Verrat – edit (2)

Via Klaus Baum gelange ich an diesen Text von Dressen. Für ´uns´ ist das letztlich natürlich nichts Neues; dennoch fasst Dressen es noch einmal sehr gut zusammen.

Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat das Fortleben der Vernichtungsutopie bis in die Gegenwart untersucht und die Erfahrung der Endlösung einbezogen. Er schreibt vom „Wahnsinn der Normalität“; Wenn wir uns zwingen lassen, uns selbst fremd zu sein, projizieren wir unser Leiden in ein Außen, das wir vernichten müssen. Nur so kann die Normalität des Gegebenen gerettet werden. Arno Gruen bezeichnet diesen mörderischen Realismus als die Krankheit der angepassten Menschen. Arno Gruen:

„Gefühle, die keine Gefühle sind, erkennt man an der Gewalttätigkeit. Darin liegt auch der Grund, warum es der Welt der Angepassten nicht möglich ist, die Gewalt einzudämmen. Um zu ihren Wurzeln zu gelangen, muss man erkennen, dass die offene Gewalt und die bestehende konformistische Gewalt von gleicher Herkunft sind.“

Das ist eine zentrale Einsicht. Mit genau diesem psychischen Rüstzeug organisiert sich das Bürgertum seine Welt, mit genau dieser stumpfen Bewusstlosigkeit führt es sich auf.

Interessanterweise ist Hannah Arendt, trotz völlig anderer Ansätze, zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Kern totalitärer Bewegungen ist ihr zu Folge bekanntlich der Terror, also die Vernichtung des Menschen, alles Menschlichen, die Vernichtung von Identität, Individualität, von Spontanität (für Arendt ein wesentlicher Begriff), von Sinn. Voraussetzung dafür, dass eine totalitäre Bewegung Zustimmung erfährt, ist die Vereinzelung und vor allem Verunsicherung von Menschen in der Massengesellschaft, ihre Nivellierung. In dieser Nivellierung wird die Zerstörung aller menschlichen Bindungen, die der Totalitarismus in seinen Lagern dann herstellen wird, symbolisch bereits vorweggenommen (merkwürdigerweise verwendet Arendt hier soziologische Kategorien, was ihr, die von soziologischem Denken nicht allzu viel hielt, vermutlich gar nicht bewusst war). Am Ende erstellt der Totalitarismus dann mithilfe realitätsloser Kriterien eine fiktive Welt, in der es nur noch entweder „Mitglieder“ oder „Schuldige“ gibt, wobei die Gruppenzuschreibungen dynamisch sind: Ein Mitglied kann, ohne dass sich an seinem Verhalten etwas geändert hat, einfach aufgrund der „Dynamik der Bewegung“, zum „Schuldigen“ werden, denn die „Schuld“ der „Schuldigen“ ist ja ohnedies fiktiv, sie macht sich nicht an Wirklichkeiten fest. Und kaum etwas scheint so verlockend in einer Welt voller Nivellierungen, als „Mitglied“ einer „Bewegung“ zu sein, die der Welt und den Menschen, anstatt sich mit ihnen auseinander zu setzen, einfach eine neue, gewaltsame Wirklichkeit aufprägt. Dabei hat Arendt unterschiedliche, z.T. wohl wirklich widersprüchliche Antworten gegeben auf die Frage, warum, um alles in der Welt, die Teilhabe an einer solchen Bewegung denn so verlockend ist. Weil man sich der Bewegung und ihrem zwar wahnwitzigen, aber in sich stringenten Gedankengebäude, ihrer „neuen Welt“ verschrieben hat _ denn die alte war tot? Weil, wie sie an anderer Stelle schreibt (ich finde sie gerade nicht, für das Zitat möchte ich aber bürgen, kann jemand helfen?), es nicht wenige gäbe, die ihren Tod riskieren, wenn sie denn nur die Chance erhalten, zum Mörder zu werden? Oder weil – wie Arendt nicht etwa erst in Jerusalem bemerkte, sondern schon 1946 notierte (in ihrem Aufsatz „organisierte Schuld“) – dem verunsicherten Spießer und Familienvater, der aus Leidenschaft selbstverständlich niemanden töten würde, das Töten als „Job“ aufgegeben wurde, mit der Alternative „arbeitslos, sozial entwurzelt…oder Mörder“? Das alles muss sich nicht einmal ausschließen, aber zusammengefasst hat Arendt diese widerstreitenden Beobachtungen nie.

