„Kapitän Feigling“

Ist so ein kleiner Spleen von mir: Wo alle Welt glaubt sein klägliches Mütchen kühlen zu dürfen, frag ich lieber noch einmal nach. Kapitän Schettino ist also ein „Feigling“, allein verantwortlich ist er sowieso. Letzteres hätte die Reederei gar nicht groß heraus stellen müssen; bei solchen Unglücken sind bekanntlich immer Kapitän und Mannchaft verantwortlich, nie die Praxis, die sich etabliert hat, und etwaige Vorgaben der Reederei schon gar nicht. Zwar ist es ausgemachte Tatsache, dass sich die Praxis eines „Knicks“ im Kreuzfahrtgewerbe seit Jahren etabliert hat, sie wird von den Kunden erwartet, und also – alles andere wäre weltfremd! – von der Reederei. Aber es ist wie mit übermüdeten Truckern: Beweis mal! „Wir als Spedition legen Wert auf das Einhalten der Ruhezeiten…“, und die Gerichte nicken diese klägliche Fiktion, von der jeder weiß, dass sie einfach nicht stimmt, regelmäßig ab.

Die Berichte sind derzeit noch ungenau. Fiel zuerst der Strom aus (und somit die Navigation) und kam es danach zur Grundberührung, ggfls im Rahmen eines von der Reederei augenzwinkernd eingeforderten „Knicks“ – oder umgekehrt? Aber das ist der „penny- und halfpenny-Journaille“ (Conrad, 1912) natürlich völlig egal. Den Spruch der Seeamtsverhandlung abwarten? Schettino zugestehen, dass auch er unter Schock steht? Eines Mannes Rede ist keine Rede, man soll sie billig hören alle beede? Aber nicht mit uns, nicht mit der MoPo, diesem Fachblatt für den maritimen Wutbürger. Übrigens: Schettinos Entscheidung, die „Costa Concordia“ auf Grund zu setzen (was vermutlich ihren Totalschaden zur Folge haben wird), anstatt sie in tieferes Gewässer zu steuern in der Hoffnung, mit dem Leck fertig zu werden, hat vermutlich dutzende, wenn nicht hunderte von Leben gerettet. Mitten in der Nacht in tiefem Wasser kentern – na dank auch schön.

Äußerst unangenehm finde ich auch das Geplärre der Überlebenden, die sich, in der Pose artikulierter Ankläger, jetzt über die angeblich inkompetente Crew herrmachen. Ich sagte es neulich schon: So wenig Opfer bei solch einem Desaster, das spricht nicht unbedingt gegen die Crew. Man beschwert sich, höre ich, lautstark darüber, dass man nicht auf die Boote gelassen, regelrecht zurückgepfiffen wurde. Was hätte die Crew denn sonst in 6 Sprachen durchgeben sollen? „Alle sofort in die Boote, wir sinken“? Es hat schon erste Prügeleien um die Plätze in den Booten gegeben. Bei der dann einsetzenden Panik wären mit Sicherheit mehr Menschen ums Leben gekommen als die Opfer, die jetzt zu beklagen sind.

Ich kenne die Fakten sowenig wie die MoPo. Ich spreche Schettino nicht frei. Aber ich will die Fakten haben, und zwar alle, bevor ich urteile. Wurden „Knicks“ erwartet? Wurde Druck aufgebaut auf Kapitän und Mannschaft? Und – ohne die Reederei, ohne die Aktiengesellschaft freisprechen zu wollen: Wer erwartet letztlich denn „Knickse“, waghalsige Manöver? Die Shareholder? Oder die Kunden, eben jene Kunden, die jetzt mit viel Empörungs-Bassa-Manelka und noch mehr Empörungs-Bassa-Teremtemtem aufwarten und erstens die Medien und zweitens ihren Anwalt anrufen?

