Conrad über die „Titanic“

Da sich das Desaster am 15.04. zum hundersten Mal jährt, lese ich gerade noch einmal Joseph Conrads „Titanic“-Essays und übersetze ein wenig vor mich her.

Vielleicht hat der zweite Offizier (Lightoller, 2ter Offizier der „Titanic“, hf) ihnen (dem Untersuchungsausschuß des US-Senats unter William Alden Smith, hf) das alles wirklich erklärt; dies und ein paar andere unbedeutende Tatsachen. Wobei es mein Begriffsvermögen übersteigt, warum ein Offizier der britischen Handelsmarine überhaupt irgend einer fremden Macht, irgend einem König, Kaiser, Autokraten oder Senator Rede und Antwort stehen muss, wenn es um einen Vorfall auf einem britischen Schiff geht, der sich zutrug, als es sich nicht in den Territorialgewässern dieser fremden Macht befand. Die einzige Autorität, der er Rechenschaft schuldig ist, ist der Board of Trade (das britische Seeamt, hf). Aber mit welchem Gesichtsausdruck wird der Board of Trade ihn befragen – jener Board of Trade, der die Regularien für 10.000-Tonnenschiffe erließ, dann seinen schönen alten Kahlkopf für 10 Jahre unterm Gefieder versteckte, kurz hervor lugte, um einen wichtigen Bericht unberücksichtigt zu lassen und „unsinkbar“ zu murmeln, und sich dann wieder versteckte in der Hoffnung, für weitere 10 Jahre nicht belästigt zu werden…mit welchem Gesichtsausdruck wird er den Mann befragen, der seinen Pflichten nach kam, angesichts dieses Desasters und seiner beruflichen Verstrickung darin – ich weiß es nicht, wirklich! Ich habe größten Respekt für unsere etablierten Autoritäten. Ich bin ein disziplinierter Mann und habe eine naturgegebene Rücksicht für die Schwäche menschlicher Institutionen, aber ich gestehe, dass ich immer mal wieder deren – wie soll ichs sagen? – Unwägbarkeit bedauert habe. Ein Board of Trade – was ist das? Ein Board of… Ich glaube, der Sprecher des irischen Parlaments ist einer seiner Mitglieder. Ein Geist! Weniger als das sogar, nur noch so etwas wie eine Erinnerung! Eine Behörde mit angemessener und respektabler Ausstattung und einer Menge vollkommen unverantwortlicher Gentlemen, welche existieren, indem sie in eine Treibhaus-Atmosphäre eingewickelt wurden wie in Watte, und die keinerlei Sorge für die Welt tragen. Denn es kann keine Sorge ohne persönliche Verantwortung geben – eine Verantwortung, wie sie zum Beispiel Seeleute tragen. Jene Seeleute, denen diese unverantwortliche Behörde das Brot vom Mund nehmen kann, einfach als disziplinarische Maßnahme. Ja, so ist das. Und was mehr? Der Name eines Politikers – eines Parteimannes! Weniger als nichts also, die Leere, auf die nicht einmal ein Schatten von Verantwortlichkeit aus jenem Bereich fällt, in dem sich die Menschen aufhalten, die arbeiten, die mit Dinglichem zu tun haben und die mit den Realitäten dieses Lebens, nicht mit bloßen Worten darüber, konfrontiert sind. (meine Übersetzung ist partiell sehr frei, zB „Treibhaus-Atmosphäre“, das schreibt Conrad nicht so, er schreibt „packed in its equable atmosphere softly, as if in a lot of cotton-wool“, aber ich denke, das trifft es in etwa)

Es ist ganz herrlich; bester Konservativismus, dabei natürlich auch antiintellektuell, aber vor allem, ganz seinem Werk verpflichtet, ein Plädoyer für konkrete Menschen und ihre unwiderruflichen Lebensentscheidungen in extremen Situationen; Lebensentscheidungen, denen Conrad immer wieder literarisch Wert und Würde zuerkannte. Lightoller darf aus literarischer Sicht (nicht, was seine tatsächliche Seemannschaft betrifft; die damaligen Vorwürfe gegen Lightoller, dem man letztlich nur sein Überleben vorwarf, sind haltlos, wie Conrad schon damals wusste) in der Tat als „Lord Jim“ verstanden werden, und Lord Jim war bekanntlich „einer von uns“.

Conrads Kritik an Senator Smith ist viel zu hart, und in einigen Punkten irrte er (wie alle damaligen Experten, etwa beim inzwischen widerlegten Punkt „Schotten waren nicht hoch genug gebaut“), in anderen, wichtigeren sind seine Einsichten auch heute noch relevant. Mal schauen, ob ichs bis zum 15.4. schaffe…

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