Gleichviel: Dass Arendt mit phänomenologischen Mitteln zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt wie Gruen, von Brentano oder Horkheimer/Adorno – letzteres hätte sie natürlich nie zugegeben – mit den ihrigen, verweist darauf, dass ihnen sehr wesentliche Einsichten eignen.

Es wäre falsch und auch unfair, unsere derzeitigen Zustände für Totalitarismus in Vollausprägung zu halten. (edit: wobei ich mir angesichts zB der unglaublich niederträchtigen Herrenmenscherei etwa eines Guttenberg, der damals bei der Beerdigung von BW-Soldaten bekanntlich von „Helden“ schwadronierte, auf die man „stolz“ sein könne, da nicht einmal so sicher bin.) Aber die Ansätze sind da. Natürlich plädiert derzeit niemand dafür, Erwerblose zu vergasen. Jedoch die Aggressivität, mit der Erwerblose symbolisch ausgeschlossen werden aus allen gesellschaftlichen Bezügen – Grundtenor: Erwerblosigkeit muss weh tun, der Erwerblose muss sich als defizitär begreifen -, ist schlimm genug. Noch um einiges schlimmer sind jene Zustände, die sich um den Begriff „Abschiebehaft“ gruppieren – ein Wort, das, mit allem, was es bedeutet, ersatzlos gestrichen gehört. Die ganze Erbarmungslosigkeit des versindelten Mittelstands kulminiert am Flughafen: Wenige Meter neben dem Check-In für die Tauchtour auf die Malediven wird deportiert. Und unsere Kriege? Das für uns (nicht für die Opfer!) lautlose Ausknipsen von Menschen, mithilfe von Drohnen, ihr lautloses Verschwinden, mithilfe von Folterflügen, sollte eigentlich jeden erschrecken. Ein Geheimnis jedenfalls ist diese Praxis nicht; jeder kann wissen, seit Jahren.

Nur kümmern diese Zustände jenseits der üblichen Verdächtigen natürlich niemanden. Allerdings muss man, gegen Arendt, gegen von Brentano, festhalten: Die unglaublich ausgeprägte Neigung des Menschengeschlechts, Verrat an seinesgleichen zu üben, hat nichts mit Moderne, nichts mit unabgegoltenen Versprechen, nichts mit nivellierter Mittelstandsgesellschaft zu tun. Der fatale Hang, falsche Nahgruppensolidarität zu üben, in Verbindung mit aggressiver Illoyalität gegen alles Fremde, ´Andere´, zeigte sich im Verlauf der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte. Ich will daraus keine anthropologische Konstante machen. Aber wer an irgend einer Änderung interessiert ist, muss hier ansetzen.

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Kommentare

  • eb  On Januar 15, 2012 at 22:24

    Deshalb bin ich Humanist. Ohne eine Basis, – geht es nicht. Alles andere, – ist Systemträumerei, welche die Normalität am objektive Sinne des eigenen Systems misst. Und jedes System, beinhaltet auch seine funktionale Endlösung. Und die ist immer totalitär. Wird wohl noch eine Weile gehen, – bis Tina den BH liftet. Auf allen Seiten dieser Systemgeigen.

    • Frau Lehmann  On Januar 17, 2012 at 20:51

      „Deshalb bin ich Humanist. Ohne eine Basis, – geht es nicht.“

      Stimmt. Ohne Basis geht es nicht. Heute wird aber eine ganz andere Basis in der (staatlichen) Bildung gelegt: die Vermittlung von Kompetenzen, die die zu Bildenden „fit“ macht im von unserer Kanzlerin zur Hauptaufgabe erkorenen globalen (wirtschaftlichen) Wettbewerb, den sie gerne ja auch unseren Enkeln noch erhalten möchte. Da ist nicht mehr viel übrig geblieben von humanistischer Bildung. Die erschöpft sich in der theoretisch begründeten Überlegenheit unseres Wirtschafts- (Marktwirtschaft) und politischen Systems (Demokratie) gegenüber einer Planwirtschaft und Diktatur. :((

  • genova68  On Januar 16, 2012 at 13:23

    Was Gruen sagt, klingt ein bisschen wie die autoritäre Persönlichkeit von Adorno. Das sind Theorien, die viel stärker in den Alltag einfließen müssten.

