegen, das sind die wahren RassistInnen! Schlimmer als Strauss vermutlich…). Antirassismus ist das Bekämpfen jener Mächtigen – und hie und da, auch wenn einige das jetzt nicht gerne hören, ist auch eine Frau, ein Schwuler, ein Schwarzer, ein Jude, ein Muslim, ein Gehandicapter, ein Psycho dabei -, die dafür sorgen, dass aus dem Bewaffnen von Kindersoldaten, aus dem Verminen von Gebieten ein einträgliches Geschäft wird. 1990 notierte ich in meiner „Antipostmoderne“ (ich nannte sie damals tatsächlich so, kam erst hinterher zu einer gerechteren, positiveren Einschätzung): „Nix gegen eine Mikrophysik der Macht. Aber wissen, wer wann wo wie warum weshalb zu welchem Zweck mit welchen Mitteln in welchem Aufsichtsrat sitzt, kann auch ganz lecker sein.“ Da habe ich letztlich bis heute nix zurückzunehmen…

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Kommentare

  • flummi  On Januar 22, 2012 at 01:29

    zu Kachelmann will ich nichts sagen – nur soviel: nicht das Opfer als Opfer ist authentisch, sondern eben ja gerade eher nicht. Was aber auch rein gar nichts über den tatsächlichen Tathergang aussagt. Ich verabscheue öffentliche Prozesse dieser Art weil sie letzlich überhaupt nichts zu irgendeiner Wahrheitsfindung beitragen.

    „Der Patient ändert sich erst, wenn er selbst die Verantwortung dafür übernimmt, daß er sich einmal dafür entschieden hat, sich der Macht zu unterwerfen. Denn genau diese Unterwerfung ist es, die sein autonomes Potential hat verkrüppeln lassen und die seine seelischen Deformationen bewirkte. Das ist auch meine Kritik an Alice Millers Sichtweise, obwohl ich ihr Werk für wichtig und bedeutsam halte. Sie argumentiert, als ob das Verständnis für die determinierenden Einflüsse bereits die Heilung bewirke. Tatsächlich führt das aber nur dazu, daß sich der Patient wollüstig im Spiegel des therapeutischen Verständnisses sonnt, ohne sich ändern zu müssen“. Der Wahnsinn der Normalität, dtv, 12. Auflage März 2003, S.19

    * Anmerkung: Es gibt nun natürlich Gewaltopfer, die sich durch diese Worte Arno Gruens verhöhnt fühlen, haben sie sich ja nicht freiwillig der Macht unterworfen. M.Ansicht nach spielt das aber eben keine Rolle, es geht ja nur darum, sich von seinem verfestigten Opferstatus zu lösen.

  • flummi  On Januar 22, 2012 at 02:00

    Ps. es gibt viele Wege, sich der Macht zu unterwerfen, auch eine Psychotherapie kann ein solcher Weg sein, nämlich dann, wenn es darum geht, den Patienten mit den Zuständen versöhnen zu wollen. Diese Versöhnung wiederum emfinde ich als Verhöhnung, ich muss mich nicht mit den Zuständen versöhnen, um aus meiner Opferrolle herauszufinden. Im Gegenteil, katapultiert mich diese Versöhnung erst so richtig in den Sumpf der Selbstkorruption. So, und jetzt halt ich wieder meine Klappe, finde ohnehin nicht die richtigen Worte um das zu sagen, was ich eigentlich zu sagen hätte 😉 N8!

    • hf99  On Januar 22, 2012 at 02:03

      das mit der Versöhnung stimmt völlig. halte Deine Klappe bitte nicht. Problem ist eben nur: Was, wenn jemand seine eigenen, ganz anders zu verortenden Probleme beim Opferdiskurs deponieren will?

      Zu Gruen: Seiner kritik an Miller stimme ich bei. Danke, dass Du es ausgegraben hast.

