3. Mose 18 edit (2)

„Verbot geschlechtlicher Verirrungen“

Ab und an, die Buchhandlung Hofmann verzeihet mir gewiss, gehe ich fremd. Denn auf der Fuhle befindet sich Wohlthat Joker, also Weltbild, ein katholischer Konzern. Der macht nicht nur mit Pornos, sondern, wie ich jetzt erfuhr, sogar mit Luther-Bibeln der „Deutschen Bibelgesellschaft“ Geld. Nun, auch als Agnostiker gilt natürlich: An Bibeln, gar noch an Luther-Bibeln ist bei uns kein Mangel. Zu Recht. Glaube hin, Glaube her – wer deutsch spricht und sich für Geschichte, Kunst, Philosophie interessiert, hat gefälligst ordentliche Kant-, Hegel-, Nietzsche-, Lessing-, Goethe-, Schiller-, Hölderlin-, Mann- und Kafka-Ausgaben zu bevorraten sowie eine Luther-Bibel. (Edith fragt: Und Marx und Freud? Ja, gut, klar! Auch Marx und Freud…und …und…) Nun ja. Ich blätterte an. Och nee: Auch noch ohne Apokryphen! (@ Deutsche Bibelgesellschaft: Euch sollte man würgen! Eine Luther-Bibel wird gefälligst mit Apokryphen – „das sind Schriften, so der heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind“ – verkauft oder gar nicht! Und kommt mir nicht mit irgendwelchem theologische Krimskrams a la inspiriert/uninspiriert…Streit Luther-Eck, wo es u.a. um ein Zitat aus den Apokryphen ging…Es gibt wohl nur noch eine Orga, die noch dümmer ist als die katholische Kirche, und das sind die Evangelen…) Anyway: Ich hatte ja alles bereits da. Reprint Luther Original durch Taschen, Textstand um 1780 (auf der CD „Der junge Goethe“), Textstand um 1900, Revision NT 1956, Revision NT 1975 (ich schließe mich der Kritik nur partiell an), neuer Textstand Revision AT 1964, Apokryphen 1970 und NT 1984. (An die Publikation 1984 kann ich mich noch erinnern; es gab ein Tagesschau oder heute-Interview mit Walter Jens…) Also watt schall! Aber natürlich hatte ich die Rechtschreibereform nicht im Hinterkopf, und las:

Im Jahr 1999 wurde der Text anläßlich der Einführung der neuen Rechtschreibung noch einmal durchgesehen. Dabei sind im Alten Testament, dessen Revision ja bereits 1964 abgeschlossen war, einige Angleichungen an die 1984 vollendete Revision des Neuen Testaments vorgenommen worden. So wurde der Begriff „Weib“, dessen Bedeutung sich seit der Reformationszeit ins Negative verschoben hat (so kann man es natürlich auch ausdrücken, hf), weitgehend (aha, hf) durch „Frau“ ersetzt (wie es in den gottesdienstlichen Agenden bereits vorweggenommen war). Außerdem wurden einige altertümliche Verbformen auf -et und -est dem gegenwärtigen Sprachgebrauch angepasst (falsch! Nicht verzagen, Germanisten fragen! Sollen wir jetzt eine „angepasste“ Simplizissimus-Ausgabe lesen? Faustregel: Änderung Rechtschreibung bei Angabe der ursprünglichen Schreibweise ja, sonst nie! hf). Im Neuen Testament wurde die Übersetzung an wenigen Stellen so verbessert, daß (sic) sie dem griechischen Grundtext genauer entspricht. (Die Bibel, Luther-Bibel, Stuttgart 1999, p. 3*)