Die „Titanic“ sank (vermutlich), weil sie mit überhöhter Geschwindigkeit in ein Treibeisfeld steuerte – und Pech hatte. Dabei hat Kapitän Smith eigentlich nicht viel falsch gemacht. Er hat sogar südlicheren (längeren!) Kurs legen lassen, um dem gemeldeten Treibeisfeld auszuweichen – womit, nebenbei bemerkt, Theorien widerlegt sind, wonach Bruce Ismay aus geschäftlichen Gründen eine riskante Seemannschaft befohlen haben soll. Dass ihm diverse weitere Eiswarnungen unterschlagen wurden, lag an der Organisation des Schiffsfunks 1912: Die Funker waren, man kann es per heute nicht glauben, damals nicht etwa Teil der Mannschaft, sondern Angestellte der Marconi. Ihre primäre Aufgabe war es, Telegramme für die Privatkundschaft zu empfangen oder abzusetzen. Die seemannschaftlich relevanten Nachrichten rauschten so mit durch (oder auch nicht), ständige Funkpräsenz war nicht vorgeschrieben. Obwohl man bereits aus dem „Republic“-Desaster 1909 hätte lernen können, wie wichtig der Funk für (damals) moderne Seemannschaft ist. Aber der Untergang der „Republic“ ging ja gimpflich ab. Auch 1909/12 ging der Krug schon so lange zum Brunnen, bis er bricht… Erst nach dem „Titanic“-Desaster gab es Vorschriften für Funk auf See, zusamt der Regel, dass sicherheitsrelevante Nachrichten, die die Schiffsführung betreffen, absoluten Vorrang haben vor der Nachricht an Tante Käthe, man sei um 11 Uhr in Bremerhaven, und sie solle doch bitte an den Papagei „Lucy“ denken…

Auch hier ging es relativ gimpflich ab. Knapp 20 Tote (für die Vermissten dürfte leider kaum noch Hoffnung bestehen)…das ist, ich bitte die Angehörigen um Entschuldigung, wenig, wenn wir an die „Herold of Free Enterprise“ denken, die damals, ich glaube vor Zeebrügge, sich ebenfalls in flachen Gewässern auf die Seite legte und keinswegs vollständig versank. Dennoch 200 Tote, bei 620 Passagieren und Crew-Mitgliedern. Hier 20 von 4.000. Das Geschäft mit einer kleinen Stadt, die allen Ramba-Zamba enthält und ansonsten zufällig schwimmen und ein bißchen navigieren kann, dürfte also weiter gehen. Mit „Knicks“ (nach einer Schampause selbstverständlich!), mit allem.

Schlimm, dass die Menschheit immer wieder Eisberge benötigt, um ihre Unvernunft wenigstens auf Teilgebieten abzulegen.

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Kommentare

  • altautonomer  On Januar 17, 2012 at 09:20

    Dieses Unglück ist auch das Ergebnis des wachstumshysterischen „Höher, schneller, größer!“. Beim Lesen des korrekten und durchaus nicht polemischen Begriffs „schwimmende Städte“ mußte ich an ein weitere Projekt des „immer größer“ denken. Nämlich an den laufenden Test mit sogenannten Giga-Linern, Lkw mit über 25 m Länge und 50 % mehr Ladegewicht, die -so befürchten Fachleute- z. B. bei heruntersinkenden Schranken nicht schnell genug den Bahnübergang passieren können und von herannahenden Intercity erfasst werden.

  • genova68  On Januar 17, 2012 at 13:27

    Eingentlich eine ganz interessante Geschichte, dieses Kreuzfahrtdesaster. Es ist wie beim Traumschiff: Der Kapitän ist nur zur Repräsentation mit seinem schicken Sakko da, keiner erwartet, dass er das Schiff noch fährt, geht ja alles elektronisch. Und dann ist dieser Kapitän, der seit Jahren aufs rein Formale reduziert wird, ein Hallodri, der waghalsige Experimente unternimmt, um auf der Insel irgendwen zu grüßen. Man hätte ja beim Blick nach draußen feststellen können, dass man mit einem so großen Schiff nicht so nah an die Küste fährt, da braucht man keine Karte.