    • flummi  On Januar 24, 2012 at 01:05

      apropos „sich der Macht unterwerfen“

      Ich las mich letzte Nacht durch unzählige Erfahrungsberichte von Menschen mit psychischen Problemen in stationärer Behandlung. Vor allem die städtische Psychiatrie bekam desaströse Bewertungen, die Zustände dort lesen sich als noch genauso katatsrophal wie ich sie von vor 30 Jahren in Erinnerung habe. Aber auch die Berichte aus psychosomatischen Kliniken und psychotherapeutischen Tageseinrichtungen ergeben ein überwiegend negatives Bild.

      Well, immerhin – die Freundlichkeit und Warmherzigkeit des Küchen-und Reinigungpersonals und der Mitpatienten blieb nicht wengien der Patienten als heilsamer Aspekt in Erinnerung

      Ein paar Beispiele:
      http://gruenegummizelle.blogspot.com/2012/01/herzlichen-dank-das-freundlichen-kuchen.html

  • MelusineB  On Januar 22, 2012 at 13:02

    In vielen Punkten stimme ich zu. Problematisch scheint es mir, den „Fall Kachelmann“ nun so eindeutig „herumzudrehen“. Ich kann das nicht beurteilen. Auf jeden Fall bin ich dafür, den Einzelfall zu prüfen. Und auch überzeugt, dass wir im Rechtsstaat damit leben müssen, dass einzelne Täter nicht überführt und daher auch nicht verurteilt werden können, auch wenn sich das für die Opfer unerträglich anfühlt.

    Es ist sehr schwierig, eine richtige Balance zu finden. Einerseits bin ich völlig damit einverstanden, dass es darauf ankommt, die Ursachen und die Täter (Heckler & Koch) zu bekämpfen. Andererseits muss es Raum für jene geben, die unter Gewalt gelitten haben, ihre Geschichte, ihre Sicht zu erzählen. Beides ist wichtig.

    Ich glaube, es kommt immer darauf an, in welchem Umfeld man gerade spricht. Oft ist es notwendig, den Raum zu eröffnen, damit jene sprechen können, die sonst nicht gehört werden (dabei ist vor allem darauf zu achten, sie nicht durch eine wohlmeinende Symbolisierung erneut von einer eigenen Stimme zu enteignen oder gar die Anmaßung zu begehen, in „ihrem Namen“ zu sprechen). In anderen Zusammenhängen ist es wichtiger, den „Opferdiskurs“ zu durchbrechen und sichtbar zu machen, wie sehr die Fixierung auf bestimmte Themen zur Voreingenommenheit führt – aus besten Absichten.

    By the way: Ich habe „Ostseeripper“ gelesen und war beeindruckt. Nur den Titel finde ich ein wenig „reißerisch“, da der Roman selbst gerade vermeidet, die Klischees zu bedienen (das soll wohl durch den Untertitel angedeutet werden). Dennoch wünschte ich mir für das Buch einen Titel, der es weniger verdächtig machte, zu den durchschnittlichen und wohlfeilen „Regional-Krimis“ zu gehören. Denn es ist viel besser als diese!

  • hf99  On Januar 22, 2012 at 13:18

    Zunächst zum unwichtigsten: danke für das Lob. Der Titel persiflierte in der Tat die üblichen, reisserischen Titel. Im übrigen: Worüber schrieb Merrit nochmal ihre Abschlußarbeit? 😉 (Für die, die es nicht wissen: über die Rolle der Aufschneiderei im erzählerischen Frühwerk Heinrich Manns…)

    Zu Kachelmann: Doch doch, das war – wie etwa auch bei Amanda Knox – forensisch schon eindeutig: Multiple Lügen der Anzeigenerstatterin, fehlende DNA-Spuren auf dem angeblichen Tatwerkzeug. Und was eben so interessant war: dass bestimmte Leute, Madame grand Schwadroneuse Alice vorneweg, vor diesen doch wirklich eindeutigen Fakten konsequent die Augen schloßen: weil, so schloss sie messerscharf / nicht sein konnt´ was nicht sein darf. Kachelmann musste einfach der Täter sein. Wenn die Wirklichkeit nicht mit meiner ideologie übereinstimmt…desto schlimmer für die Wirklichkeit. Ich fand das schon gespenstisch, was in den Fällen Kachelmann und Knox (die blutgeile Sex-Hexe von Perugia…) ablief.