  • flummi  On Januar 16, 2012 at 14:05

    siehe auch Arno Gruen

    Der Verrat am Selbst

    Arno Gruen erfasst hier eine Grunddimension des mitmenschlichen Daseins: den Begriff der Autonomie, der nicht Stärke und Überlegenheit meint, sondern die volle Übereinstimmung des Menschen mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Wo sie nicht vorliegt, entstehen sowohl Abhängigkeit wie Herrschaftsanspruch.
    dazu gab es 1985 einen artikel im spiegel

    Nur der verwundbare Mensch ist stark

    Klaus Barbie, der gefürchtete Gestapochef von Lyon, machte in einem Interview ein bedeutsames Geständnis: Als er den französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin vernahm (und mutmaßlich zu Tode folterte), habe er gefühlt, „daß er ich selber war“. Der Mörder erkennt in seinem Opfer sich selbst – eine seltene, aber erhellende Einsicht: Aus dem Selbsthaß wächst der Haß. Woher aber kommt der Selbsthaß?

    Geläufig ist die Einfühlung des Opfers in den Täter, die beflissene Anpassung an den Unterdrücker – als „Identifikation mit dem Aggressor“ einer der klassischen „Abwehrmechanismen“, mit denen nach der Lehre der Psychoanalyse das bedrohte Ich eine unerträgliche Situation zu meistern sucht.

    Die meisten Menschen haben diese Anpassung geleistet, als Erziehungsdruck sie lehrte, daß Liebe (oder was dafür ausgegeben wird) nur um den Preis der Fügsamkeit zu haben ist, daß es also nicht ratsam ist, ein eigenes Selbst zu sein. Wer sich so akzeptabel macht für eine lebensängstliche Umwelt, zahlt mit dem Verzicht auf die eigene Lebendigkeit, die er hinfort fürchten und hassen muß, ohne es selber zu wissen.

    mit Verweis auf Jean Liedloff hatte ich das heute morgen schon bei flatter eingebracht, das gings aber dann in aufkommenden banalitäten unter.

    • Frau Lehmann  On Januar 17, 2012 at 00:46

      Danke für den Hinweis auf den Spiegel-Artikel. Wie aktuell Gruens Überlegungen doch sind! Schon der Titel der Rezension von Hans Krieger zu Gruens Buch im Spiegel „Nur der verwundbare Mensch ist stark“ weist doch schon auf das Grundproblem hin: dass in einer Welt wie der unseren, in der dem Menschen suggeriert wird, dass nur der Starke sich durchsetzt, der Verwundbare (Sensible, Selbstkritische, Selbstreflexive) der Schwache sein muss. Und was schwach ist, gehört verachtet und im schlimmsten Fall ausgemerzt, in sich selbst und im anderen, damit man nicht an die eigenen Unzulänglichkeiten“, an das eigene Ich erinnert werden muss. Welch eine Befreiung für all die „Unangreifbaren“, wenn sie erkennen könnten, dass eigentlich sie die Schwachen sind und wenn sie‘ s zugeben und sein dürften (und nicht nur in der SM-Szene). „Normalität des Wahnsinns“, dass das eher nicht passieren wird. Nachdem ich den Artikel gelesen habe, weiß ich wenigstens, warum ich manchal für verrückt gehalten were und mich selbst gelegentlich so fühle.
      Wenn Dressen schreibt:
      „Die unglaublich ausgeprägte Neigung des Menschengeschlechts, Verrat an seinesgleichen zu üben, hat nichts mit Moderne, nichts mit unabgegoltenen Versprechen, nichts mit nivellierter Mittelstandsgesellschaft zu tun. Der fatale Hang, falsche Nahgruppensolidarität zu üben, in Verbindung mit aggressiver Illoyalität gegen alles Fremde, ´Andere´, zeigte sich im Verlauf der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte.“,
      heißt das meiner Meinung nach aber nicht, dass das in erster Linie, wie er vorsichtig anmerkt, vielleicht Ausdruck einer „anthropologische[n] Konstante“ ist, sondern, dass in der gesamten Menschheitsgeschichte größtenteils Bedingungen vorgeherrscht haben müssen, die solcher Art Verrat an sich selbst it allen gesellschaftlichen Folgen gefördert und gefordert haben. Besonders traurig und deprimierend ist doch, dass, obwohl die Bedingungen für ein Umdenken in unserer Gesellschaft eigentlich nie besser sein könnten als heute, genau die Gegenrichtung forciert wird. Beispiele dafür gibts ja wohl mehr als genug. Und dennoch oder gerade darum müssen die Bedingungen geändert werden. Wer „verpasst“ der gesamten Gesellschaft aber schon, wenn das denn ginge, die so dringend nötige Psychotherapie? Wo sind denn diejenigen, die an einer Änderung interessiert sind?