    Und krass ist, dass die Rettungsmaßnahmen jetzt so hilflos verlaufen. Warum kann man nicht einfach in das Schiff reintauchen und kurz in jedes Zimmer schauen, ob da noch jemand drin ist? Ist das für Profitaucher so schwierig? F+r Taucher, die im Rhein bei starker Strömung runtertauchen etc.? Mal abgesehen, dass das Schiff absackt.

    Der Mensch ist in der Lage, eine Stadt auf dem Wasser zu bauen, 300 Meter lang, 4500 Menschen, aber er ist nicht in der Lage, da mal flott runterzutauchen und nachzugucken.

  • willi  On Januar 17, 2012 at 14:47

    Das mit dem Tick geht mir ähnlich und regelmäßig fällt mir dabei auf, dass es eben nicht darum geht, wirklich zu informieren -was tatsächlich passierte steht dann Jahre später in einem Absschlussbericht, der nur noch für einen Zweizeiler reicht, weil es alle längst vergessen haben- sondern Betroffenheit und Empörung zu verkaufen. Das ist wesentlich lukrativer als den Fragen nach Shareholdern oder etwaigen Abhängigkeiten von Angestellten
    nachzugehen wie du sie aufwirfst.
    Wozu auch. Nachher kommt noch raus, dass ein systemimmanenter Konkurrenzdruck zu riskanten Spektakeln zwingt, weil sonst die Kundschaft zum etwas risikofreudigerem Wettbewerber geht!

    Es macht schließlich auch einfach mehr Spaß, wenn man wegen der Überschaubarkeit des Szenarios (scheinbar) die Verantwortlichkeiten einfach erkennen kann. Ganz anders als etwa bei Lebensmittelskandalen, wo zwar auch eine Firmenleitung dahintersteckt aber sich meistens nicht so genau sagen lässt, wer was gewusst und angeordnet hat, was neben der unübersichtlichen Verantwortlichkeiten allerdings auch der mittlerweile erreichten Raffinesse der Täter geschuldet ist, scheinen hier die Dinge eindeutig und es ist schnell klar, wer da hinzurichten ist. Regelrecht freudlos dagegen die bei Lebensmittelskandalen regelmäßig wiederholte Feststellung, der Konsument sei am Ende selbst Schuld, weil er immer nur billig kaufen wolle.

    Aber vielleicht bekommt ja diesen Spin auch hier noch hin: Immerhin habe, so heißt es, das Personal unprofessionell „gewirkt“. Kein Wunder könnte man da sagen, wenn man so viele Philippinos beschäftigt, die bekanntlich viel billiger sind als einheimische Besatzungen. (Den dezenten Rassismus gibt’s dann gratis dazu.)

    „Rettungchaos wegen Sprach- und Mentalitätsproblemen.“

  • hf99  On Januar 17, 2012 at 15:10

    „Immerhin habe, so heißt es, das Personal unprofessionell „gewirkt“. Kein Wunder könnte man da sagen, wenn man so viele Philippinos beschäftigt, die bekanntlich viel billiger sind als einheimische Besatzungen. (Den dezenten Rassismus gibt’s dann gratis dazu.)

    „Rettungchaos wegen Sprach- und Mentalitätsproblemen.““

    Danke für diese wesentliche und zutreffende Ergänzung zum Punkt „Rassismus“. Wichtig! Diese Schwarzen, setzen immer noch Pestizide ein auf ihren Kakaobohnenfeldern…empörend! (Was es in der tat ist, aber anders, als von unseren verbeamteten Verbraucherschützern gedacht…)

  • altautonomer  On Januar 18, 2012 at 09:45

    Titanic fragt: Wo bleibt „Frontex“, wenn man sie mal wirklich braucht?

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