    Zum Opfer: eben darum Opfer versus „Opfer“. Das reale Opfer muss reden dürfen. Aber im talkshowkompatiblen „Opfer“-gequassel kommt es unter die Räder. ich bestreite keineswegs die Verdienste von Wildwasser, zartbitter etc. Aber wenn dann die großartige Feministin Katharina Rutschky ruhig, sachlich, unaufgeregt mal nachfragt und sagt „Äh Moment, einige Probleme gibt es da aber schon noch, da müssen wir nochmal weiter forschen“ und sich dafür auf eine unglaublich niederträchtige Art als „Täterschützerin“ anpinkeln lassen muss, dann haben wir eine Entwicklung, die nicht gut ist. Rutschkys Fragen wären selbst dann legitim gewesen, wenn sich im weiteren Verlauf herausgestellt hätte: Oh, Katharina, da warste aber aufm falschen Dampfer. War sie nicht. Sie war, Stichwort Fall Worms, aufm richtigen… Das ist alles schon verstörend.

    Wie ich Räume für die realen Opfer schaffe – für stotternde oder schweigende Opfer – ich weiß es nicht. ich weiß: So jedenfalls nicht. Nicht per Heiligen des Opfers.

  • Frau Lehmann  On Januar 22, 2012 at 21:09

    Prinzipiell stimme ich der bitteren Erkennnis zu, dass durch eine unangemessene, skandalträchtige Emotionalisierung (es geht eben tatsächlich dabei nicht um echtes Mitgefühl) nicht an die Opfer gedacht wird, diese definitiv benutzt werden, um eigenes Tun zu legitimieren (bsw. Opferverbände) oder auch ein Klima der Angst zu schaffen (um evtl. irgendwelche Gesetzesnovellen durchzudrücken, den Eindruck zu vermitteln, wir alle und „Vertretergruppen“ im Speziellen seien ja wachsam) oder auch nur eine angebl. vorherrschende Sensationslust zu befriedigen – je prominenter Opfer oder Täter desto gewinnbringender. Den Fall Kachelmann habe ich allerdings anders wahrgenommen. Anfangs sehr stark am Opfer orientiert (dass es dabei um das Durchsetzen theoretischer – feministischer – Prinzipien in Verbindung mit Sensationsgeilheit ging zeigt doch die „unheilige“ Verbindung der Vorzeigefeministin Schwarzer mit der BILD) wurde später zunehmend Kachelmann als Opfer einer Intrige dargestellt. Was, so meine Gedanke, hatte das angebliche Opfer denn davon, Kachelmann vor Gericht zu zerren? Öffentlichkeit? Finanzielle Vergütungen? Sich in der Rolle des Opfers zu sonnen? Befriedigung ihrer Rachegelüste? Oder hatte sie einfach nur die falschen Berater, die sich auf ihre Kosten einen Namen machen und dabei gut verdienen können? Wenn man bedenkt, wie diese Frau im Verlaufe des Prozesses regelrecht demontiert wurde, was angesichts des prominenten Beklagten doch vorauszusehen war, in welcher Form sollte denn dann ihre Rache für das abgewiesen Werden ihres ehemaligen Liebhabers „erfolgreich“ verlaufen? Kachelmanns persönliches Liebesleben hat selbstverständlich auch nicht zu interessieren. Meines Erachtens ist definitiv aber nicht bewiesen, wer sich schuldig gemacht hat, was bei solchen Fällen ja durchaus nicht selten ist, weil es nunmal im privaten Bereich in der Regel keine Zeugen gibt und Aussage gegen Aussage steht. Aber das nur am Rande. Worum es mir eigentlich geht, ist die Feststellung der Tatsache, dass der sexuelle Missbrauch in unserer Gesellschaft ein so skandalträchtiges Thema ist (erst recht, wenn Prominente involviert sind und es wie im „Wormser Fall“ um angebl. Massenmissbrauch geht), dass es sich für bestimmte Menschen/Kreise einfach lohnt, das Ganze aufzubauschen. Im Fall des sexuellen Missbrauchs ist es meiner Meinung nach aus der Perspektive „echter“ Opfer sowohl skandalös, wie sie von Medien und angeblichen Klientelvertretern zum eigenen Vorteil benutzt werden als auch die Tendenz davon auszugehen, dass solche Opfer sich von vorne