Zum Begriff „Döner-Morde“

Nur ein Nebenthema, die Morde als solche sind relevant, dennoch ist dieser Aufsatz Kuzmanys ein Ärgernis, obwohl er Recht hat. In der Tat können wir bei einem Drittel, und wenn wir von etwas weniger heftigen Ausprägungen ausgehen sogar bei gut der Hälfte der Bevölkerung mehr oder weniger deutlich ausgeprägte rassistische Haltungen wahrnehmen. Die machen sich aber an anderem fest als an einem m.W. vom Boulevard erfundenen Begriff. Mediale Wahrnehmung von Kriminalität hat seit eh, seit es Massenmedien gibt (und in gewisser Weise gibt es sie seit der Antike) Kriminalität mit griffigen Formeln umschrieben. Modellfall überhaupt: Jack the Ripper. Kürten war der „Vampir von Düsseldorf“, es gab einen „Milwaukee-Ripper“, einen „Oma-Mörder“, „Onkel Tic-Tac“, „Kirmes-Mörder“ (Jürgen Bartsch, der seine Opfer auf diversen Jahrmärkten aufgelesen hat), die „Bestie von Beelitz“ etcetc. Nirgends werden damit die Opfer verhöhnt, die begriffe geben eher Auskunft über das lustangstbesetzte Schaudern des Publikums. Kuzmanys Analyse ist ein einziges drüber und drunter:

Zunächst bedeuten „Döner-Morde“ eine herablassende Gleichsetzung und Entmenschlichung: Die Opfer werden allesamt zum „Döner“ gemacht, als hätten sie keine Namen, als hätten sie keine Berufe. Man stelle sich eine ähnliche Mordserie mit vornehmlich italienischen Opfern vor – würden wir sie dann „Spaghetti-Morde“ nennen? Und welch Aufschrei ginge durch Politik und Presse, würden in der Türkei serienmäßig deutsche Staatsbürger ermordet und man spräche dort von „Kartoffel-“ oder „Sauerkraut-Morden“?

Blödsinn, Verzeihung – die Morde von Duisburg hießen übrigens tatsächlich „Pizza-Morde“. „Döner“ verweist als pars pro toto einfach auf die ja wohl unstreitige Tatsache, es hier mit einer ganz speziellen Opfergruppe zu tun gehabt zu haben: Kleingewerbetreibende, und zwar Kleingewerbetreibende (überwiegend) türkischer Herkunft. Die Bezeichnung – ich bin bereit, eine neue zu wählen – zeigt also eben gerade, wenn auch vielleicht etwas unglücklich, den Rassismus auf, der den Morden inne wohnte. Übrigens: Gäbe es in England oder der Türkei einen Ripper, der immer nur Deutsche aufschlitzte, hieße diese Mordserie selbstverständlich „Kraut-Ripper“, „Kartoffel-Ripper“, „Lederhosen-Ripper“ oder so ähnlich. Und?

Zum Zweiten bedient der Begriff das Klischee der Ausländerkriminalität. Mit der Aufklärung der Mordserie beschäftigt war eine Polizeikommission unter dem bezeichnenden Namen „Bosporus“, und deren lange gehegte Täter-Theorie, wie auch die der Presse, war vermeintlich naheliegend: Irgendwelche organisierten Kriminellen aus der Türkei etcetc

Was die tatsächlich widerliche Bezeichnung „SoKo Bosporus“ (die Morde geschahen ja wohl in Deutschland!) betrifft, hat Kuzmany natürlich völlig Recht. Mit dieser Bezeichnung verband sich denn auch eine verhängnisvolle Einengung der Ermittlung, ein Tunnelblick. Das hat nur mit „Döner“ nichts zu tun. Ich soll doch wohl hoffentlich nicht glauben, in Kuzmanys Augen verweise „Döner“ auf „Kriminalität“?

Die dritte Ebene des Begriffs „Döner-Morde“ ist die damit zusammenhängende, aber noch viel tiefer reichende Ausgrenzung von Zuwanderern: Den deutschen Zeitungsleser konnte es wohlig gruseln, las er im Sonntagsblatt von der Mordserie, so wie die beiden Bürger, die Johann Wolfgang von Goethe in seinem „Faust“ über ihre liebste Wochenendbeschäftigung sprechen lässt: etcetc

Ich habe Schwierigkeiten, zu folgen. Noch einmal: Die Morde geschahen in Deutschland – was soll das Goethe-Zitat -, aber sie wurden an türkischen Einwanderern resp ihren Nachkommen verübt; genau das bringt die Bezeichnung „Döner-Mord-Serie“ ja zum Ausdruck. Where´s the problem?

