Die deutsche evangelische Theologie, ein Zustandsbericht

Der evangelische Theologe Otto Michel, der nach 1945 für eine neue deutsche Judaistik stand, verschwieg seine braune Herkunft.
(…)
»Politisch habe ich niemals einer anderen Partei angehört als der NSDAP«, schrieb dieser 1939. Und: »Ich habe 1933-1936 in drei verschiedenen aktiven Stürmen der SA Dienst getan, obwohl ich zeitlich ein nicht unbeträchtliches Opfer bringen musste. Aber ich war gern in der SA und verdanke ihr manche schöne Erinnerung.« Später, nach dem Krieg, wird Michel dann von sich behaupten: »Ich bin wohl der Hallenser Dozent und Assistent, der den stärksten Widerspruch, auch öffentlich, gegen den Nationalsozialismus geleistet hat.«

Dieses Image als Widerständler pflegte Michel auch in Israel. Einreisen konnte er dort – trotz seines Jahrgangs 1903 –, ohne wie andere dieser Altersgruppe über seine Vergangenheit Rechenschaft ablegen zu müssen, weil er ja Geistlicher war. In seiner Autobiografie erinnert sich Michel, wie ihn der deutsch-jüdische Gelehrte Gershom Scholem in Jerusalem nach seinem Umgang mit alten Nazis, die immer noch in Deutschland lehrten, und nach seiner eigenen Vergangenheit im »Dritten Reich« fragte. Als Antwort zog Michel seine abgegriffene Mitgliedskarte der Bekennenden Kirche als »Dokument des Widerstands« aus der Tasche.
(…)
Wie kam ein früheres NSDAP-Mitglied dazu, ostentativ die Nähe zu Martin Buber, Gershom Scholem und anderen zu suchen? Angesichts von Michels Lebenslüge klingt es wie Hohn, was er in seiner Autobiografie über das jüdisch-christliche Verhältnis schrieb: Seine eigenen Freundschaften mit Juden hätten sich stets daran entschieden, »ob ein Jude mich annehmen konnte. Nicht ich bot mich ihnen an, sondern jeder Jude prüfte mich, ob er mich annehmen konnte.«
(…)
Ein posthumer Gedenkband für ihn aus dem Jahr 2003 trägt den Titel Ich bin ein Hebräer.

Ekelhaft.

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Kommentare

  • summacumlaude  On Januar 24, 2012 at 15:59

    Tja Hartmut, das I S T das deutsche Jahrhundertthema: Der gehemmt-aggressiv vorgetragene Versöhnungsanspruch an die Opfergruppen des deutschen Wahns. Solange die Angehörigen der Opfergruppen mehr oder minder, und meist nur aus Höflichkeit halbwegs mitmachen, war für die deutschen Protestanten noch Hoffnung da, endlich die erlösende Vergebung zu finden. Versöhnung durch Anverwandlung! Dieses Muster – hier bei einem Protestanten gewissermaßen theologisch von Dir dargetan – fand und findet man allüberall. Kulturell war Heinz Berggrün die Projektionsfigur des Erlöserjuden zu Beginn der Berliner Republik. Von deutsch-jüdischer Symbiose war da dumm-klügelnd die Rede! Politisch gehörte es zum guten Ton, seine gut-demokratische Gesinnung sich alljährlich von Ignatz Bubis bestätigen zu lassen. Aber natürlich nur, wenn die demokratische Presse anwesend war. Auf Demonstrationen gegen Rassismus klebten sich deutsche Protestanten in Umkehr der historischen Fakten einen gelben Judenstern aufs Revers. Versöhnung durch Anverwandlung eben: Tempora mutantur, nos et mutamur in illis! Oder?

    Aber weheweheweh – wenn ich auf das Ende seh. Wenn die vom Protestantentum definierte Projektionsfigur einmal sich nicht wie erwartet benahm….
    so geschehen Ignatz Bubis, als er sich gegen Walser wandte: Da war was los! Da wurde Bubis aber mittenmal zwischengenommen, von denselben Gestalten, die ihn vormals doch hofierten! – und da konnte jeder sehen, wie eng das Gehemmte mit dem Aggressiven zusammengeht. Schlimmer noch: Wie eng der gehemmt-aggressive Versöhnungsanspruch mit der diesen Versöhnungsanspruch erst ausgelöst habenden tötenden Aggression zusammen gehört. Die Zeiten ändern sich, die deutschen Protestanten…..

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