herein des Generalverdachtes erwehren müssen, gar nicht missbraucht oder vergewaltigt worden zu sein, sondern einen persönlchen Rachefeldzug angezettelt zu haben. Wenn letzteres bsw. eine generelle Überlegung gegen den Strafbestand der Vergewaltigung in der Ehe war, nachzulesen unter http://www.joerg-rudolph.de/diplomarbeit/08_literaturverzeichnis.htm – 17k, und sich eine Frau, die eine Vergewaltigung ihres Partners anzeigt, sich die Frage gefallen lassen muss, ob sie „es“ denn lieber hart mag oder eher der „Kuscheltyp“ sei, dann wird eine ganz andere Dimension deutlich, nämlich, dass der Tatbestand der Vergewaltigung als solcher im gesellschaftlichen (vorwiegend männlichen) Konsens als solcher für die Frau überhaupt nicht gravierend sei. Latent klingt da immer eine Mitverantwortung der Frau an. Die in einer Gerichtsverhandlung zu Recht eingeforderte Unschuldsvermutung des Beklagten gilt in der Form dann für das evtl. Opfer wohl nicht? Anders sieht es da natürlich beim Kindesmissbrauch aus. DAS ist ein Thema, welches man auf Grund der allegemeinen Betroffenheit weidlich auschlachten kann. Hier sind meines Erachtens sehr viele übereifrige, aber nicht immer kompetente Menschen am Werk, weil DAS darf es in unserer Gesellschaft ja nicht geben und damit kann man sich als „Experte“ wunderbar profilieren und als Aufklärer und Held gerieren. (Mal als Gegenüberlegung: Wie war das denn mit der Odenwaldschule? Warum hat es länger als 10 Jahre nach der ersten Veröffentlichung einiger Opfer gedauert, bis das in den Medien tatsächlich zum großen Thema gemacht wurde?) Es geht, wie in sehr vielen anderen Fällen, die emotional und gewinnbringend ausgeschlachtet werden können niemals um die Opfer. In unserer Gesellschaft werden so Ersatzgefühle geschaffen, die uns (als Zuschauer und nicht Betroffene) nur glauben machen wollen, wir seien mehrheitlich auf der richtigen Seite und würden menschlich mitfühlen und dann ist die Welt wieder in Ordnung. Wirkliche Konsequenzen? Fehlanzeige. Denn die wären ein Indiz dafür, dass es um echte Aufarbeitung und echtes Mitgefühl mit den Opfern ginge.

  • hf99  On Januar 23, 2012 at 00:51

    Danke, ich stimme zu. Ich zitiere ausgiebig:

    „Worum es mir eigentlich geht, ist die Feststellung der Tatsache, dass der sexuelle Missbrauch in unserer Gesellschaft ein so skandalträchtiges Thema ist (erst recht, wenn Prominente involviert sind und es wie im „Wormser Fall“ um angebl. Massenmissbrauch geht), dass es sich für bestimmte Menschen/Kreise einfach lohnt, das Ganze aufzubauschen. Im Fall des sexuellen Missbrauchs ist es meiner Meinung nach aus der Perspektive „echter“ Opfer sowohl skandalös, wie sie von Medien und angeblichen Klientelvertretern zum eigenen Vorteil benutzt werden als auch die Tendenz davon auszugehen, dass solche Opfer sich von vorne herein des Generalverdachtes erwehren müssen, gar nicht missbraucht oder vergewaltigt worden zu sein, sondern einen persönlchen Rachefeldzug angezettelt zu haben. Wenn letzteres bsw. eine generelle Überlegung gegen den Strafbestand der Vergewaltigung in der Ehe war, nachzulesen unter http://www.joerg-rudolph.de/diplomarbeit/08_literaturverzeichnis.htm – 17k, und sich eine Frau, die eine Vergewaltigung ihres Partners anzeigt, sich die Frage gefallen lassen muss, ob sie „es“ denn lieber hart mag oder eher der „Kuscheltyp“ sei, dann wird eine ganz andere Dimension deutlich, nämlich, dass der Tatbestand der Vergewaltigung als solcher im gesellschaftlichen (vorwiegend männlichen) Konsens als solcher für die Frau überhaupt nicht gravierend sei. Latent klingt da immer eine Mitverantwortung der Frau an. “