Also habe ich die wenigen Euronen investieren müssen. Und geriet so mal wieder an das Buch der Bücher. Und was las ich da? Im 3. Buch Mose 18 wird der geschlechtliche, genauer wohl: der sexuelle Verkehr zwischen Menschen geregelt. Nicht, dass mir das nicht geläufig gewesen wäre. Aber ich hatte mich jahre-, jahrzehntelang darum nicht gekümmert; einfach, weil dergleichen außerhalb meiner Sphäre liegt. In neuer Rechtschreibung lese ich, neben vielem anderen Schwachfug, dort in 3. Mose 18, Vers 22:

Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel.

ersatzweise:

Du sollst nicht beim Knaben liegen wie beim Weibe, denn es ist ein Greuel. (Textstand um 1900)

ersatzweise:

DV solt nicht bey Knaben ligen / wie beim Weibe / Denn es ist ein grewel. (Original Luther)

Die „Neue Evangelistische“ ist besonders deutlich:

Du darfst mit keinem anderen Mann Geschlechtsverkehr haben. Das verabscheue ich.

Mit „Du“ sind ersichtlich und offenkundig Männer gemeint, sie allein sind würdig, Vorschriften zu empfangen. Schwulenhaß und Frauenverachtung gemeinsam mithilfe nur eines Sprechaktes – das ist immerhin originell.

Es besteht kein Grund, die Dinge elegant zu umschreiben: Christentum (und auch Judentum; hier liegt keine verfälschende Übersetzung vor!) sind, ihrer Tradition nach, zutiefst Frauen- und Schwulenfeindlich.

Das alleine würde mich noch nicht interessieren bei zwei Religionen, die jeweils etwa 2.000 Jahre alt sind und aus einer noch älteren, gemeinsamen Ursprungsreligion enstanden. (Beide Religionen behaupten bekanntlich, allein sie seien der legitime Nachfolger der älteren Ursprungsreligion. Ca. 650 Jahre später entstand ebenso bekanntlich eine dritte Religion, die sich ebenfalls auf diese Ursprünge beruft, die Frauen- und Schwulenfeindlichkeit inklusive. Alle drei Religionen können absurderweise bis heute nicht so wirklich miteinander.) Irgendwo bei Aristoteles findet sich ziemlich dummes Zeugs über die (fehlende) Intelligenz der Frau; dennoch käme natürlich niemand auf den Gedanken, alle Schriften Aristoteles deswegen zu verwerfen. Es käme darüber hinaus vor allem allerdings niemand von den Philosophen auf den Gedanken, Aristoteles für diesen Unfug zu verteidigen. Denn daran gibt es nichts zu verteidigen. Aristoteles redet da einfach Blödsinn, punkt. Historisch verstehen ja, verteidigen nein. Und an 3. Mose 18 Vers 22 gibt es eben auch nichts zu verteidigen. Überhaupt nichts. Das ist, wortwörtlich und per heute und überhaupt, inhumaner Dreck.

Alles historisch einzuordnen, alles insoweit unproblematisch. Nur gilt die Bibel, was von Aristoteles eben nicht gilt: sie gilt als „inspiriert“, als Wahrheit. Und da wird es eben doch zum Problem. Zumal der 166 skandalöserweise immer noch nicht ersatzlos aus dem StGB gestrichen ist. Burks hat sich ein weiteres Mal mit der Kirche angelegt. Richtig so, gut so – aber über die kirchliche Praxis mache ich mir ohnedies keine Illusionen. Dies hier jedoch betrifft das Zentrum dreier Religionen. Im Kern von Judentum, Christentum und Islam haust das Inhumane. Man komme mir nicht damit, es ginge nur um „Lustknaben im Tempel“ o.ä. (und überhaupt: Was hieße denn das? dass Schwule sich bei „Lustknaben“ zu bedienen pflegen, die den Tempel verunreinen?) Es steht da, ohne jede Einschränkung.

