Bersarin über Kleist

Dank an Bersarin, der angemessen an Heinrich Kleist erinnert. Ich kann das im Augenblick nicht leisten. Ich sollte können, trotz aller Gegengründe. Denn Kleist wird bleiben. Und hätte er nur den Kohlhaas geschrieben. Was ist das? Eine Erzählung über die Psychologie des Partisanen? Eine politische Erzählung? Ist es am Ende gar eine Liebesgeschichte? Es sieht letzteres fast so aus, denn:

Inzwischen war Kohlhaas in der Tat, durch die sonderbare Stellung, die er in der Welt einnahm (meine Hervorhebung, hf), auf hundertundneun Köpfe herangewachsen.(Michael Kohlhaas, zit. nach: Kleist, Heinrich von, Werke und Briefe in vier Bänden, herausgegeben von Siegfried Streller u.a., Band III, Frankfurt/Main 1986, p. 42)

So viel Liebe. Auf einmal.

Kleist war natürlich kein dümmlicher Reaktionär, aber er war auch kein grob geschnitzter Eindeutigkeitsprogressiver, dafür wusste er zu viel. Sympathisch, und zwar ohne jede „“, machte ihn mir eine seiner unmöglichsten Texte: jener Haßgesang gegen Frankreich:

Eine Lust(sic!)jagd, wie wenn Schützen,
Auf die Spur dem Wolfe sitzen!
Schlagt sie (die Franzosen, hf) tot! Das Weltgericht
Fragt Euch nach den Gründen nicht! (aaO, p. 317) (Textvariante: Schlagt „ihn“ = Napoleon tot)

Wie desperat muss einer verfasst sein, der im Totschlagen Lust, also Erlösung sucht. Obwohl er im Kohlhaas, relativ zeitgleich, präzise und natürlich völlig richtig dargetan hat, dass das Totschlagen eben keine Erlösung verbürgt. Dass moralisches Engagement zu Großartigkeit sowohl wie auch zu Schrecken führt.

Kleists Stellungnahmen in der sog., bezeichnenderweise sog. „Franzosenzeit“ hat selbst, hat gerade die progressive Germanistik immer wieder als progressive Position ausweisen wollen. Ein Irrtum. Nichts war für die deutsche Geschichte so folgenschwer wie der Mythos von den „Befreiungs“kriegen 1813-15 (Befreiung wovon: Von der Bekenntnisfreiheit, der Zivilehe?). Kleist war politisch ein Reaktionär. Als kluger und humaner Reaktionär, der er war (vergl. Schopenhauer, Fontane, Nietzsche, Thomas Mann), wusste er im Grunde zu viel, als dass er sich hätte vereindeutigen lassen. Hier aber wollte er eindeutig sein. Einmal dabei sein. Einmal ohne Gegengründe. Fast egal, wofür. Einmal, dieses eine Mal mehrheitsfähig sein. Er war es dann wirklich, 14-18, und, weit schlimmer, 33-45. Aber diese Popularität hätte ihm, der die Offenheit als stilbildendes Prinzip mit entdeckte, nicht gefallen.

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Kommentare

  • summacumlaude  On November 23, 2011 at 10:21

    Hallo Hartmut, habe gerade schon bei Bersarin geschwatzt: Kleist war nach meinem Kenntnisstand kein Verfechter der Erbfeindschaftsthese gegen Frankreich und diesem Land zunächst positiv gesonnen. Was er dann schrieb, stand unter dem Eindruck des Jahres 1806 und fand dann – wie so vieles (Fichte, Beethoven) – Einzug in die Biergartengemüter. Der Königin-Luise-Kleist.
    Großes Lob an dieser Stelle noch einmal an Goethe, der ja immerhin diesen Mist nie mitgemacht hat; und dafür vom militanten Teil des Bildungsbürgertums immer verachtet worden ist.

  • Bersarin  On November 23, 2011 at 18:27

    Ich danke für das Lob und die Erwähnung. Ja, solche Texte kosten ein wenig Zeit, das ist wohl war, manchmal geht das Schreiben wie von selber, dann stockt es und weder Lesen noch Schreiben kommen voran.

    Ja, Kleist wird bleiben, in der Tat. Hingewiesen sei noch auf die Lust in der Penthesilea: auf jene Verwechslung zwischen den Küssen und den Bissen. Wer beides vertauscht, endet tödlich.

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