Kuzmany meint es vermutlich gut. Aber genau diese Art von Rassismusriecherei ist dann immer wenig hilfreich.

Ich erarbeite gerade ein erstes kleines Resümee; Kuzmanys kurzer Aufsatz betraf nur einen Nebenaspekt. Hinweisen darauf wollte ich aber schon.

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Kommentare

  • W-Day  On November 17, 2011 at 13:37

    Und die Bezeichnung Döner-Morde sind doch rassistisch. Es hat mit der Wahrnehmung mittels Sprachgebrauch zu tun: wenn ich türkische Kleinunternehmer automatisch mit Fleischspiess-Verkäufern gleichsetze (bzw. hört sich das übrigens so an, als wären nicht Menschen, sondern Fleischspiesse ermordet worden), und zB einen ermordeten Griechen kurzerhand darunterzähle.
    Ähnliches verbrach Sarrazin mit seiner Mär von den „Gemüsehändlern“ und „Kopftuchmädchen“… Unter den Ermordeten waren ja, wie im Artikel beschrieben, diverse Berufe aufgezählt.

    Ähnlich verhält es sich, wenn ich verlange, daß im Sprachgebrauch die weibliche Form mitgenannt wird, um das Bewusstsein darauf zu lenken, daß es Frauen zB auch unter „anspruchsvollen“ Berufen gibt: Ärztinnen, Juristinnen, Professorinnen etc. Das mag für viele eine veraltete feministische Forderung zu sein, aber die Beobachtung im Alltag lässt weiterhin darauf schliessen, daß das Weibliche bzw. das, was man mit Weiblich, also schwächlich und als nicht wirklich Ernstzunehmendes, gleichsetzt, weiterhin diskriminiert wird – die Mehrheit der Menschen ist weiterhin, oft ohne es an sich selbst feststellen zu wollen oder können, anti Migranten, Frauen, Schwarze, Homosexuelle, Behinderte… Ciao, W-Day

  • hf99  On November 17, 2011 at 14:03

    Hm, jetzt muss ich in Mediengeschichte und Sprachtheorie einführen. Haben Sie 4 Stunden Zeit? Ich auch nicht, habe nur kurz Mittagspause. Also: Seit Massenmedien über (besonders monströse) Verbrechen berichten, sind sie, was die Sprache angeht, nicht zimperlich. „Bestie von Beelitz“ etwa. Wie man diesem Blog entnehmen kann, halte ich nichts davon, Menschen, die monströse Verbrechen begangen zu haben, durch solche Begriffe zu dehumanisieren – auch Jürgen Bartsch zB bleibt ein Mensch, war übrigens ein sehr unglücklicher Mensch, und er hatte wohl wirklich keine Chance. Auch in der seriösen Berichterstattung über solche Verbrechen werden diese Bezeichnungen, meistens dann in „“, übernommen, weil sie sich halt eingebürgert haben. Darin sehe ich nichts verwerfliches. Lektüretip: Bestien des Boulevards, Die Deutschen und ihre Serienmörder, Katrin Kompisch, Frank Otto, eine sehr seriöse, interessante Studie.

    Grundsätzlich halte ich nichts davon, jemandem ohne nähere Untersuchung des Falls und der Umstände allein qua Sprache Haltungen herbeizudekonstruieren, häufig herbeizulügen. Motto: „Der sagt ´x´, das bedeutet eine rassistische Grundhaltung“ oä. Kann! kann eine rassistische Grundhaltung bedeuten. Kuzmany tut so, als hätten alle, die je Döner-Morde sagten (der Begriff ist Jahre alt, die Empörung über diesen Begriff findet sich zumindest im Mainstream aber erst jetzt ein!) gleichsam mitgemordet. Und das ist Blödsinn. Nachdem der Begriff jetzt diese Wendung genommen hat und man mit seiner fortgesetzten Verwendung auch etwas zum Ausdruck bringen k a n n, werde ich ihn nicht mehr verwenden, aber für mich, der sich ein bißchen mit Kriminalität und ihrer öffentlichen Wahrnehmung auseinander gesetzt hat, bleibt er eigentlich harmlos. Da kenne ich ganz andere Bezeichnungen. Ein serial killer (hat kleine Jungen ermordet) hieß mal „Onkel Tic-tac“ (er war Uhrmacher). Es heißt übrigens Döner-MORD. Für mich ist der Begriff Mord keine Verharmlosung. Ich sehe in der in meinen Augen häufig verlogenen Aufregung über diesen Begriff auch so etwas wie Abspaltung, Selbstgerechtigkeit. das nehmen Sie jetzt bitte nicht persönlich.