Streng genommen (was heißt hier eigentlich „streng genommen“?) verbreitet die Bibel-Gesellschaft, mutmaßlich direkt oder indirekt vom Steuerzahler quersubventioniert, Frauenhaß und Schwulenhaß, also Menschenhaß. Streng genommen (was heißt hier eigentlich „streng genommen“?) wäre hier eine Strafanzeige fällig – die sich allerdings auch gleichermaßen gegen die Katholiken, gegen muslimische und jüdische Orgas richten müsste. Würde eine linke und/oder atheistische Orga sich derart äußern…das laute Empörungs-Bassa-Manelka und noch lautere Empörungs-Bassa-Teremtemtem von BILD und angeschlossenen Funkhäusern möchte ich lieber nicht hören…

Ich bin kein Atheist, ich bin Agnostiker. Ich weiß zu wenig, um hier eine Entscheidung zu fällen. Im Übrigen: ich glaube nicht an IHN, aber an die Schrift, als kulturelles Ereignis. Und: ich glaube nicht an IHN, motze aber ständig mit ihm, weil er die Menschen so dumm, so hasserfüllt, so hassbereit gemacht hat. Wenn ER wirklich der Baumeister war, muss er Sadist sein. Ein Sadismus, der sich direkt in „SEINEN“ Schriften nachlesen läßt.

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Kommentare

  • ziggev  On Dezember 17, 2011 at 23:52

    deutsch:
    http://www.biblegateway.com/versions/index.php?action=getVersionInfo&vid=10 (Urfassung1545)
    http://www.bibel-online.net/ (1912)
    http://www.die-bibel.de/online-bibeln/ (div.)

    oder auf Englisch und div.
    englisch: http://www.biblegateway.com/
    http://www.devotions.net/bible/00bible.htm
    http://www.catholic.org/bible/

    übrigens, Osho verkündete, seine Religion sei die einzige Religion, weil sie eben keine sei, und damit alle anderen beinhalte.

  • hf99  On Dezember 17, 2011 at 23:59

    Danke für die englischen links. In der King James Fassung zB abomination, also Abscheulichkeit. Auch nicht besser.

  • hf99  On Dezember 18, 2011 at 00:05

    @ plenum: Im Prinzip war mir das alles ja klar, aber ich hatte schlicht vergessen, WIE eindeutig das da drin steht, wie massiv dieser Menschenhaß sich in der Bibel verbal austobt. Für Judentum, Christentum und islam sind Passagen wie diese zentral. Diese drei religionen müssen erklären, dergleichen sei nicht mehr bindend, daraus folgt unmittelbar: die Texte sind nicht inspiriert, sind nicht göttlichen, sondern menschlichen Ursprungs. Mit allen theologischen Folgen.

    • ziggev  On Dezember 18, 2011 at 00:47

      soviel ich weiß – bin da nie wirklich eingestiegen – , sind die systematischen (evangelischen) Theologen da ziemlich relaxt. My mother unterrichtete Religionsunterricht in der Grundschule (musste sie, ach Frau Ziggev, uns fehlt da grade jemand für sowas, wollen sie nicht mal …?), obwohl totale Dilettantin, naiv sich irgendetwas zusammenreimend, und wurde dann von den verschiedenen Pastoren, Kirchenfunktionären in meiner Familie darüber aufgeklärt, wie es sich wirklich mit der Entsehungsgeschichte des Testament verhält, sodass Du als Laie nur denken kannst, die Theologen seien die eigentlichen Kätzer.

      • hf99  On Dezember 18, 2011 at 02:38

        „soviel ich weiß – bin da nie wirklich eingestiegen – , sind die systematischen (evangelischen) Theologen da ziemlich relaxt.“ Davon gehe ich aus. Hat aber nichts damit zu tun, dass sie hier nicht relaxed sein können. Entweder die Bibel ist inspiriert, von Gott, von ihm. Dann sind Schwule(vermutlich auch Lesben) und Frauen, und übrigens (Offenbarungsgeschichte) aucn Schwarze/“!Asiaten“, minderwertige Menschen. Oder sie ist nicht inspiriert. Und dann…

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