shock and awe für Europa?

Dieser Artikel wird seit einigen Tagen ja weithin diskutiert.

Ich weiß es nicht. Es ergäbe immerhin Sinn. Und zweifellos: Auch 1929ff sollten die wenigen sozialen Errungenschaften weggebrüningt und weggehoovert werden. Nur glaube ich denn doch, dass die Unterstellung eines wirtschaftspolitischen Mega-shock-and-awe hier eine planerische Intelligenz voraussetzt, von der ich nicht annehmen mag, dass sie vorliegt. Auch die vielen externen Berater in diversen Ministerien werden eher den partiellen Interessen ihres Arbeitgebers folgen. Im Ergebnis sieht das dann in der Tat genau so aus, wie Gabriela Simon es korrekt beschreibt.

Ich denke dennoch eher, hier liegen Tunnelblicke vor, Scheuklappenblicke. Wer quasi sein Leben lang einem Irrglauben angehangen hat, der kann nicht mehr umschalten. Ein klassisches Verhalten von Ideologen mit ihrem zuzementierten Hirn: Die Medizin nützt nichts? Muss halt die Dosis erhöht werden.

Man mache sich hier nichts vor: Als 2008 die neoliberalen Wechsel platzten, als der Neoliberalismus auch für seine Adepten am Ende hätte sein müssen, seine Lebenslüge offenkundig wurde, geschah das, was immer geschieht, wenn Lebenslügen platzen: Verzweifelt wird an der Wirklichkeit gedoktort, um sie für die Lügen passend zu machen. Denn in einem sind sich Ideologen aller Couleur einig: Wenn die Wirklichkeit nicht mit meiner Ideologie übereinstimmt…desto schlimmer für die Wirklichkeit. Dann wird sie halt passend gemacht. Nur selten kommt es bei Menschen zu einer echten Umkehr. Die Hoffnung auf ein „Kehret um“ hat überhaupt etwas sehr religiöses… Man macht sich keine Vorstellung darüber, wieviel Energien Menschen verbrauchen, psychisch und physisch, um ihre Lebenslügen aufrecht zu halten.

Mag sein, dass es auf Staatssekretärsebene den einen oder anderen sich faustisch fühlenden Technokraten gibt, der genau weiß, was er tut, der es jetzt wirklich eiskalt durchzockt und sich abends, womöglich zu Wagner-Klängen, erhaben fühlt. Aber ich glaube nicht an den Mega-Masterplan. Zuzementierte Hirne scheinen mir als Erklärung viel plausibler.

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Kommentare

  • genova68  On Dezember 20, 2011 at 14:28

    Ich finde es jedenfalls an der Zeit, das die Schockstrategie in heutigem Zusammenhang zumindest genannt wird. Denke ich mir im Fall Griechenland seit Jahren.

    Ich würde nur deiner Darstellung widersprechen, dass der Neoliberalismus 2008 am Ende war. Der war als Ideologie entweder schon vor seinem Entstehen am Ende, wenn es um eine positive Gestaltung von Gesellschaft geht, oder er ist bis heute nicht am Ende sondern wird eher noch intensiviert. Es musste für Leute wie uns :- ja nicht erst Lehman kommen um zu wissen, was das für eine sozialdarwinistische und dem Faschismus verwandte Scheiße ist.

  • hf99  On Dezember 20, 2011 at 15:01

    Danke schön für den sprachkritisch zutreffenden Einwand; ist korrigiert.

    Ich bezweifle nur einen Mega-Plan an, mehr nicht. Der Ist-Zustand ist zweifellos so, wie ihn Simon beschreibt: Dumpfe Absturangst, die weite teile der bevölkerung paralysiert.

  • Dirk  On Dezember 20, 2011 at 16:01

    Der Artikel kommt für meinen Geschmack doch sehr verschwörungstheoretisch daher. Die deutsche Exportwirtschaft hat doch immerhin sehr stark vom Euro profitiert, von daher ist es doch eher unwahrscheinlich, dass gerade Merkel die Euro-Krise geplant haben soll. Meines Erachtens ist Merkels Verhalten einfach ein Versuch die Kosten der Krise nach unten durchzureichen.

  • hf99  On Dezember 20, 2011 at 16:10

    „Meines Erachtens ist Merkels Verhalten einfach ein Versuch die Kosten der Krise nach unten durchzureichen.“ das mal sowieso. darüber sind wir uns alle seit eh aber im Klaren, oder? nach unten durchreichen, den Mittelstand so halbwegs im Trocknen halten (=die Kosten, die der zu zahlen hat, ein bisschen unterm Paletot halten) nach oben streicheln.

