Staatsakt? Kollektive Trauer? – update

Wer mich kennt, weiß: ich halte wenig von inszenierter, vielleicht sogar eingeforderter Trauer. Das hat immer etwas von Abdienen müssen. Martin Walser nannte das Holocaustmahnmal eine „Kranzabwurfstelle“, und Broder bemerkte, dass Walser sogar Recht gehabt hätte, wenn er das alles nicht im Tonfall des Nörgelns, des Beleidigt-Seins vorgetragen hätte.

Wozu jetzt noch einen Staatsakt? Ich bin ratlos, stehe seit Tagen neben mir. Was immer im Einzelnen noch an Verstrickungen, etwa unseres Inlandgeheimdienstes, vorliegen mag, was immer die Hintergründe sein mögen: Klägliche Tatsache ist es, dass Neonazis 7 Jahre lang einen präzisen, mörderischen Amoklauf durchzocken konnten, und niemand, dinglich niemand hat etwas bemerkt. Übrigens selbst die linksautonome Szene nicht. Man erspare mir die Verlinkung des Aufsatzes sowieso, wo auf Seite 3 unten in einem Relativsatz…blablabla! In der Substanz gilt: Keine Merke, nirgends. Deswegen, nebenbei bemerkt, sind mir Aufsätze wie die Kuzmanys auch so widerwärtig. Schnell noch auf die Opferseite rüberstehlen… nee, Kuzmany, läuft nicht!

Ich erinnere mich noch genau, habe auch Aufzeichnungen darüber, wie ich um die Jahreswende 07/08 an den fall „Döner-Morde“ (warum ich die Bezeichnung vorderhand weiter verwende, sollte klar geworden sein) geriet, und – eiskaltes Profi-Interesse – so etwas wie ein „Täterprofil“ erarbeitete. Mein „Täterprofil“, basierend auf wenigen Veröffentlichungen, unterschied sich dann, wie man sieht, gar nicht so sehr von dem der Profis: Ein deutlich rassistisch vorgeprägter, starrer, arretierter deutscher Kleinbürger, entweder mit bundesweitem Vertreterjob, oder erwerblos, oder mit Freizeiten in den Ferien, leichter Zugang zu Waffen, dem ein „Türke“ die Frau (oder den Job?) „weggenommen“ hat (Frauen sind Sachen, die kann man weggenommen bekommen…). Kurzum: Ein Rassist mit einer schweren narzisstischen Störung. Psychologisch traf dieses Profil vermutlich sogar zu…aber auf die naheliegende Idee Neonazi kam ich nicht. Leicht entschuldigt bin ich, weil der Öffentlichkeit überwiegend vorenthalten wurde, was den Ermittlern vom ersten Mord an klar gewesen sein muss: dass wir es nicht mit einem Einzeltäter zu tun haben. Denn bereits das erste Opfer, Enver Simsek, wurde mit zwei Pistolen erschossen; der Öffentlichkeit wurde aber (fast) ausschließlich die inzwischen berüchtigte Ceska präsentiert. Davon ging auch ich aus. Bei zwei Tätern ist es kriminalistisch betrachtet nur selten so, dass persönliche Motive eine Rolle spielen; es ist dann der/die eine entweder psychisch massiv abhängig vom anderen, oder es liegt das Phänomen der „dritten Person“ vor. Berühmtes Beispiel: Smith/Hickock, als sie die Clutter-Familie ermordeten, Capote schrieb darüber einen Jahrhundertroman: weder Smith noch Hickock hätten allein getötet – es tötete letztlich sozusagen eine dritte Person, die sich aus diesen beiden ergab. Aber Smith/Hickock waren Spree-Killer, keine Serial-Killer. Zwei Serial-Killer, die es über Jahre durchziehen? Sehr selten. Die Moormörder fallen mir ein, aber das war ein Päärchen. Also, das ist eine sehr sehr schwerwiegende Ermittlungspanne gewesen, viel schwerwiegender als alle anderen bis jetzt öffentlich verhandelten: Warum wurde nicht darauf insistiert, dass es zwei Täter gewesen sein müssen? Sicher, in einem späteren Fall wurden zwei Männer beobachtet, dies wurde auch so veröffentlicht, mit Phantombild, aber niemand insistierte darauf, und es wurde immer wieder nur die Ceska öffentlich dargestellt. Welchen Weg meine Analyse 2007/08 genommen hätte, wenn ich gewusst hätte „definitiv zwei“…keine Ahnung. Anyway: Ich will mich nicht herausreden. Rassismus als Hintergrund war mir klar – aber Neonazis habe ich nie ernsthaft erwogen, weil das Bekennerschreiben fehlte (was Quatsch ist, Rechte morden häufig heimlich) und weil es das in der Form so noch nicht gab (aber man muss eben das Unmögliche denken*). Türkische Mafia/türkischen Geheimdienst etc schloß ich damals schon aus, weil ein Opfer, Theodores Boulgarides, Grieche war, nicht Türke, und die Auseinandersetzungen/Animositäten/Schlimmeres zwischen Griechen und Türken sind seit Byron in ganz Europa bekannt.

Der kläglichen Rede kurzer Sinn: Gepennt! Alle! Spätestens die letzten fünf Opfer waren vermeidbar.

Ich bin für Wut, also gegen einen Staatsakt.

Update: hier die – bezeichnende – xy-Sendung von 2006. Der Täter…obwohl klar gewesen sein muss: Die Täter…und nur eine Tatwaffe! Es waren aber ab dem ersten Mord zwei!

*update 2: auch das stimmt so natürlich nicht. Die radikale Rechte der Weimarer Republik hat ihre Mordserien auch eiskalt durchgezockt. Es gab Bezüge zwischen den Erzberger- und den Rathenau-Mördern. Und die „Feinde“ – damals meistens: Kommunisten und Sozialdemokraten – in Serie umbringen war rechts en-vogue.

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Kommentare

  • summacumlaude  On November 18, 2011 at 10:22

    Die Nähe – gedanklich und methodisch – zur Organisation Consul ist natürlich evident. Das Trio hat Helfer gehabt, das geht gar nicht anders; und es wird in etwa so wie bei der Organisation Consul gewesen sein: Ein Netzwerk der Gleichgesinnten zur Bewältigunmg des Alltags (Unterschlupf, Verrpflegung, Papiere, Geld, Hilfe bei der Flucht nach einer Tat) mit Verbindung zum Staatsapparat. Leseempfehlung: „Die verdrängte Verschwörung“ des Potsdamer Historikers Martin Sabrow / Fischer Taschenbuch. Auch damals ging es übrigens konspirativ von Rechts gegen das System natürlich und – gegen die „normalen Bullen“, die die Rathenau-Mörder Kern und Fischer dann in Halle/Saale stellten. Dass das Haßbild Polizei bei den Nazis gleich nach den Haßbildern Ausländer und Linke kommt, sollte jeden eingefleischten Linksszenegänger stutzig machen. Sollten da nicht mal ein paar lieb gewonnene Feindbilder überdacht werden?
    Mir jedenfalls machen Nazi-Mietlinge des Verfassungsschutzes deutlich mehr Angst als Schupos.
    (Obwohl mir Brownings Analyse des Polizeibataillon 101 bekannt ist)

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