„Die geprügelte Generation“

Auf Ingrid Müller-Münchs neues Buch bin ich gespannt.

Zu meiner Kindheit gehört Lakritzwasser, das meine Oma aus kleinen, sorgfältig von einem großen schwarzen Brocken abgeschnittenen Stückchen herstellte. Und das von mir ebenso gerne getrunken wurde wie eine Generation später von meinem Sohn die Orangenlimonade.

Zu meiner Kindheit gehört der Nudelsalat,
der am Abend vor Familienfesten mit Tomaten, hartgekochten Eiern und Gewürzgurken angesetzt wurde und erst kurz vor seinem Verzehr die Mayonnaise hinzubekam. Zu meiner Kindheit gehört aber auch der Kochlöffel. Nicht als Küchenutensil, sondern als Schlaginstrument. Immer dann, wenn ich tagsüber irgendwie »muksch« gewesen war, nicht pariert hatte – wie es so schön hieß –, dann wurde mein Vater, da hatte er sein Jackett noch nicht an die Garderobe gehängt, schon mit den Worten begrüßt: Das Kind hat heute Widerworte gegeben. Eine Information, die ihn mit einem genervten Seufzen die Küchenschublade aufziehen und den Kochlöffel herausholen ließ. Dann ging es ab ins Wohnzimmer, wo ich schon dessen harrte, was nun folgen würde.

Und dann setzte es was. Aber nicht zu knapp. Ich hatte, wenn man so will, eine für die 50er und auch die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ganz normale Kindheit.

Deshalb, weil sie so normal war, habe ich eigentlich nie mit jemandem darüber gesprochen. Nicht mit Freunden, nicht in meiner Freizeit bei Bier oder Wein, nicht bei politischen Diskussionen, einfach nie. Dabei hat mich diese Vergangenheit die ganze Zeit beschäftigt, ganz hinten in meinem Kopf. Hat meine Gefühle beeinflusst, mein Verhalten geprägt, war mitverantwortlich für Ängste, die mich begleiteten, für Beziehungsprobleme, die ich hatte. Irgendwie war dieser Vertrauensbruch meiner Eltern, den ich bei jeder Tracht Prügel schmerzlich empfand, nie mehr aus meinem Leben wegzudenken. War immer da. Übertrug sich auf andere. Hat aus mir einen Menschen gemacht, der lange Jahre mit dem Gefühl durch die Welt ging: Keiner liebt mich! Ein Gefühl, das ich für mein höchst eigenes, besonderes, individuelles hielt.

Doch als ich die ersten geprügelten Kinder meiner Generation für dieses Buch interviewte, stellte ich fest: Den meisten von ihnen erging es genauso.

Nur in einem hat sie Unrecht: Das betraf de facto nicht nur die Kinder der 50er und 60er. Zwar wurde ab ca 1970 mit schlechtem (oder zumindest immer schlechterem) Gewissen geprügelt, wg Adorno, Fromm, Neill und Consorten…aber geprügelt wurde weiterhin. Eine typische 70er-Szene: Junglehrerin gibt in Klasse 3a benotete Arbeiten zurück. xx fängt an zu flennen, will gar nicht mehr aufhören: ne 5! Junglehrerin ist hilflos, fragt offen (per heute hätte sie es natürlich unter 4 Augen machen müssen): „Kriegst Du jetzt zu Hause Schläge?“ Das Mädchen schluchzend: „Ja-ha-ha!“ Worauf unsere Lehrerin – ob sie es eingehalten hat, weiß ich natürlich nicht, aber ich denke schon, so war sie – einen Hausbesuch ankündigte. Ihr offenkundiger Versuch, diese Tracht Prügel zu verhindern, markiert den Unterschied zu den 50ern/60ern. Dort hätten die Altlehrer und Ex-Beinaherusslanderoberer beifällig johlend genickt, denn Leistungs“schwäche“ per Stock korrigieren, das war auch deren Programm. Insofern ist Ingrid Müller-Münchs Arbeitshypothese (sofern ich sie aus den Vorankündigungen korrekt herausgelesen habe) zutreffend: In den 50er/60er-jahren, also in den Adenauer/Erhard/Kiesinger-Jahren wurde in Westdeutschland zum letzten Mal selbstgefällig und mit dem besten Gewissen der Welt autoritär erzogen. Aber das „Nachglühen“ dieser autoritären Erziehung zog sich hin…passagenweise, ich kriege über die Spielkamerad/inn/en meiner Kinder so einiges mit, bis heute. Bis 2011.

Wie auch immer: Ein Buch, auf das ich sehr sehr gespannt bin.

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