  • Dirk  On Dezember 20, 2011 at 16:52

    „Die Krise soll also vorher noch ihr Werk vollbringen, Staaten unter Druck zu setzen, ihre Wirtschaft zu schwächen und Gesellschaften zu zerrütten, bis sie für die europaweite Durchsetzung einer Politik der Deregulierung, der Privatisierung und des Sozialabbaus bereit sind.“
    Derartige Formulierungen legen doch nahe, dass nach Ansicht der Verfasserin die Eurokrise geplant oder zumindest in Kauf genommen wurde um neoliberale Politik durchzusetzen. Dagegen spricht meiner Meinung, dass die Krise des Euros für die deutsche Finanz- und Exportwirtschaft enorme Risiken birgt und dass es unwahrscheinlich ist, dass man dies bewußt in Kauf nimmt. Zudem blendet der Artikel aus, dass Merkel nicht einfach lügt, sondern nach der neoliberalen Lehre Recht hat.

  • ziggev  On Dezember 21, 2011 at 00:29

    bin auf den Artikel verlinkt bei chefarztfrau in einem übrigends fast gleichlautenden Artikel gestoßen.

    Wenn du aber Dir aber das hier (von Chefarzt mitverlinkt) durchließt, dann fragst Du Dich schon, warum es ausgerechnet den deutchen Politikern und „Experten“ so schwefällt, sich von ihren „Lebenslügen“ zu lösen.

    Zitat:“ Sie scheint wie der letzte katastrophale Führer den wir hatten, immer noch um den Endsieg zu kämpfen, von ihrem Führerbunker in Berlin aus.“

    Gesine Schwan spricht heute in der FAZ von einem „strategischen Opportunismus“ – um welche Strategie handelt es sich da eigentlich? Merkel würde auf Macht und Kontrolle setzten – nur mit welchem Ziel? Diese Frage stellt sie nicht. Sie unterstellt aber eine Strategie

    Nichts ist schlimmer für den Patienten, als nicht ernstgenommern zu werden. Wenn du aber die Folgen seines Tuns als die beabsichtigten unterstellst, dann wird die Irrationalität dabei erst deutlich. Ich glaube, es geht hier weniger um Überzeugungen

    • ziggev  On Dezember 22, 2011 at 00:53

      OH, blöd; natürlich lautet nicht der ARTIKEL fast gleich – sondern der TITEL!
      Dass der Ausdruck „shock and awe“ bei Kritik und Kunst und – ach,auch das noch, natürlich nicht Chefarzt, sondern – CHEFARZTFRAU gleichzeitig auftaucht; werte ich selbstredend NICHT so, dass Hartmut abgeschrieben hätte. Den Link hätte der Blogbetreiber sich doch nicht entgehen lassen, oder? Ich wollte nur auf diesen Zufall (und den anderen Link) aufmerksam machen – wie zufällig dies nun ist, dass kann ich nicht beurteilen, da ich diesen Ausdruck noch nie gehört habe. WARNUNG, jetzt wird´s unanständig, gefunden habe ich als Übersetzung bloß dies hier (jetzt vertraue ich mal auf Kritik und Kunst´s spam-funktion: http://www.urbandictionary.com/define.php?term=shock%20and%20awe

      • hf99  On Dezember 22, 2011 at 00:58

        Du hast natürlich völlig recht: ich habe den Titel beim chefarztfraulichen beobachter gesehen und die Verlinkung vergessen, also geklaut. Hartmut Hegemann, peinlich! Sorry, chefarztfrau…

        • ziggev  On Dezember 22, 2011 at 01:10

          ach, und jetzt wird mir Einiges klar: der Begriff stammt aus dem Militärwesen – hätte beim umfassend gebildeten Hartmut durchaus auch von ihm stammen können – und Gabriela Simon hätte das einem auch ruhig gerne mal erklären können. Und auf Dein epochemachendes Plagiat des Plagieats des Plagiats-á la Hegemann-Machwerk 😉 warten wir ja alle schon sehnsüchtig seit jenem Skandal 😉

  • Alexander Otto  On Dezember 22, 2011 at 09:41

    Moin Leute,

    die Chefarztfrau trägt werder der Kritik noch der Kunst irgend etwas nach. Hätte ja alles auch umgekehrt sein können.

    Shock-and-awe, sinngemäß Angst und Schrecken nannte Mr. Rumsfeld übrigens seine Methode zur Irak-Befrei- und Befriedung. Hat ja geklappt.

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