      • hf99  On Januar 17, 2012 at 01:03

        nicht böse sein. Das hat nicht Dressen geschrieben, sondern ich. Denn mich beschäftigt das Thema – warum ist eine menschliche Welt in einer Welt voller menschen so schwer? – auch seit einem Vierteljahrhundert.

        • Frau Lehmann  On Januar 17, 2012 at 18:20

          Ups! Entschuldigung für diesen Fehler. Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel. Ja, das ist ein Thema, dass eigentlich jeden beschäftigen sollte … sollte man meinen. Meine Erfahrung zeigt mir aber, dass es leider viel zu wenige (selbst)reflektierte Menschen zu geben scheint. Ich arbeite mit jungen Erwachsenen zusammen, von denen nur sehr wenige unsere Gesellschaft und Welt hinterfragen. Diskutiert man mit ihnen z.B. über Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“, erkennen sie die Intention Brechts, dass es im Wesen „des Menschen“ liege Gutes zu tun, entsprechende Verhältnisse ihn erst „böse“ machten, nicht. In der Regel wird vermutet, dass es Brechts Absicht sei, darauf hinzuweisen, dass man sich nicht ausnutzen lassen soll. Es erschreckt mich immer wieder, dass diese jungen Menschen die derzeit propagierte und praktizierte Ökonomisierung (und damit Entmenschlichung) des Menschen dermaßen assimiliert haben. Mich treibt dieses Thema auch schon lange um. Aber was eine „Lösung“ angeht…? Ich bezweifle, ob es jemals gelingt, eine Mehrheit zu einem Umdenken zu bewegen, wenn nicht einmal die, die allen Grund hätten, sich zur Wehr zu setzen, es vorziehen, auf die noch Schwächeren einzudreschen statt ihre Wut gegen die „Verantwortlichen“ zu richten.

      • flummi  On Januar 17, 2012 at 19:13

        danke Frau Lehmann, genau so ist es. Und das mit der nötigen Psychotherapie ist ja grade die Crux – therapiert werden muss ja der schwache und verletzliche, nicht aber der starke und erfolgreiche. Wesewegen es auch weit mehr Pseudotherapeuten als Psychotherapeuten gibt. Gaucksche Bundestherapeuten eben…

  • hf99  On Januar 16, 2012 at 21:27

    Natürlich. Und ob man es nun Verrat nennt oder Identifikation mit dem Aggressor oder, wie Arendt, als Weigerung deutet, mit sich selbst zusammen zu leben – das Phänomen, was gemeint ist, verstanden werden soll, ist letztlich immer das gleiche: gewissenlose Menschenverachtung, gewissenlose Aggression. Faustregel: „Sage mir, wie Du mit Menschen umgehst, die nichts für Dich tun können – und ich sage Dir, wer Du bist!“

  • Frau Lehmann  On Januar 17, 2012 at 20:39

    Zwei Lichtblicke muss ich dann doch anmerken:
    1. Dass es Männer gibt, die sich dem so „angesagten“ Prinzip des „Starken und Erfolgreichen“ widerstzen (Auch Gruen stellt ja fest, dass dieser „normale Wahnsinn“ Männer eher „befällt“ als Frauen, weil die näher am Gefühl bleiben dürften als der Mann). Dank an alle Männer hier!
    2. Auf den zweiten Platz des Unwortes 2011 schaffte es die Verunglimpfung all derer, die Ideale noch nicht durch Floskeln ersetzt haben, nämlichdas Wort „Gutmensch“. Ein Gruß an dieser Stelle an alle solche! Erster Platz im Übrigen „Dönermorde“ und ebenfalls kritisch hervorgehoben die „marktkonforme Demokratie“

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