Liebeneiner, Euthanasie, Mord

Hans Schmids Telepolis-Serie „Blick in den Abgrund Das dritte Reich im Selbstversuch“ (Nazideutschland im Spiegel von Spoielfilmen) habe ich tatsächlich erst heute wahrgenommen. Sein langer Versuch über Wolfgang Liebeneiners widerwärtigen T-4-Film ist in jeder Hinsicht lesenswert. Es ergeht hiermit Lesebefehl.

Sehr gut, dass Schmid die wesentliche Differenz zwischen sog. „Euthanasie“ (die immer fragwürdig bleiben wird, aber immerhin eine Tötung auf Verlangen darstellt, also zumindest formal vom Betroffenen gewollt ist, was immer das im Einzelnen bedeutet) und dem Mord an Wehrlosen im Blick behält. Tatsächlich hat Liebeneiner, und hat mit ihm, soweit ich es überblicke, bis heute fast das gesamte öffentliche/veröffentlichte Grundrauschen zu diesen Komplexen diese Differenz verwischt. So hat selbst der Philosoph Wolfgang Lenzen – dem diese Fallunterscheidung zumindest inhaltlich klar ist! – beide Komplexe in einem Kapitel abgehandelt, welches den unglücklichen Titel „Beihilfe zum Selbstmord, Sterbehilfe, Euthanasie“ trägt (Lenzen, Wolfgang, Liebe, Leben, Tod – Eine moralphilosophische Studie, Stuttgart 1999, 235 – 249). Lenzen nennt die Tötung ohne Zustimmung des Betroffenen „Euthanasie ohne explizite Zustimmung“, und tappt zumindest verbal in die selbstgestellte Falle, auch, wenn er sich per Faustregel in dubio pro vita letztendlich gegen sie entscheidet. Euthanasie ohne explizites Verlangen ist zunächst einmal Totschlag; erfolgt sie z.B. aus Kostengründen oder um eine Erbschaft zu beschleunigen (niederer Beweggrund) ist es Mord. Lenzen versteift sich in seiner Argumentation gegen die sog., von ihm sog. „Euthanasie ohne explizite Zustimmung“ allein auf folgendes Argument:

„(…) das Problem liegt einzig darin verankert, daß Eltern und Angehörige, Ärzte und Krankenhauspersonal nie mit absoluter Sicherheit davon ausgehen können, daß das Sterben im wahren Interesse des Patienten liegt (…)“ (aaO, p. 249)

Das ist natürlich nicht falsch, verkennt aber den Kern der Debatte: Sterben, nein: Töten wird uns als „Lösung“ eines „Problems“ angedient. Wie fatal Lenzen fehl geht, sieht man auch an seiner Falschdarstellung des Locked-in-Syndroms p. 247ff. Lenzen suggeriert, dass wir es hierbei mit einem „Hirn-im-Tank“ zu tun haben. Tatsächlich aber können diese Patienten sehr wohl kommunizieren.

Man kann über Euthanasie im engeren Sinn lange diskutieren. Wer den Freitod substanziell für erlaubt hält, wird sich einer Zustimmung nicht entziehen können, denn Euthanasie ist ja nichts anderes als eine Variante des Freitods. Aber selbst beim Freitod gilt: Nur selten finden wir dort einen sog. „Bilanzselbstmord“; es gibt Ernst zu nehmende Überlegungen, die einen solchen Bilanzselbstmord überhaupt ausschließen. In den weitaus meisten Fällen dürften therapeutisch im Prinzip noch erreichbare Erkrankungen vorliegen. Begrifflich fatal aber ist es, den Suizid oder auch die Tötung auf Verlangen mit dem Abschaffen unnützer Esser, also mit Mord oder Totschlag, auch nur ansatzweise zu verknüpfen. Hier droht auch keine „schiefe Ebene“. Der Absturz ist dann längst erfolgt.

Liebeneiner hat sein widerwärtiges Machwerk mit viel Pathos angereichert. Wie Hans Schmid gezeigt hat, wird die „menschlich verständliche“ (so würden wohl viele sagen) Tötung auf Verlangen dort subtil mit der Rechtfertigung von Mord aus niedrigem Beweggrund („unnütze Esser“) konnotiert. Darin sieht Schmid, sicherlich zu Recht, Goebbels Propagandatechniken aufs Rafinierteste verwirklicht. Aber die Verbrämung von Mord per Mitleidumkehr – die Mordbefürworter bemitleiden sich unter hohem Pathosaufwand selber, weil sie leider, natürlich im letztlich wohlverstandenen Interesse der Betroffenen, zu solch harten Entscheidungen gezwungen sind -…diese Verbrämung von Mord endete nicht 1945. Dass Täter das Mitleid, welches ihren Opfern gebührt, in weinerlichen Pathos auf sich selbst richten, um überhaupt erst psychisch fitt zu werden für Ungeheuerliches – das darf getrost als psychisches Grundrüstzeug für jene westlich-bürgerliche Gesellschaften gewertet werden, die sich als Herren dieser Welt gebärden und z.B. ihre Armeen gottweißwohin schicken, um zu „helfen“.

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Kommentare

  • flummi  On Januar 6, 2012 at 01:33

    ja, diese serien sind interessant, danke, habs allerdings nicht ganz geschafft zu lesen. bin näml. zwischenzeitlich in meine eigene nazisuppe gefallen, stell dir das mal vor, ich zitiere mich selbst.

    In der eigenen Nazisuppe

    Wenn einem die Kräfte so schwinden, dass man außerstande gerät, seine dringlichsten Pflichten zu erfüllen, dann ist das so, als wären eben diese Kräfte, als wäre die eigene Lebensenergie im Grund nichts weiter als eine Tugend, eine moralische Verpflichtung, derer man nicht mehr gerecht werden kann. Man ertrinkt in der eigenen Nazisuppe.

    Wie scheiße ist das denn?!

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