    Thats the point. In diesem Hin und Herr verliert sich dann alles in einem Diskurs-Bermuda-Dreieck. Und dieses Bermuda-Dreieck tut der Sache nicht gut. Vor allem eben den realen Opfern nicht.

  • DerKritiker2011  On Januar 28, 2012 at 13:37

    @Frau Lehmann
    „Die in einer Gerichtsverhandlung zu Recht eingeforderte Unschuldsvermutung des Beklagten gilt in der Form dann für das evtl. Opfer wohl nicht?“

    Solange der Täter angeklagt ist, gilt diese nicht. Das Opfer ist hier Zeuge und muss wahrheitsgemäß aussagen. Dass ist in jedem Gerichtprozess notwendig. und gehört zu einem fairen Verfahren, andernfalls würde nur eine Beschuldigung reichen, jemand hinter Gitter zu bringen.

    Und ein Rachefeldzug muss das Gericht auch – will es den Angeklagten schuldig sprechen und wird dieser vom Angeklagten behauptet wurde – auch begründet aussschließen. Andernfalls liegt ein Verfahrensfehler vor.

    Etwas anderes würde den Rechtsstaat aushebeln.

    Die Problematik „Vergewaltigung“ in einer Beziehung ist eins der Delikte, welche eben rechtlich nicht zufriedenstellend gelöst werden kann. Damit muss man sich abfinden.

    Daher wäre es gerade notwendig, dass die StA ein großes Fingerspitzengefühl in diesen Fällen aufzuwenden hat. Wiederholungsgefahr in einer Beziehung besteht dann nicht, wenn man beide Parteien trennt. Eine Verhaftung ist hier in keiner Weise notwendig. Auf diese Weise kann in Ruhe das Verfahren vorbereitet werden. Jede Öffentlichkeit ist hier zu meiden, da dies zur Rufschädigung beider beiträgt.

    Im Fall K. ist in dieser Richtung alles schief gelaufen. Eine Verhaftung war hier im Endeffekt von vornherein nicht notwendig. Hätte K diese Tat wirklich begangen, hätte er sich höchstwahrscheinlich nicht mehr in D blicken lassen (Vergleich Fall Knox: der höchstwahrsacheinlich wirkliche Täter war nach Deutschland geflohen).

    Wenn man dann die StA in diesem Fall sieht, die noch im Schlussplädoyer „pikante Tatsachen“ an die Öffentlichkeit bringen wollte, liegt hier in meinen Augen ein schweres Vergehen von Seiten der StA vor. Dass nur die Verteidigung ihr Fett in der Urteilsverkündung ihr Fett abbkommen hat, zeigt wie voreingenommen zumindest der Vorsitzende in Wirklichkeit war, was vermutlich durch die private Nähe zur Anzeigeerstatterin bedingt war

    In den oben erwähnten Fällen – wie Knox, Kachelmann und Worms – ging das Problem ursächlich jeweils von der StA aus. Fingerspitzengefühl war hier nicht vorhanden. Ganz im Gegenteil hier lag Vorverurteilung vor.

Trackbacks

  • By Eugenik, 1933 | Kritik und Kunst on Mai 8, 2014 at 08:38

    […] dann seinen schäbigen Diskurs-Mehrwert saugt. Über diese Untiefen habe ich mich nun wieder und wieder ausgelassen. Dass auch Opfer wie Georg und Felix Klemperer nicht makellos und rein sind, sondern […]

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