    • Wednesday  On November 17, 2011 at 19:06

      > Hm, jetzt muss ich in Mediengeschichte und Sprachtheorie einführen.

      Nein, musst Du nicht. Stell Dir einfach vor, Du redest hier mit einer Hauptschülerin, dann geht das auch in zwei Minuten mit einfachen Worten…

      Da sich Migranten durch den Begriff rassistisch herabwürdigt fühlen, und zwar nicht erst seit JETZT, bleib ich dabei: „Döner-Morde“ geht nicht weil rassistisch. Und ein Migrant hat besonders feine Fühler für so was. Ciao, W-Day

      • hf99  On November 17, 2011 at 19:42

        Die hinhaltenden, gehäuften Proteste, seit Jahren, gegen diesen Boulevardbegriff würde ich jetzt gerne sehen. Ich habe sie trotz Recherche nicht gefunden. Kam alles erst in den letzten Tagen. Und da wirds dann ranzig, wenn jemand sich auf Kosten anderer, und vor allem der Opfer, zum Antirassisten inszeniert.

        • Wednesday  On November 18, 2011 at 10:29

          Wieso gehst Du davon aus, dass alles in den Medien, im Internet stehen muss? Ich rede direkt mit Migranten, Türken, Jugoslawen, wo denkst Du hin, daß die zur BILD gehen oder zu sonst einer Zeitung, um sich zu beschweren über dummdreiste Benamsung? Meine Mutter hat das früher mal gemacht, zwei drei Mal Leserbriefe gegen rassistische Äusserungen in einem Münchner Boulevard-Blatt, die wurden aber nicht gedruckt. 😀 Vielleicht war sie in ihrer Wortwahl ja nicht genügend unterwürfig… Weisst Du, wie manche deutsche Eltern sich (nein, nicht schriftlich, nur so „unter sich“) über die wachsende Zahl türkischer Schulkinder ausdrücken? Daß es Widerstand gegen türkischstämmige Elternvertreter gibt? Da fällt das blöde „Döner“, um dem Türken seine Grenzen zu zeigen, auch gern. Sorry, echt. 😉 Ciao, W-Day

          • summacumlaude  On November 18, 2011 at 11:52

            Wenn ich Hartmut recht verstanden habe, geht es ihm sehr wohl um das öffentliche Sprechen über die Mordserie; und da hat er recht. 10 Jahre hieß die SOKO Bosporus und die Serie Döner-Morde. Gegen diese Benennung hat es keinesfalls Proteste gegeben. Das nunmehrige Empörtsein hierüber ist apokryph.
            Dass Eltern über die türkischen Mitschüler ihrer Kinder schlecht reden, ist auch mir bekannt; ebenso wie über kranke respektive wahrnehmungsproblematische Mitschüler („Mein Kind soll nicht mit dem ADHS-Schrott zusammen eingeschult werden“ Zitat aus Berlin). Offenkundig wähnen diese Eltern ihre Kinder durch Türken bzw. ADHS-Kinder in der großen Leistungsshow gebremst.
            Als jemand, der mit türkischstämmigen Deutschen zusammenarbeitet, muß ich Dir aber sagen, dass aus Daffke sich gegenseitig Döner und Kartoffel gennant wird. Ob das nun noch unbefangen möglich ist, muß sich erweisen. Skandalöser als diese Benennung finde ich allerdings die Unterstellung, die Opfer hätten mit organisierter Kriminalität zu tun (was der SOKO-Name ja unterstellt).

          • summacumlaude  On November 18, 2011 at 11:57

            Wenn ich Hartmut recht verstanden habe, geht es ihm sehr wohl um das öffentliche Sprechen über die Mordserie; und da hat er recht. 10 Jahre hieß die SOKO Bosporus und die Serie Döner-Morde. Gegen diese Benennung hat es keinesfalls Proteste gegeben. Das nunmehrige Empörtsein hierüber ist apokryph.

            Dass Eltern über die türkischen Mitschüler ihrer Kinder schlecht reden, ist auch mir bekannt; ebenso wie über kranke respektive wahrnehmungsproblematische Mitschüler („Mein Kind soll nicht mit dem ADHS-Schrott zusammen eingeschult werden“ Zitat aus Berlin). Offenkundig wähnen diese Eltern ihre Kinder durch Türken bzw. ADHS-Kinder in der großen Leistungsshow gebremst. Ein anderes Thema.

            ls jemand, der mit türkischstämmigen Deutschen zusammenarbeitet, muß ich Dir aber sagen, dass aus Daffke sich schon mal gegenseitig Döner und Kartoffel gennant wird. Ob das nun noch unbefangen möglich ist, muß sich erweisen. Das Zuckerfest und Weihnachten wurde und wird respektiert und darauf kommt es an. Skandalöser als diese Benennung finde ich allerdings die Unterstellung, die Opfer hätten mit organisierter Kriminalität zu tun (was der SOKO-Name ja unterstellt).

            • hf99  On November 18, 2011 at 14:21

              hab beides freigeschaltet, weil Dir ansonsten ähnliches blüht wie dem guten bersarin, der hier immer reichsunterwürfig anklopfen muss…ich muss meinen spamfilter so hart einstellen.

              „aus Daffke“ ist ein sehr guter ergänzender Hinweis, klar, das sowieso. die von Dir und wednesday geschilderten alltagsrassismen/alltagshassexzesse gegen minderheiten („ADHS-Schrott“ yep!) kenn ich auch. auf der ehemaligen schule meiner kinder hat sich ein schwarzer irgendwann geweigert, sich als elternvertreter aufstellen zu lassen. die erniedrigend geringen stimmen für ihn waren ihm dann irgendwann zu blöd.

              Mir geht es aber primär wirklich um diese elende Rassismusriecherei selbstermächtigter, mit neopietistischen Zerknirschungsdiskursen operierender Sprachpolizisten. jetzt rückt man an. ich finde das selbstgefälig. das deutsch-türkische Jugendwerk hat auch protestiert gegen den seit jahren im umlauf sich befindenden begriff. und wann tat es das? am 17.11.2011, keine minute früher. alles votzen außer mutti. alles rassisten außer mir. oder, noch etwas böser ausgedrückt: wer rassist ist, bestimme ich. nee, so bitte nicht!

              schade, wednesday, dass du auf meine argumente nicht eingehen mochtest. anyway: ich habe jetzt anderes zu tun, das hier betrifft einen nebenaspekt.

              • Wednesday  On November 18, 2011 at 14:38

                > dass du auf meine argumente nicht eingehen möchtest.

                Du trennst Öffentlich von Privat und gehst nicht darauf ein, daß ich beides nicht getrennt voneinander sehe.
                Ich find es gut, daß eine Sprachkritik einsetzt, wenn in den *öffentlichen, bürgerlichen Medien* auch sehr spät.
                In linksradikalen Medien gibt es diese Kritik seit etlichen Jahren…

                > ich habe jetzt anderes zu tun

                Du nimmst das Geplänkel vielleicht zu ernst.

            • Wednesday  On November 18, 2011 at 14:31

              Wenn ich Hartmut richtig verstanden habe, geht es ihm gegen „Rassismusriecherei“.
              Ich riech Rassismus immer wieder heraus, auch unter Nicht-Deutschen, hier aber geht es nicht um unbefangene Späße unter Freunden oder Kollegen (Döner vs. Kartoffel vs. Weißbrot); und ich relativiere in der Sache nicht mit dem allgegenwärtigen Rassismus, weil man dabei auf einen Nenner kommt: „die Menschen sind halt überall scheiße“, und das führt zu Gleichgültigkeit.

              • hf99  On November 18, 2011 at 15:23

                „In linksradikalen Medien gibt es diese Kritik seit etlichen Jahren…“ ja, weiß ich, und ich halte sie seit Jahren, mit Hannah Arendt, für fehlerhaft 😉 ist ja nicht so, dass die Verwendung des Wortes „Döner“ nie rassistisch gemeint ist – das dürfte sogar häufig der fall sein – ich bestreite eben nur eine „Rassismusnotwendigkeit“. Beim Daffke unter Kollegen, bei der laxen Übernahme eines Boulevard-begriffs vermag ich diesen Rassismus nicht zu erkennen. Dekonstruktionen sollten m.E. immer mit einem Gran Konjunktiv formuliert werden.

                „„die Menschen sind halt überall scheiße“, und das führt zu Gleichgültigkeit.“ Da antworte ich mit Arendt: Wenn alles rassistisch ist, ist nichts rassistisch, und d a s führt m.E. zur Gleichgültigkeit.

  • DerZumBahnhofRennt  On November 17, 2011 at 15:54

    How To Tell People They Sound Racist

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